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Oliver Jens Schmitt: „Moskaus westliche Rivalen. Eine europäische Geschichte vom Nordkap bis zum Schwarzen Meer“, Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 2025, gebunden, 480 Seiten, 32 Euro
Oliver Jens Schmitt: „Moskaus westliche Rivalen. Eine europäische Geschichte vom Nordkap bis zum Schwarzen Meer“, Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 2025, gebunden, 480 Seiten, 32 Euro

Fakten, nicht Kalter Krieg

„Die Vatererde heimholen“

Russlands Versuche in 600 Jahren Geschichte, sein Reich nach Westen auszudehnen

Dirk Klose
09.05.2026

Die „Vatererde“ heimholen, das hatte schon Iwan der Schreckliche geplant, als er die westlichen Nachbarn seines Reiches attackierte. Kaum anders sagt es heute Präsident Putin. Russland, das zeigt der Wiener Historiker Oliver Jens Schmitt in diesem faktenreichen Buch, war seit Jahrhunderten bestrebt, sich nach Westen auszudehnen, ohne dabei Rücksicht auf die dort lebenden Völker zu nehmen, nicht auf Schweden, zu dem jahrhundertelang Finnland gehörte, nicht auf Livland und Kurland (heute Estland und Lettland), nicht auf Bessarabien und Moldau an der Grenze zum Osmanischen Reich, am wenigstens auf Polen und Litauen.

600 Jahre Kriege, Eroberungen, brüchige Frieden und heroischer Widerstand kennzeichnen Russlands Beziehungen zu seinen Nachbarn. Bis Ende des 17. Jahrhunderts hielten die westlichen Staaten stand, ja brachten Moskau mehrfach an den Rand des Untergangs. Dann änderte sich mit dem Nordischen Krieg und der schwedischen Niederlage bei Poltawa im Jahr 1709 das Bild: Von da an war Russland die Großmacht im Osten Europas und weitete seinen Machtbereich ständig aus. Es erhielt weite Teile Kareliens, das Baltikum, bis 1795 große Teile Polens, im 19. und 20. Jahrhundert Gebiete an der Donau und in der Steppe. Erst in unseren Tagen haben Russlands Nachbarn eine (prekäre?) Unabhängigkeit erreicht.

Moskaus Mittel waren immer gleich: Drohungen und Einschüchterungen, haltlose Versprechen, Überfälle, Zwangsmaßnahmen und Verschleppung halber Völker. Mit bewundernswertem Mut wehrten sich diese: Noch unter schwedischer Herrschaft hatte sich Finnland eine Art Zivilgesellschaft aufgebaut, die auch die Zarenzeit überdauerte und nach 1918 die Unabhängigkeit ermöglichte. Im Baltikum, das der zivilisierteste Teil des Imperiums war, hielt sich westeuropäische Kultur trotz aller Repressionen. Polen, dessen leichtsinnige Adelsrepublik das Land an die Großmächte verscherbelt hatte, kämpfte verbissen um seine nationale Identität, mehr und mehr auch Ukrainer und in Ansätzen sogar Weißrussen.

Im allgemeinen Geschichtswissen dominieren bei uns West- und Südeuropa. Dieses Buch zeigt, dass die Geschichte in Ostmitteleuropa vom Nordkap bis zur Donau in dem dauernden Wechsel von Krieg und Frieden mindestens ebenso dramatisch verlaufen ist. Es ist sehr zu wünschen, dass sich dieses Wissen etwas breiter durchsetzt. Schmitts außerordentliche Darstellung, einzig Fakten, keineswegs Kalter Krieg, ist dazu die allerbeste Einführung.


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