Preußische Allgemeine Zeitung Zeitung für Deutschland · Das Ostpreußenblatt · Pommersche Zeitung
Am 20. Januar 1945 begann für einen Lorbaß eine Odyssee von Tapiau über das brennende Königsberg bis an den Neckar
Kurz vor dem Weihnachtsfest des Jahres 1944 musste meine Mutter auf Anordnung der Behörden drei Flüchtlingsfamilien aufnehmen. Wenige Wochen später, am 20. Januar 1945, mussten wir – sprich meine Mutter, meine Geschwister und ich, ein gebürtiger Tapiauer des Jahrgangs 1936, ohne meinen Vater, der im Krieg war, selbst bei eisiger Kälte und viel Schnee die ostpreußische Heimat, Haus und Hof verlassen. Wir reihten uns in den kilometerlangen Treck mit Pferd und Wagen sowie den letzten Habseligkeiten ein. Auf dem Wege nach Königsberg wurde der Treck immer größer – und langsamer. An der Straßengabelung Königsberg/Danzig wurde das Pferdegespann mit Sergev und meiner älteren Schwester durch deutsche Soldaten nach Danzig abgedrängt. Meine jüngere Schwester, meine Mutter und ich wurden gewaltsam nach Königsberg abgedrängt. Damit waren alle Habseligkeiten auf dem Leiterwagen für uns nicht mehr verfügbar. In Königsberg angekommen, wurden wir in verlassenen Wohnungen einquartiert.
Kurze Rückkehr in die Heimat
Im Sommer des Jahres 1945 gingen wir zu Fuß nach Tapiau, im Glauben, wir könnten dort wieder wohnen. Als meine Mutter das Haus betreten wollte, sollte sie beweisen, dass sie dort gelebt hatte. Die Wohnräume waren zu einem Lazarett umfunktioniert. Wir wurden freundlich bewirtet mit Essen und Trinken. Ein Russe sagte jedoch deutlich: „Ihr Deutschen werdet nicht mehr zurückkehren!“ Wir, eine Mutter mit zwei minderjährigen Kindern, mussten weiter zu Fuß gehen, um für die Nacht einen Unterschlupf zu finden. Wir wurden in ein leerstehendes Haus einquartiert, und dort fanden wir in den Kellern Nahrung, so lange der Vorrat reichte. Ich, der Lorbass, musste danach bei den russischen Familien betteln gehen, damit wir zu essen hatten.
Eine russische Familie ohne Kinder war sehr um mich bemüht; sie wollte mich adoptieren. Doch obwohl meine Mutter bei dieser Familie Arbeit fand, ließ sie es nicht zu. Wir zogen weiter in die Ungewissheit. Weggeworfene Kartoffelschalen waren unsere Nahrung. Dann wurde meine Mutter krank – sie hatte Typhusn Ich versuchte alles, um sie zu retten. Ich drehte Pillen aus Essensresten und sagte zu ihr: „Diese Pillen machen dich wieder gesundn“ Sie hat es geschafft. Als meine Mutter wieder zu Kräften kam, gingen wir zu Fuß zu ihrer Mutter nach Gilge, ohne zu wissen, ob sie noch da war.
Ein kurzes Aufatmen am Haff
Die Überraschung war gelungen. Wir hatten ab jetzt genug zu essen, nämlich Fisch. Meine Oma Else kannte nur ein Buch, das war die Bibel. Sie fuhr oft über das Haff nach Litauen, um auf den Märkten ihre Waren anzupreisen. Ich erlebte erst jetzt meine Kindheit, denn ich war frei. Ich habe der Oma geholfen, Holz zu hacken, Wasser aus dem Fluss Gilge zu schöpfen, und war glücklich.
Im April 1948 ließen die Russen uns Deutsche wissen: „Ihr müsst Ostpreußen für immer verlassen.“ Es ging zu Fuß nach Insterburg. Dort wurden wir in Viehwaggons eingepfercht. Wohin der Zug und führt, wussten wir nicht. Bei den Haltestationen auf der Bahnstrecke suchten sich die russischen Soldaten Frauen aus, und keiner wusste, ob es für sie ein Zurück gab. Ernährt haben wir uns von Mehlbeeren und Kräutern. Bei längeren Aufenthalten in großen Hallen suchten die russischen Soldaten nach weiblicher Beute. Ich habe meine Mutter und meine Schwester davor zu schützen vesucht – so gut ich konnte und mit Erfolg. Die Frage, wohin der Zug uns führt, war immer gegenwärtig.
Vertreibung in die SBZ
Schließlich sind wir in Warschau angekommen. Nach der Öffnung der Waggontür von außen schwang ein neugieriger Pole in Uniform seine Peitsche um meinen Hals, um mich aus dem Waggon zu ziehen. Ich lag hilflos vor seinen Füßen. Die Lokomotive wurde gewechselt und wir fuhren jetzt nach Frankfurt an der Oder in ein Aufnahmelager. Über das Deutsche Rote Kreuz konnte meine Mutter meinen Vater und meine ältere Schwester ausfindig machen.
Wider Erwarten kamen wir nach zwei Wochen der Untersuchung und Klärung in Thüringen im Ort Neusiß an und wurden in einer leerstehenden Schule einquartiert. Niemand kümmerte sich um uns. Nach zwei Wochen sagte meine Mutter zu uns Kindern: „Morgen in aller Frühe verlassen wir diesen Ort, aber ihr müsst ganz still sein.“ Meine Mutter hatte eine Verabredung, um zu Fuß durch den Thüringer Wald in das noch US-amerikanisch besetzte Meiningen zu kommen. Hier wurden wir schon von Helfern empfangen, die mit unseren Helfern in Neusiß in Verbindung standen. Sie waren es auch, die uns zu dem Zug nach Helmstedt ins dortige Aufnahmequartier führten.
Flucht zu den US-Amerikanern
Helmstedt war nur eine Zwischenstation, denn unser Weg zu meinem Vater in Oberscheidental führte über Friedland. Hier wurden wir neu eingekleidet. Weiter ging die Reise per Zug nach Eberbach am Neckar. Meine Mutter fragte einen Bahnbeamten mit roter Mütze: „Wie kommen wir jetzt nach Oberscheidental?“ Er gab zur Antwort: „Gute Frau, heute ist Sonntag und da fährt kein Bus. Das sollten Sie aber wissen. Dann müssen Sie eben zu Fuß die 20 Kilometer gehen.“ Dabei schüttelte er den Kopf. Wir lebten unsere Zeit ohne Kalender und ohne Uhr! Das war für meine Mutter ja auch unwichtig.
Ja, hier in Eberbach hatte man anscheinend von Krieg und Vertreibung nie etwas gehört. Wir waren aber überglücklich, in Freiheit zu sein, wenn auch der Weg zu meinem Vater an diesem Herbstsonntag 1948 sehr beschwerlich war.
Es war eine Odyssee für uns alle. Aber schließlich war die Familie, meine Großmutter Else, meine Mutter, mein Vater, meine Schwestern und ich, wieder vereint.