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Der Wochenrückblick

Gleich mehrfach entgleist

Wie eine Personalie zur Ohrfeige mutierte und was Alarmismus mit Dilettantismus zu tun hat

Jens Eichler
08.08.2026

Es gibt Wochen, da fragt man sich, ob in Berlin eigentlich noch Politik gemacht wird oder ob inzwischen nur noch Stühlerücken als Hochleistungssport gilt. Kaum hat man sich einen Namen auf einer Ministeriumstür gemerkt, zack – schon wird das Messingschild wieder abgeschraubt. Regierung, Fraktion, Partei – überall wird umgebaut, umgesetzt und ausgetauscht. Offenbar gilt inzwischen: Wenn schon die Probleme bleiben, sollen wenigstens die Visitenkarten wechseln. Der jüngste Umbau von Kanzler Friedrich Merz brachte gleich mehrere Personalwechsel mit sich und sorgte parteiintern für deutliche Unruhe. Da war richtig Sturm in der sonst eher behäbigen Parteibude angesagt.

Besonders unerquicklich wurde die Sache beim Umgang mit Ex-Verkehrsminister Patrick Schnieder. Man könnte direkt sagen: Ganz schön abgefahren! Der Mann wurde verabschiedet, als hätte er gerade den BER pünktlich eröffnet, die Bahn obendrein in einem Handstreich saniert und nebenbei noch das Schlagloch erfunden, um es anschließend eigenhändig wieder zuzuschütten. Tosender Applaus. Standing Ovations. Für ihn. Es fehlte nur noch der goldene Lorbeerkranz. Dumm nur, dass jede Minute Beifall für den frisch Geschassten wie eine Minute Misstrauensvotum gegen den wirkte, der ihn gerade vor die Tür gesetzt hatte. Eine noch lauter schallendere Ohrfeige für den Kanzler hätte es nur gegeben, wenn die Fraktion gleichzeitig „Time to Say Goodbye“ angestimmt hätte.

Wir lernen daraus: Nicht jede Personalentscheidung wird dadurch klüger, dass man sie besonders zackig entschlossen trifft. Manchmal wirkt so eine Ruck-zuck-Aktion eben nur wie Hast mit flotter Krawatte.

Während also in der Union Möbel gerückt wurden, zeigte sich die politische Linke einmal mehr von ihrer zuverlässigsten Seite: zuverlässig voll daneben. Nach dem islamistischen Terroranschlag am Berliner Christopher Street Day hätte man erwarten dürfen, dass wenigstens für ein paar Stunden die Wirklichkeit Vorrang vor den ideologischen Reflexen bekommt. Von wegen. Teile der Berliner Linken schafften es zunächst tatsächlich, um den islamistischen Hintergrund einen Bogen zu machen, als handele es sich um ein peinliches Detail, das den eigenen Weltentwurf stören könnte. Erst später folgte eine Pseudo-Klarstellung – wie immer mit falscher Kausalität, emotionslos und vor allem erfrischend unglaubwürdig. So eiskalt kann nur die Linke an so heißen Tagen sein.

Aber das ist inzwischen fast ein eigenes politisches Genre. Wenn ein Täter nicht ins gewünschte Weltbild passt, wird zunächst das Weltbild geschützt. Die Opfer müssen derweil warten. Erst kommt die richtige Erzählung, dann die Realität. Oder auch nicht.

Dabei hätte der Anschlag jedem anständigen Demokraten Anlass geben müssen, die eigentliche Bedrohung klar zu benennen. Stattdessen erleben wir regelmäßig das gleiche Schauspiel: Wer auf den islamistischen Hintergrund hinweist, soll bloß nicht „instrumentalisieren“. Merkwürdig. Das Wort fällt immer dann besonders häufig, wenn die Tatsachen für bestimmte Truppen politisch unbequem werden. Über andere Formen des Extremismus spricht man wesentlich unbefangener. Komisch, oder?

Beinahe wäre Rot als Farbe ausgegangen

Aber ehrlich gesagt, hätten wir alle auf diese dümmliche Abkühlung der eiskalten Linken locker verzichten können. Ähnlich heiße Luft gab dann auch die linke Flüstertüte Clara Bünger von sich, als sie tatsächlich – natürlich wieder ohne einen Hauch Realitätssinn – im Zuge der Ceuta-Krise und des Ansturms der Nordafrikaner auf den spanischen Landzipfel forderte: „Deutschland und die EU stehen in der Pflicht, bei der Versorgung zu helfen und Schutzsuchende aufzunehmen“. Ganz ehrlich, was hat diese Dame geraucht? Allein an dieser geistigen Verwirrung sind die dramatischen Auswirkungen des Cannabisgesetzes erkennbar. Aber auf Irrsinn kann man sich bei den Linken eben immer verlassen. Auch wenn's selten witzig ist.

Fast noch verlässlicher als die Berliner Politik funktionierte in dieser Woche das deutsche Wettertheater. Vorhang auf, die Hitze kommt - und sie bleibt frecherweise sogar! Oder ist es doch mal wieder die Katastrophe? Das Thermometer kletterte, und augenblicklich wurde aus – zugegeben heißen – Sommer wieder der totale Weltuntergang. Kaum zeigte das Quecksilber ehrgeizige Ambitionen, marschierten die bekannten grünen Alarmisten und Hyper-Wetterfrosche in Reih und Glied durch die TV-Studios. Hitzegipfel hier, Katastrophenwarnung dort, Sonderkarten in tiefstem Dunkelrot überall. Fast wäre Rot als Farbe ausgegangen – ach man, als politische Ideologie wäre es nicht schade drum gewesen. Wer lediglich ein Eis essen wollte, bekam stattdessen das Gefühl vermittelt, er begebe sich auf eine Expedition durch die Sahara – selbstverständlich mit morbider Attitüde.

Wir staunen jedes Jahr aufs Neue über die erstaunliche Wandlungsfähigkeit deutscher Schlagzeilen. Im Winter erfrieren wir. Im Frühjahr vertrocknen wir. Im Sommer verkochen wir. Im Herbst ersaufen wir. Dazwischen retten wir das Klima dadurch, dass wir ein Grad weniger kühlen und zwei Grad mehr moralische Überlegenheit entwickeln und dabei zerdeppern wir alles, was uns bisher Wohlstand und soziale Sicherung gebracht hat. Wie war das noch? Am deutschen Wesen soll die Welt genesen? Nee, lass mal ...

Deutsche haben inzwischen zu jeder Lösung zehn neue Probleme

Natürlich soll niemand die Gefahren großer Hitze kleinreden. Alte Menschen und Kranke brauchen Schutz. Doch zwischen Vorsorge und hysterischem Ausnahmezustand liegt ungefähr dieselbe Entfernung wie zwischen einem Sonnenschirm und einem Bunker. Aber in Deutschland neigen wir inzwischen dazu, selbst den Wetterbericht als Krisensitzung zu veranstalten.

Überhaupt scheint Panik inzwischen unser Lieblingsenergieträger zu sein. Sie ist CO₂-neutral, rund um die Uhr verfügbar und braucht keine Netzausbaupläne. Kaum taucht irgendwo ein Problem auf, wird es binnen Minuten zur historischen Zäsur erklärt. Das spart das mühsame Nachdenken. Wer Alarm schlägt, muss schließlich nichts mehr erklären. Tja, Lösungen sind nicht mehr so wirklich unser Ding. Panik, Dilettantismus und Empörung schon eher. Nicht umsonst macht immer öfter die neue Weisheit die Runde: Die Deutschen haben zu jeder Lösung gleich zehn neue Probleme ...! Da ist was dran.

So blieb unter dem Strich eine Woche, in der wir lernten, dass ein Minister unter donnerndem Beifall verabschiedet werden kann, während der Kanzler daneben ziemlich bedröppelt aussieht. Dass Teile der politischen Linken selbst nach einem islamistischen Terroranschlag ihr ideologisches Koordinatensystem nicht sortiert bekommen. Und dass Hitzetage längst kein Sommer mehr sind, sondern die Vorstufe zur Apokalypse.

Wir bleiben deshalb trotzdem lieber preußisch gelassen. Irgendjemand muss es ja tun.


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