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Ein ostfriesisches Renaissancejuwel und ein Speckhaus – Das Schöninghsche Haus von Norden begeht den 450. Jahrestag
In der Osterstraße 5 der ostfriesischen Stadt Norden steht ein Bauwerk, das wie kaum ein zweites die glanzvolle Epoche der Renaissance in Nordwestdeutschland verkörpert. Das Schöninghsche Haus ist weit mehr als eine historische Immobilie – es ist ein steinernes Zeugnis kaufmännischer Macht, ästhetischen Eigensinns und einer wunderbaren Rettung vor der Spitzhacke der Moderne. Wer heute vor der prächtigen Fassade verweilt, blickt auf eine 450-jährige Geschichte, die mit dem Schicksal Ostfrieslands verwoben ist.
Ganz oben an der Fassade kündet eine kunstvoll gefertigte Sandsteintafel von den Ursprüngen dieses architektonischen Juwels. Der überaus vermögende Norder Kaufmann Egbert Crayer erwarb im Jahr 1554 das bereits bebaute Grundstück, um Platz für seine Vision zu schaffen. Er ließ den Altbau abreißen und errichtete ein Domizil, das heute als das bedeutendste Patrizierhaus der Renaissance in ganz Ostfriesland gilt. Zu jener Zeit war die Region unter der Häuptlingsfamilie Cirksena noch ein reichsunmittelbares Fürstentum – ein Status, der erst endete, als das Land unter Friedrich II. an Preußen fiel. Das „Speckhaus“ entstand somit noch im Glanz der alten Unabhängigkeit.
Der Bauherr Crayer bewies bei der Gestaltung des Hauses, das ein beliebtes Fotomotiv von Architekturliebhabern aus aller Welt ist, einen exzellenten Geschmack und internationalen Weitblick. Er orientierte sich an der in den Niederlanden verbreiteten Specklagen-Bauweise. Diese Technik verdankt ihren Namen der optischen Ähnlichkeit zu gut durchwachsenem Schinken und setzt auf einen rhythmischen Wechsel zwischen roten Ziegeln und hellen Natursteinschichten.
Die Bauform hat ihre Wurzeln in der Antike: Schon in den römischen Kaiserthermen in Trier wurde gestreiftes Mauerwerk verwendet. In der Renaissance entdeckte man den praktischen Nutzen, da die Schichten dazu dienten, feuchtigkeitsliebende Natursteine abzudichten.
Die Fassade beeindruckt mit einer filigran wirkenden, „in Fenstern aufgelösten“ Giebelwand. Jede Giebelseite wird von figürlichen Darstellungen aus Sandstein bekrönt, während die markanten Kreuzstockfenster muschelförmige Überwürfe besitzen. Dieser Detailreichtum findet sich in ähnlicher Form auch beim Merveldter Hof im münsterländischen Horstmar.
Doch die Geschichte des Hauses wurde nicht nur durch Steine, sondern durch seine Bewohner geprägt. Ab 1600 setzte eine Odyssee durch verschiedene Hände ein – vom Geldverleiher Johann Bitter über Bürgermeister Sassen bis hin zu Ratsherren. Seinen heutigen Namen erhielt es durch Wilhelm Peter Schöningh, der das Gebäude 1869 erwarb und dessen Familie es über ein Jahrhundert lang hielt.
Beinahe wäre diese Pracht verloren gegangen. Im Jahr 1963 drohte die Baubehörde wegen massiver Mängel mit dem Abriss. In einem dramatischen Tauziehen zwischen Denkmalschutz und Abbruchverfügung trat Fürst Wilhelm Ezard zu Innhausen und Knyphausen als Retter auf den Plan. Er erwarb das Objekt und verkaufte es an den Juristen Veit Wucherpfenning, der das Haus mit enormem Aufwand restaurierte. Der jüngste Kapitelwechsel vollzog sich 2021, als Günther Held das Juwel übernahm. Durch eine erneute Renovierung stellte er sicher, dass das Haus nicht zum Museum erstarrt. Heute gewährleistet Held eine wohnliche und gastronomische Nutzung, die das historische Ambiente für die Öffentlichkeit erlebbar macht.