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Unter den Tech-Milliardären in Kalifornien gibt es viele Konvertiten wie Peter Thiel, der plötzlich sogar anfängt, über den Antichristen zu sprechen
Das Silicon Valley bei San Francisco im US-Bundesstaat Kalifornien entstand zwar einst aus der Santa Clara University des Jesuitenordens, aber lange galt dort dennoch Religion eher als ein Relikt aus der Vergangenheit. Wer an Gott glaubte, wirkte zwischen Algorithmen, Raketen und künstlicher Intelligenz lange wie ein Fremdkörper oder wie ein verklärtes Wesen einer vergangenen Zeit. Die Ideologie des Tech-Zeitalters war klar: Technologie ersetzt Transzendenz. Fortschritt ersetzt Erlösung. Der Mensch wird durch Innovation gerettet, nicht durch Glaube an die Auferstehung. Doch genau dort, wo man am stärksten an die Macht der Wissenschaft glaubte, kehrt nun plötzlich die Religion zurück. Und das hat wiederum erstaunlich viel mit dem US-Präsidenten Donald Trump zu tun.
Schaffung einer neuen Zivilisation
Besonders sichtbar wird dieser eigentümliche Wandel an Peter Thiel, dem milliardenschweren Mitgründer von PayPal und Gründer von Palantir, der in Frankfurt geboren wurde. Thiel gehört seit Jahren zu den wichtigsten Unterstützern Trumps und gilt zugleich als politischer Mentor von US-Vizepräsident J. D. Vance, ebenfalls ein Konvertit zum traditionellen Katholizismus wie auch Thiel. Dass ausgerechnet dieser Mann nun private Vortragsreihen über den Antichristen hält, wie kürzlich in Rom, wirkt zunächst ein Stück weit absurd. Doch dahinter steckt eine tiefe Verunsicherung: Die Tech-Elite beginnt nämlich inzwischen, ihre eigene Macht zu fürchten.
Denn im Silicon Valley baut man längst nicht mehr nur harmlose Apps. Man arbeitet an autonomen Waffen, Gehirnchips, generativer KI und Hightech-Maschinen, die den Menschen irgendwann übertreffen könnten. Unternehmen wie Neuralink wollen Gehirn und Computer verschmelzen. Andere Firmen entwickeln sogar Systeme, die Entscheidungen künftig schneller treffen können als Regierungen. Die Ingenieure dort gestalten nicht bloß Produkte – sie gestalten eine neue Zivilisation. Und genau das erzeugt eine spirituelle Krise.
Viele Tech-Entwickler merken plötzlich, dass technische Intelligenz keine Antwort auf moralische Fragen liefert. Eine KI kann vielleicht Krankheiten diagnostizieren oder Kriege optimieren – aber sie beantwortet nicht, was ein Mensch überhaupt ist. Oder warum menschliches Leben Würde besitzt. Deshalb wächst im Silicon Valley derzeit eine neue religiöse Neugier oder Aufgeschlossenheit. Nicht unbedingt klassische Frömmigkeit, sondern eine Mischung aus christlicher Eschatologie, philosophischer Sinnsuche und Zukunftsangst. Ingenieure diskutieren über Bibelstellen, das Ende der Welt und die Gefahr, ungewollt quasi selbst „wie Götter“ zu werden.
Beeinflusst vom französischen Philosophen René Girard glaubt Thiel, dass moderne Gesellschaften von Rivalität und Nachahmung zerstört werden. Menschen wollen immer das besitzen, was andere haben. Daraus entstehen im Endeffekt Gewalt, Neid und politische Extreme. Religion – insbesondere das Christentum – erscheint ihm deshalb nicht nur als bloßer spiritueller Glaube, sondern mehr noch als ein Schutzmechanismus gegen den Zerfall der Gesellschaft.
Trump als disruptiver Schock
Besonders brisant wird seine Theorie beim Thema Antichrist. Der deutsche Großinvestor Thiel behauptet, die eigentliche Gefahr sei nicht eine dämonische Figur aus Horrorfilmen, kein gehörntes, mit Hufen und Schweif versehenes Monsterwesen aus der feurigen Hölle, sondern ein globales System der Kontrolle, das aus Angst entsteht: und zwar Angst vor Klimakatastrophen, Angst vor Kriegen, sowie Angst vor KI. Unter dem Vorwand der Sicherheit könne daher eine technokratische Weltordnung entstehen, die totale Überwachung legitimiert.
Für viele konservative Tech-Denker steht Trump deshalb auch symbolisch für den Widerstand gegen globale Kontrollsysteme. Nicht unbedingt aus religiöser Überzeugung, sondern weil Trump als Störfaktor gegen Eliten, Bürokratien und supranationale Machtzentren wahrgenommen wird. Thiel unterstützte Trump nie primär wegen persönlicher Sympathie, sondern weil er glaubte, das US-amerikanische System brauche einen disruptiven Schock, um letztendlich wieder aufzuwachen.
Angst vor dem Erschaffenen
Im Silicon Valley verschmelzen inzwischen politische und religiöse Narrative. Die Angst vor einer entmenschlichten Technokratie verbindet sich mit konservativem Christentum, KI-Apokalypsen und einem neuen Eliten-Bewusstsein. Manche evangelikale Entwickler sehen in künstlicher Intelligenz sogar ein Werkzeug, um die Bibel in alle Sprachen der Welt zu übersetzen – und damit die Wiederkunft Christi zu beschleunigen. Was hier entsteht, ist aber keine klassische Religion. Es ist eher eine kalte, postmoderne Tech-Mystik.
Die alten atheistischen Gewissheiten der Silicon-Valley-Kultur bröckeln mehr und mehr. Je näher man daran kommt, Maschinen mit menschenähnlicher Intelligenz zu erschaffen, desto drängender werden Fragen, die ethischen nach Seele, Bewusstsein und Moral. Der irrige Traum, Gott überflüssig zu machen, endet paradoxerweise damit, dass viele Entwickler wieder nach diesem erlösenden, Heil bringenden Gott suchen. Vielleicht ist das die eigentliche Ironie unserer Zeit: Ausgerechnet die Menschen, welche die Zukunft erdenken, kreieren und erbauen, haben mittlerweile damit begonnen, sich parallel ein Stück weit auch vor ihr zu fürchten.