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Gesunkene Atom-U-Boote, verloren gegangene Bomben und achtlos entsorgter Nuklearschrott: Auf dem Grund der Weltmeere liegt das Zeug für etliche verheerende Katastrophen
Auf dem Grund der Ozeane lagern beträchtliche Mengen nuklearen Materials – ein atomares Damoklesschwert für die Menschheit. Der Grundstein für diese regelmäßig verdrängte Gefahr wurde bereits 1946 gelegt, als die USA erstmals unzählige Behälter mit hochradioaktiven Abfällen im Pazifik versenkten. In den 48 Jahren danach entsorgten dann weitere zwölf Staaten ihren Atommüll im Meer, bis ein dauerhaftes und uneingeschränktes internationales Verbot den Irrsinn stoppte.
Die Strahlungsaktivität der Abfälle wird auf knapp 50 Pentabequerel beziffert – das ergibt um die 50 Billiarden atomare Zerfallsprozesse pro Sekunde! Andererseits macht das trotzdem nur ein Drittel dessen aus, was der Mensch den Ozeanen bislang an nuklearer Verschmutzung zugemutet hat. Die übrige künstliche Radioaktivität im Meer rührt aus dem Untergang von US-amerikanischen und sowjetischen beziehungsweise russischen Atom-U-Booten sowie der gezielten „Verklappung“ der Kernreaktoren von Über- und Unterwasserschiffen auf Befehl Moskaus.
Das erste U-Boot mit Nuklearantrieb, das auf Nimmerwiedersehen in der Tiefe verschwand und dort vom Wasserdruck zerquetscht wurde, war die „Tresher“. Der Stolz der US-Marine implodierte am 10. April 1963 bei einem Tauchgang etwa 350 Kilometer vor der Ostküste der Vereinigten Staaten, wobei alle 129 Seeleute an Bord umkamen. Fünf Jahre später, am 22. Mai 1968, erwischte es die „Scorpion“, ein weiteres kernkraftgetriebenes Boot der Amerikaner, das seitdem mitsamt seiner kompletten Besatzung von 99 Mann in 3.400 Metern Tiefe südwestlich der Azoren auf Grund liegt.
Die nächsten fünf Totalverluste von Atom-U-Booten gingen dann allerdings samt und sonders auf das Konto der sowjetischen oder russischen Marine. Als Erstes musste die „K-8“ am 12. April 1970 wegen eines außer Kontrolle geratenen Kabelbrandes in den Gewässern der Biskaya aufgegeben werden. Dann explodierte am 3. Oktober 1986 rund 680 Seemeilen nordöstlich der Bermuda-Inseln eine der 16 R-27-Atomraketen in den Startschächten der „K-219“, woraufhin das schwer beschädigte Boot drei Tage später auf 5.500 Meter Tiefe sank.
Beinahe kam es zur Katastrophe
Am 7. April 1989 brach zudem im Heckraum der „K-278 Komsomolez“ ein Feuer aus, das zum Untergang des Bootes westlich der Bäreninsel auf halbem Weg zwischen dem Nordkap und Spitzbergen führte. Die russische Marine hatte überdies am 12. August 2000 den Verlust der „K-141 Kursk“ in der Barentssee zu beklagen. Diesem Raketenträger mit 118 Mann Besatzung wurde offenbar ein defekter Torpedo zum Verhängnis. Und am 30. August 2003 lief schließlich die ausgemusterte „K-159“ auf dem Weg zur Abwrackanlage in Poljarny über eine undichte Stopfbuchse am Heck voll Wasser. Das Boot verschwand ebenfalls in den Fluten der Barentssee.
Weil einige der Atom-U-Boote Moskaus zwei Reaktoren besaßen und die „Kursk“ 2001 gehoben werden konnte, liegen derzeit noch genau neun Atommeiler voller spaltbaren Materials auf Grund. Die sowjetische Marine hatte zudem keine Skrupel, zwischen 1961 und 1988 weitere acht Reaktoren aus zur Verschrottung vorgesehenen oder havarierten Booten im Polarmeer unweit der bereits durch etliche Atomtests kontaminierten Doppelinsel Nowaja Semlja zu entsorgen. Dazu kam 1967 die Versenkung des havarierten Reaktors des Atom-Eisbrechers „Lenin“ in der Kara-See.
Später verblieben die Atommeiler der insgesamt nun schon rund 200 stillgelegten Atom-U-Boote der UdSSR und Russlands an Bord der Kriegsschiffe, die derzeit auf drei U-Boot-Friedhöfen verrosten. Die Lagerstätten befinden sich in der Sajda-Bucht bei Gadschijewo nördlich von Murmansk sowie in Widjajewo und Saosjorsk ebenfalls auf der Halbinsel Kola. Dabei ließ die Beaufsichtigung der U-Boot-Leichen in der Vergangenheit oft zu wünschen übrig. So wäre es 1995 in Widjajewo beinahe zu einer Katastrophe gekommen, weil die Reaktoren eines der ausrangierten Boote zu überhitzen drohten. Das Militär hatte seine Stromrechnung nicht bezahlt, woraufhin die Stadtwerke die Leitungen zum Stützpunkt kappten, was zum Ausfall der Kühlwasserpumpen führte.
Die Unfälle und der verantwortungslose Umgang mit den atomaren Altlasten verursachten eine radioaktive Verseuchung des Meeres im Umfeld der Strahlungsquellen. So liegen die Cäsium-137-Messwerte unweit des Wracks der „Komsomolez“ rund 800.000 Mal höher als normal, wie die norwegische Strahlen- und Nuklearsicherheitsbehörde DSA ermittelt hat. Die nordischen Länder fürchten dramatische Langzeitfolgen für ihre Fischfangindustrie. Oft ist sogar von einem „Tschernobyl auf dem Meeresgrund“ die Rede.
Wasserstoffbomben im Mittelmeer
Doch es geht noch schlimmer, denn parallel dazu besteht die Gefahr, dass es zu einem „Unterwasser-Hiroshima“ kommt, weil durch den Untergang der U-Boote etliche scharfe Kernsprengköpfe im Meer landeten. Diese gehören zu den insgesamt 24 nuklear bestückten Torpedos der „Scorpion“, der „K-8“ und der „Komsomolez“. Auch die „K-219“ sank mit all ihren 16 Raketen an Bord, die jeweils drei atomare Gefechtsköpfe besitzen. Zu diesen Nuklearladungen kommen noch die sogenannten Broken Arrows, die bislang nicht gefunden beziehungsweise geborgen werden konnten. „Broken Arrow“ ist das Codewort der US-Streitkräfte für eine verloren gegangene Atom- oder Wasserstoffbomben. Meistens resultierten die Verluste aus Flugzeugabstürzen über dem Meer. So wie im Januar 1966, als eine auf Patrouille befindliche B-52 mit vier Wasserstoffbomben vor der spanischen Mittelmeerküste bei Palomares verunglückte.
Die offiziellen Statistiken des Pentagons zählen 32 solcher Zwischenfälle. Danach verschwanden seit 1950 elf der Bomben auf Nimmerwiedersehen, während unabhängige Experten sogar von rund 50 Totalverlusten bei über eintausend kritischen Ereignissen ausgehen. Auf jeden Fall ticken in den Ozeanen der Welt nun mehr als 80 atomare Zeitzünderbomben, welche trotz aller eingebauten Sicherungsmechanismen eines bösen Tages durchaus noch explodieren können.