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Mischung aus Touristenattraktion und Wohnen – Oleg Barmin baut nach dem Vorbild deutscher Siedlungen seinen „Barminhof“
Es gibt Orte, die sehen aus, als hätten sie ihre Zukunft längst verloren. Und es gibt Menschen, die genau darin ihren Anfang sehen. Im kleinen Dorf Postnicken [Saliwnoje] im nördlichen Ostpreußen, trifft beides aufeinander – in Gestalt eines Mannes, der aus dem industriellen Norden Russlands kommt und ein Stück verschwundener europäischer Geschichte neu zusammensetzen will.
Oleg Barmin stammt aus Sewerodwinsk bei Archangelsk, einer rauen Industriestadt im russischen Norden. Dort, wo einst sowjetische Großbetriebe dominierten, baute er in den 2000er Jahren ein Automobilimperium auf. Dann kam die Finanzkrise 2008 – und mit ihr der Absturz. Barmin verlor sein Unternehmen, blieb mit Millionenverbindlichkeiten zurück und begann noch einmal von vorn. In Königsberg gründete er die Leihwagenfirma „Leo-Rent“. Mit seiner Frau fuhr er 6.000 Kilometer in der Exklave umher, um jeden Ort kennenzulernen.
Das Pastorat als Initialzündung
Dann kaufte er an der Küste des Kurischen Haffs das evangelische Pfarrhaus aus dem Jahr 1912 in Postnicken ein Gebäude. Dieses war nach wechselvoller Nutzung – Schule, Verwaltung, Kindergarten – und Jahren des Leerstands nahezu ruiniert. Barmin und seine Familie restaurierten das Haus über Jahre hinweg. Zeitweise lebten sie während der Arbeiten in einem Zelt im Inneren des Gebäudes, um die Sanierung finanzieren und begleiten zu können. Original-Türen wurden aufgearbeitet, Dachstühle erneuert, Fenster nach historischen Mustern gefertigt.
Was als Wohnhausprojekt begann, wurde schnell mehr, denn Barmin begann, weitere Gebäude zu kaufen, ruinöse Scheunen, ehemalige Gutshäuser, verstreute Relikte der deutschen Vergangenheit. Aus deren Backsteinen soll ein neues Dorf entstehen – allerdings kein historisches Museum, sondern eine funktionierende Siedlung mit moderner Nutzung. Den Namen des Dorfes gibt es schon auf einem Hinweisschild: Barminhof.
Geplant ist ein zentraler Marktplatz mit Rathaus und Brunnen, flankiert von rund 20 bis 25 Gebäuden in klassischer U-Form. Cafés, Werkstätten, kleine Läden, Handwerksbetriebe, ein Gästehaus, „Coworking-Spaces“ – eine Mischung aus touristischer Inszenierung und wirtschaftlicher Infrastruktur. Barmin spricht von einem „Ort der Gäste“. Tatsächlich erinnert sein Konzept an eine Mischung aus historischer Rekonstruktion und kreativer Neugründung. In der Nähe, zwischen Heinrichswalde und Argelothen, liegt auch das von der orthodoxen Äbtissin Elisawjeta Kolzowa gegründete orthodoxe Dorf Bogoljubowo (Gottesliebe).
Inspiration findet Barmin in alten preußischen Karten, in Wehlau [Znamensk] und in europäischen Vorbildern, die Kriege und Modernisierung überstanden haben. Besonders skandinavische Beispiele wie das finnische Fiskars gelten ihm als Referenz: Orte, die industriellen Niedergang in kulturelle Wiedergeburt verwandelt haben. Der klassische europäische Stadtraum – Marktplatz, Kirche, Verwaltung, Handwerk – ist für ihn kein historisches Ornament, sondern ein funktionales System. Barmin kauft verfallene Gebäude, lässt sie abbauen und nutzt die originalen Ziegel für den Neubau.
Bei den Arbeiten tauchten immer wieder Spuren der Geschichte auf: alte Brunnen, eine in Mauerwerk steckende Kugel, Pferdehufeisen, Zeitungen aus dem 19. Jahrhundert. Für Barmin sind das keine Zufallsfunde, sondern Bestätigung.
Zwischen Vision und Realität
Das Projekt bleibt aber umstritten. Das nördliche Ostpreußen ist eine Region, in der Geschichte politisch sensibel ist. Die deutsche Vergangenheit ist sichtbar, aber nicht identitätsstiftend. Ein „deutsch wirkendes Dorf“ im heutigen Russland bewegt sich zwangsläufig im Spannungsfeld zwischen Erinnerung, Tourismus und politischer Deutung.
Barmin argumentiert pragmatisch: Ohne Investitionen, sagt er, bleibe jedes historische Gebäude nur ein weiterer Ruin. Noch ist das Dorf ein Flickenteppich aus Baustellen, Ideen und einzelnen restaurierten Häusern. Doch Barmin ist überzeugt, dass sich hier etwas Größeres formt – eine Siedlung, die Besucher anzieht, Kreative bindet und wirtschaftliche Impulse setzt.
b www.castlesandfamilies.com/russia