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Nach hundert Jahren Pause sind die Erinnerungen des 1921 als Kurzzeitaußenminister amtierenden Orientalisten neu aufgelegt worden
Vor hundert Jahren veröffentlichte Friedrich Rosen seine Erinnerungen an ein Leben zwischen Sprachen, Kulturen und politischen Ordnungen. Nun liegen diese Texte erneut vor – erweitert, ergänzt, kommentiert. Und sie verdienen eine Wiederlektüre. Nicht wegen der exotischen Kulisse, sondern wegen der Person selbst: eines deutschen Gelehrten und Diplomaten, der Weltoffenheit lebte, ohne seine nationale Loyalität aufzugeben, und der Multikulturalität praktizierte, lange bevor sie zum politischen Schlagwort wurde.
Rosen, vor 170 Jahren, am 30. August 1856, in Leipzig geboren, entstammte einer außergewöhnlichen Familie. Sein Vater Georg Rosen war selbst Orientalist und Diplomat, die Mutter Serena Anna Moscheles stammte aus dem jüdisch-britischen Bildungsbürgertum. Früh kam Rosen mit Mehrsprachigkeit und kultureller Vielfalt in Berührung. Einen wesentlichen Teil seiner Kindheit verbrachte er in Jerusalem, wo sein Vater im diplomatischen Dienst tätig war. Diese frühe Prägung sollte sein ganzes Leben bestimmen: Rosen wuchs in einer Welt auf, in der religiöse und kulturelle Differenz keine Bedrohung, sondern Alltag war.
Anders als viele Zeitgenossen verstand Rosen den außereuropäischen Raum nicht als Objekt kolonialer Betrachtung. Er studierte Orientalistik mit Ernsthaftigkeit, lernte Arabisch und Persisch, übersetzte Literatur und bewegte sich sicher in den gelehrten Milieus ebenso wie im diplomatischen Alltag. Seine späteren Reisen und Aufenthalte in der islamischen Welt waren keine Expeditionen, sondern Lebensabschnitte. Das gilt auch für seine Leitung der „Rosengesandtschaft“ von 1904/05 nach Äthiopien zur Aufnahme diplomatischer Beziehungen zu diesem Kaiserreich, das als einziges afrikanisches Land nicht kolonisiert worden war. Dass er in der islamischen Welt auch unter dem Namen „Sulaiman Ruzin“ bekannt war, verweist nicht auf eine Konversion, sondern auf Anerkennung. Seine jüdische Herkunft stellte in diesen Gesellschaften kein Hindernis dar, denn sie spielte schlicht keine Rolle.
Diplomat im Auswärtigen Amt
Gleichzeitig blieb Rosen fest im deutschen Staatsdienst verankert. Er changierte nicht „die Seiten“ wechselnd zwischen den Welten, sondern verstand sich als Vermittler. Seine diplomatische Laufbahn führte ihn unter anderem nach Bagdad, Teheran, Tanger, Bukarest, Lissabon und Den Haag. Überall galt er als kultivierter, sprachkundiger Vertreter deutscher Interessen – nicht als Missionar, sondern als Gesprächspartner. Diese Haltung entsprach einer deutschen Außenpolitik, die vor 1914 noch nicht ausschließlich machtpolitisch, sondern auch kulturell argumentierte.
Der politische Höhepunkt seines Lebens war zugleich sein kürzester: Im Mai 1921 berief der katholische Reichskanzler Joseph Wirth vom Zentrum den parteilosen Rosen zu seinem eigenen Nachfolger an der Spitze des Reichsaußenministeriums. Es war eine Zeit äußerster Schwäche Deutschlands. Die Reparationsforderungen der Alliierten, das Londoner Ultimatum und die ungelöste Frage Oberschlesiens bestimmten die Agenda. Rosen trat das Amt nicht als Parteipolitiker an, sondern als Prinzipienmann. Als sich abzeichnete, dass die Alliierten die Ergebnisse der Volksabstimmungen in Oberschlesien ignorieren und damit das propagierte Selbstbestimmungsrecht der Völker selbst unterlaufen würden, zog Rosen die Konsequenz. Im Oktober trat er mit dem Rest der Reichsregierung, dem Kabinett Wirth I, zurück und schied aus dem Staatsdienst aus.
Dieser Rücktritt war kein politisches Manöver, sondern Ausdruck einer Haltung. Rosen akzeptierte nicht, dass deutsche Bevölkerungen entrechtet wurden, während moralische Maßstäbe selektiv angewandt wurden. Er blieb damit konsequent – und isoliert. In der politischen Logik der Zeit war für solche Integrität wenig Platz. Sein Nachfolger setzte auf pragmatische Erfüllungspolitik. Im Kabinett Wirth II übernahm der Reichskanzler wieder das Außenministerium, bis im Januar 1922 Walther Rathenau übernahm. Rosen hingegen kehrte der Tagespolitik den Rücken.
Rückzug in die Wissenschaft
Er zog sich jedoch nicht ins Private zurück, sondern in die Wissenschaft. Rosen übernahm den Vorsitz der Deutschen Morgenländischen Gesellschaft und blieb bis zu seinem Tod eine zentrale Figur der deutschen Orientalistik. Seine Übersetzungen, insbesondere der Vierzeiler (Rubā'īyāt) Omar Chayyāms, prägten Generationen von Lesern. Er unterstützte ausländische Gelehrte in Deutschland und setzte auf Kultur als langfristige Form politischer Verständigung – lange bevor der Begriff der „Soft Power“ existierte.
Nach 1933 änderte sich jedoch auch für Rosen die Lage in Deutschland. Seine jüdische Herkunft, die zuvor kaum eine Rolle gespielt hatte, wurde nun zum Makel. Er zog sich zunehmend zurück, ohne öffentlich zu opponieren. 1935 reiste er nach China, um seinen Sohn Georg zu besuchen, der dort im diplomatischen Dienst tätig war. In Peking starb Friedrich Rosen im selben Jahr an den Folgen eines Unfalls. Sein Sohn wurde 1938 aus dem deutschen Auswärtigen Dienst entlassen – ein spätes Echo jener Politik, der Rosen selbst innerlich nie angehört hatte.
Friedrich Rosen war kein Revolutionär, kein Oppositioneller, kein „Überläufer“. Er war ein deutscher Patriot im klassischen Sinn: loyal zum Staat, aber nicht blind gegenüber Unrecht; offen gegenüber anderen Kulturen, ohne die eigene Identität zu verleugnen. Seine Weltoffenheit war keine Pose, sondern Ergebnis von Bildung, Erfahrung und Respekt. Gerade deshalb wirkt sie heute fremd.
In einer Zeit, in der Multikulturalität oft moralisch eingefordert, aber selten gelebt wird, und in der nationale Loyalität schnell mit Engstirnigkeit verwechselt wird, lohnt der Blick auf Rosen. Er zeigt, dass beides zusammengehen kann: kulturelle Offenheit und staatliche Bindung, Weltläufigkeit und Prinzipientreue. Seine Erinnerungen sind kein Reisebuch. Sie sind das Zeugnis eines Lebens, das zwischen den Welten stand – ohne je den eigenen Standpunkt aufzugeben.
• Prof. Dr. Dr. habil. Stefan Piasecki hat Ende vergangenen Jahres Friedrich Rosens Werk „Persien in Wort und Bild“ im Münchner Verlag Tolino Media neu herausgegeben.
sitra achra am 25.04.26, 11:02 Uhr
Warum sind solche wunderbaren Menschen überall immer nur in der absoluten Minderheit? Aufschlußreicher Artikel. Danke dafür!