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Eine knappe Million Polen leben in bitterer Not und wissen nicht, wie sie ihre Mägen füllen können – eine kluge Aktion soll nun Abhilfe leisten
Bei einem Auftritt an der Warschauer Börse im Februar bezeichnete Premier Donald Tusk Polen als „Oase der Stabilität und des Wachstums“. Nach der Veröffentlichung neuer Wachstumsdaten kommentierte Tusk bereits im Januar mit Blick auf die Volkswirtschaften Frankreichs und Deutschlands frohlockend: „Wir werden sie wirklich überholen!“
Im Kontrast zur Erfolgsgeschichte vom Boomland Polen steht ein Phänomen, das an immer mehr Orten des Landes auftaucht: öffentlich zugängliche Kühlschränke, die ähnlich wie die Tafeln in der Bundesrepublik Lebensmittel an Bedürftige abgeben.
Die oft als „Jadłodzielnia“ (zu Deutsch etwa: Essensteiler) genannten Kühlschränke stehen mitten an belebten Plätzen oder auch bewusst etwas diskreter in Hinterhöfen. Sie sind zumeist rund um die Uhr zugänglich und werden von lokalen Cafés, Geschäften und Anwohnern mit frischen Mahlzeiten, Backwaren und Lebensmitteln bestückt. „Jadłodzielnia“ – Kühlschränke funktionieren nach dem Vertrauensprinzip: „Nimm, was du brauchst; gib, was du kannst.“
Befüllung und Hygiene
Im niederschlesischen Breslau hat sich ein besonders dichtes Netz dieser Stationen entwickelt. Hier zeigt sich die Kluft zwischen dem Image der boomenden Studentenstadt und der harten Realität für viele Senioren und Geringverdiener. Die Kühlschränke, oft betreut von lokalen Bürgerinitiativen, sind rund um die Uhr zugänglich. Organisiert von der Stiftung „Weź Pomóż“ (zu Deutsch etwa: Komm, hilf), existieren allein in der niederschlesischen Hauptstadt mittlerweile schon zwanzig solcher öffentlich zugänglichen Kühlschränke.
Engagierte Helfer sorgen dafür, dass die Kühlschränke täglich befüllt werden und die Verteilung reibungslos funktioniert. Sie sammeln Spenden von Supermärkten ein und stellen darüber hinaus sicher, dass die Hygiene gewahrt bleibt.
Die erste offizielle „Jadłodzielnia“ in Polen wurde allerdings schon im Mai 2016 eröffnet. Standort war das Gebäude der Fakultät für Psychologie der Universität Warschau. Zuvor gab es zwar bereits kirchliche Essensausgaben oder klassische Tafeln [Banki Żywności], doch das neuartige Konzept der „Jadłodzielnia“ unterscheidet sich grundlegend dadurch, dass es bedingungslos ist. Es gibt keine Bedürftigkeitsprüfung; jeder darf geben und jeder darf nehmen. Landesweit gibt es mittlerweile rund 1.600 solcher Kühlschränke. Die Nachfrage nach neuen Standorten ist ungebrochen. Viele Bürger und Firmen spenden lieber Lebensmittel, als sie auf dem Müll landen zu lassen.
Steigende reale Armutsquote
Die „Jadłodzielnia“ sind zum einen eine Reaktion auf die wachsende Menge an Lebensmitteln, die im Abfall landen. Laut aktuellen Schätzungen des Projekts PROM (Programm zur Überwachung und Reduzierung von Lebensmittelabfällen) werden in Polen jährlich knapp fünf Millionen Tonnen Lebensmittel weggeworfen. Auf der anderen Seite sind die Kühlschränke an den Straßenrändern und in Hinterhöfen zu einer lebensnotwendigen Infrastruktur für jene Polen geworden, die nicht am wirtschaftlichen Aufstieg teilhaben. Ein erstaunlich großer Anteil der Bevölkerung ist auf genau solche Hilfe angewiesen.
Die offiziellen Statistiken vermitteln eine positive Botschaft: Demnach ist die extreme Armut in Polen von 6,6 Prozent auf 5,2 Prozent gesunken. Dies würde etwa 600.000 Menschen weniger bedeuten, die am absoluten Existenzminimum leben. Allerdings warnt Ryszard Szarfenberg, Armutsforscher und Autor des Berichts „Poverty Watch 2025“, eindringlich vor einer „gefährlichen Illusion der Verbesserung“. Nach seinen Angaben erkläre sich der angebliche Rückgang in der Statistik primär durch die Erhöhung des staatlichen Kindergeldes („800+“), das einige Familien statistisch gerade mal so knapp über die extreme Armutsgrenze gehoben hat.
Gleichzeitig sei jedoch die relative Armut von 12,2 auf 13,3 Prozent gestiegen – rund fünf Millionen Polen haben deutlich weniger Konsummöglichkeiten als der Durchschnitt. Als besonders dramatisch bezeichnet der Professor an der Universität Warschau die sogenannte „soziale Lücke“: Bis zu 975.000 Polen leben in extremer Armut, qualifizieren sich aber nicht für staatliche Sozialhilfe.
Der Grund dafür ist ein bürokratischer Konstruktionsfehler: Die Armutsgrenze steigt mit der Inflation (auf 972 Złoty, ca. 215 Euro), doch die Einkommensgrenze für Sozialhilfe wurde nicht ausreichend angepasst und verharrt bei 776 Złoty. Die Folge ist, dass diese Menschen zwar dringend Hilfe brauchen, vom polnischen Staat jedoch als „zu reich“ für Unterstützungsleistungen eingestuft werden.
Urban gegen ländlich
Besonders gefährdet sind zwei Gruppen: Alleinerziehende und Senioren. Während das Kindergeld „800+“ Familien mit vielen Kindern entlastet hat, geraten Rentner, aber auch Menschen mit Behinderungen zunehmend in die Armutsfalle. Da die Rentenanpassungen oft hinter der Inflation der Lebensmittel- und Energiepreise zurückbleiben, wird der Gang zur „Jadłodzielnia“ für viele ältere Menschen zur bitteren Notwendigkeit.
Die Geografie der Armut folgt einem klaren Gefälle. Während die Metropolen wie Warschau, Krakau oder auch Breslau als Wohlstandsinseln fungieren, kämpfen vor allem ländliche Gebiete im Osten und Norden mit strukturellen Defiziten. In Regionen wie dem südlichen Ostpreußen oder dem Karpatenvorland ist die Armutsquote traditionell am höchsten.
sitra achra am 02.05.26, 11:11 Uhr
Vielen Dank für diesen interessanten und anrührenden Artikel.
Hierzulande wäre eine Jadlodzielnia kaum denkbar, da das fehlende soziale Engagement im allgemeinen und die inhomogene Bevölkerung für Missbrauch dieser Einrichtung und Vandalismusschäden en masse sorgen würde.
Rolf Lindner am 30.04.26, 16:42 Uhr
Dabei haben die polnischen Armen noch den Vorteil, dass sie zumindest noch nicht wie in Deutschland von arabischen Migranten verdrängt werden.