12.04.2026

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Als Schriftsteller war George Orwell (l.) schon mit seinen düsteren literarischen Werken eine „lebende Legende“ und ist es bis heute geblieben. Hingegen machte der Körper von US-Sexsymbol Rachel Welch (r.) die Filmschauspielerin zur „lebenden Erotik-Ikone
Bild: IMAGO/GRANGER Historical Picture Archive; Branch of the National Union of JournalistsAls Schriftsteller war George Orwell (l.) schon mit seinen düsteren literarischen Werken eine „lebende Legende“ und ist es bis heute geblieben. Hingegen machte der Körper von US-Sexsymbol Rachel Welch (r.) die Filmschauspielerin zur „lebenden Erotik-Ikone

2. Teil der PAZ-Serie

Lebende Denkmäler als wandelnde Monumente

Es sind nicht immer nur Taten oder Werke, die Menschen unvergesslich machen, sondern auch persönliche (Leidens-)Geschichten

Prof. Ingo v. Münch
16.03.2026

Wenn von Denkmälern die Rede ist, denkt man zumeist an Werke aus Stein oder Metall, an Mahnmale oder Gedenkstätten oder Schrifttafeln, jedenfalls – von Gartendenkmalen abgesehen – an Objekte, nicht aber an lebende Wesen. Soll an Menschen als Helden oder Opfer oder in welcher Rolle auch immer erinnert werden, so geschieht dies gewöhnlich regelmäßig postum. Aber können auch noch Menschen im Hier und Heute Denkmäler sein?

Wird ein lebender Mensch als „Denkmal“ bezeichnet, so kann dies spöttisch oder ebenso bewundernd gemeint sein. Wenn Fritz J. Raddatz in einem seiner Tagebücher den von ihm kritisierten Stephan Hermlin als „sich wie sein eigenes Denkmal bewegend“ schildert, so ist der Spott geradezu unübersehbar.

Spott oder Kompliment

Der Historiker Ernst Nolte hingegen bescheinigte seinem Kollegen Fritz Stern, dieser sei „ein Denkmal seiner selbst geworden“ – doch war diese Formulierung nun ein uneingeschränktes Lob oder doch eher ein leichter Anflug von Kritik? Oder ist vielleicht jeder Mensch, gleichgültig ob prominent oder nicht prominent, irgendwie „ein Denkmal seiner selbst“? Zweideutig wirkt die in einem Zeitungsbericht über Wolfgang Schäuble wiedergegebene Formulierung eines jüngeren CDU-Mitgliedes, Schäuble sei im baden-württembergischen CDU-Landesverband „schon seit zehn Jahren nur noch ein „lebendes Denkmal“. Ähnlich doppelsinnig erscheint auch eine Würdigung von George Orwell: „Zu Lebzeiten umstritten ist Orwell heute beinahe zum Denkmal erstarrt“ und über Gerhard Roth: „Der österreichische Schriftsteller war längst ein Denkmal seiner selbst.“

Da Orwell und Roth in der Kunstszene beheimatet sind, stellt sich die Frage, wie die „Denkmalwerdung von Künstlern“ geschieht. Am Beispiel von Gerhard Richter – „der Ikonenmaler der Moderne und teuerste lebende Künstler“ – wird der Vollzug jener Denkmalwerdung gesehen in der Trias „Verfilmung des eigenen Lebens“, „Fälschung der weltweit als wertvoll angesehenen Werke schon zu Lebzeiten“, „sowie Posieren von Politikern und Berühmtheiten in großer Zahl vor den Bildern“..., „kurzum darin, auf allen Ebenen als Künstler ein integraler Teil der Kulturindustrie geworden zu sein“. Die US-Filmschauspielerin Raquel Welch nannte ein Kritiker der „New York Times“ „ein wunderbar lebendiges Denkmal für die Frau an sich“; denn „das letzte Sexsymbol ihrer Zeit“ hatte, wie es in einem anderen Zeitungsbericht heißt, „das Aussehen, und sie hatte vor allem den Körper“.

Lohn der individuellen Heldenreise

Platz für lebende Denkmäler bietet nicht nur die Kulturindustrie, sondern auch der Sport – konkreter, weil sich dort die Besten der Besten tummeln – der Profisport. Wer macht die Spitzensportler und die Startrainer zu Denkmälern? Die simple, aber wohl zutreffende Antwort ist: Medien. Beispiele für diese Denkmalgestaltung sind Berichte über den erfolgreichsten Spieler der American Football League Tom Brady unter der Schlagzeile „Ein Denkmal macht Platz. Quarterback Tom Brady beendet die Karriere“, über das Loslassen des Schweizer Spitzentennisspielers Roger Federer von seinem Sport in dem Kommentar: „Bei Federer steht jedoch nicht zu befürchten, dass er sein eigenes Denkmal als einer der besten Tennisspieler der Geschichte selbst beschädigen und ein Comeback wagen wird.“ Und über den Vergleich zwischen dem ehemaligen Torwart vom FC Barcelona, Marc-André ter Stegen, mit dem Torwart Manuel Neuer vom FC Bayern München hieß es: „Zumal er nicht nur mit einem anderen Torhüter konkurrierte, sondern mit einem Denkmal.“ Derartige gedankliche Denkmäler sind als solche nicht greifbar und nicht sichtbar – sie sind eben nur virtuelle Denkmäler. Immerhin lesbar und archivierbar. Gibt es also keine tatsächlich lebenden Denkmäler? Kann ein menschlicher Körper ein Denkmal sein?

Der eigene Körper als Mahnmal

Eine ungewöhnliche, weil bejahende Antwort findet sich in dem Nachwort von Pieke Biermann zu dem von ihr aus dem Amerikanischen übersetzten Roman „Corregidora“ von Gayl Jones, der von der Nachfahrin eines Sklavenhalters handelt. Denn als im Sommer 2020 die Debatte um den Abriss von Statuen weißer Südstaaten-Generale des Bürgerkriegs tobte, veröffentlichte die „New York Times“ einen regelrechten Aufschrei der Schriftstellerin Caroline Randall Williams: „Die Schwarzen, von denen ich abstamme, waren Besitz der weißen Vergewaltiger, von denen ich abstamme. Meine Haut ist vergewaltigungsfarben... Wenn jemand an das Vermächtnis der Konföderation erinnern möchte, wenn jemand Denkmäler braucht – hier, bitte, mein Körper ist ein Denkmal. Meine Haut ist ein Denkmal.“

Darf man daher also fragen: Ist jeder Körper eines Menschen nicht auch zugleich ein Denkmal oder sind es vielleicht doch nur einige?

  • In der nächsten PAZ-Ausgabe, die am 20. März erscheint, lesen Sie den dritten Teil der Serie, die dann „Denkmäler für Frauen“ thematisiert.

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