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Jeffrey Epstein und seine literarischen „Lieblingskinder“: Justine (l.), Lolita und Dorian Gray
Bild: ChatGPTJeffrey Epstein und seine literarischen „Lieblingskinder“: Justine (l.), Lolita und Dorian Gray

Kultur

Missbrauch von Klassikern

„Macht ist das Einzige, das es wert ist, besessen zu werden“ – Was Epsteins Bettlektüre erzählt: Von de Sade bis zum Psycho-Ratgeber

Hermann Müller
27.02.2026

In Abkehr von der bisherigen Praxis will das Schweizer Radio und Fernsehen ab sofort immer die Nationalität von Straftätern nennen. Eine ganz andere Dimension von Transparenz zeigt sich in den USA. Dort sind im Fall des Sexualstraftäters Jeffrey Epstein inzwischen 3,5 Millionen Seiten an Ermittlungsunterlagen öffentlich gemacht worden. Selbst im Maßstab großer amerikanischer Strafverfahren ist dies eine außergewöhnliche Form staatlicher Transparenz. Ein derart umfassendes und öffentlich zugängliches Aktenkonvolut zu einem einzelnen Beschuldigten ist in der jüngeren US-Justizgeschichte nicht bekannt.

Weltweit graben sich inzwischen Journalisten und Privatpersonen durch das „Archiv des Schreckens“. Sie werten Dokumente, E-Mails und Fotos aus und rätseln, ob erstaunlich häufig auftauchende Begriffe in Epsteins Korrespondenz wie „Pizza“, „Muffins“ und „Beef Jerky“ möglicherweise als Chiffren für unvorstellbare Verbrechen an Minderjährigen stehen.

Selbst die Buchbestellungen und die Bettlektüre des erstmals 2008 verurteilten und erstaunlich milde davongekommenen Sexualstraftäters lassen sich dank des „Epstein Files Transparency Act“ sowie publik gewordener Gerichtsdokumente aus dem Prozess gegen die Mittäterin Ghislaine Maxwell rekonstruieren.

Fast wie ein erfundenes Klischee, aber tatsächlich durch Ermittlungsakten belegt, ist etwa, dass im Rahmen der großen Hausdurchsuchung des FBI in Epsteins New Yorker Villa im Juli 2019 auf seinem Nachttisch der Roman „Justine, ou les Malheurs de la vertu“ von Marquis de Sade lag. Das FBI bezeichnete die wertvolle oder zumindest gut erhaltene Ausgabe von „Justine“ als „ein Fenster in die Psyche“ Epsteins. De Sade beschreibt in dem Roman das Schicksal eines jungen Mädchens, das trotz seiner unerschütterlichen Frömmigkeit zum Opfer einer Reihe aristokratischer und klerikaler Peiniger wird. Diese zerstören mit Methode die Tugendhaftigkeit des Mädchens und rechtfertigen dies mit der Behauptung, Macht, Grausamkeit und Egoismus seien „Naturgesetz“.

„Justine“ ist wegen seiner expliziten Darstellungen nur oberflächlich ein sexueller Skandaltext. Im Kern geht es um Macht und die Ohnmacht der Moral. Seit der Roman 1791 zunächst anonym veröffentlicht wurde, gilt er als Grenzmarkierung – nicht allein wegen seiner Explizitheit, sondern weil er Gewalt philosophisch rationalisiert.

Auch die Bestellhistorie Epsteins beim Versandhändler Amazon wirkt wie ein Klischee. Allein: Es handelt sich um offizielle Ermittlungsakten des FBI.

Neben Friedrich Nietzsches „Die Geburt der Tragödie“ finden sich unter den Buchbestellungen allein sechs verschiedene Titel zum Thema Narzissmus, die in kurzer Zeit geordert wurden. Passend zur psychologischen Ratgeberliteratur bestellte Jeffrey Epstein im Oktober 2016 gleich 17 Exemplare eines Buches von Steven Hoffenberg, in dem es hauptsächlich um eine Person geht: um Jeffrey Epstein.

Die Großbestellung war vermutlich zum Verschenken an Geschäftspartner und Bekannte gedacht. Gleiches wird bei Vladimir Nabokovs Roman „Lolita“ vermutet. Epstein bestellte Nabokovs sprachmächtige Darstellung eines pädophilen Täters, der sich selbst zum Ästheten erklärt, gleich im Dutzend.

Ansonsten besteht die bekannt gewordene Amazon-Bestellhistorie Epsteins zu großen Teilen nicht aus philosophischen Grenzgängen oder klassischer Literatur, sondern aus viel Trivialem: Ratgeber zur Selbstoptimierung, populärwissenschaftliche Titel, Managementbücher, Alltagslektüre. Mit im Amazon-Warenkorb waren offenbar auch Schulmädchenuniformen, bevorzugt mit Faltenröcken, Ferngläser und Überwachungstechnik, die er sich direkt an sein Stadthaus in Manhattan liefern ließ.

Unerkannte Anreise per Tauchboot
Erstaunlich ist, dass weder bei den Bestellungen noch in der Bibliothek Ep­steins der Name Oscar Wilde auftaucht. Zwei Figuren aus dessen Werk weisen frappierende Ähnlichkeiten mit Epstein auf. In Wildes Gesellschaftskomödie „An Ideal Husband“ erscheint Baron Arnheim als machtvoller Strippenzieher im Hintergrund, der Abhängigkeiten und Erpressbarkeit sammelt, um sie im passenden Moment in Einfluss und Geld zu verwandeln. Mit seinem Credo „Macht ist das Einzige, das es wert ist, besessen zu werden“ steht er für einen zynischen Realismus, auf dem sich bis heute Karrieren aufbauen lassen.

Ebenso erstaunlich sind die Parallelen zu „The Picture of Dorian Gray“. Oscar Wildes Romanfigur verkauft faktisch seine Seele, um ewige Jugend zu bewahren. Während Dorian Grays Körper makellos bleibt, altert nur sein Porträt. Angeblich soll auch Epstein über Formen der Unsterblichkeit und des Transhumanismus nachgedacht haben. Mit Wissenschaftlern und Bekannten habe er über die Idee gesprochen, Frauen auf seiner Zorro-Ranch in New Mexico mit seinem Sperma zu befruchten, um seine DNA weiterzugeben. Kommentatoren beschrieben die Pläne für eine „Baby-Farm“ als Mischung aus Größenwahn, eugenischem Denken und technokratischem Verständnis von Reproduktion. Ehemalige Mitarbeiter berichteten zudem, Epstein habe darüber spekuliert, seinen Körper oder Kopf einfrieren zu lassen – in der Hoffnung auf eine spätere Wiederbelebung.

Posthum bestätigt fühlen könnte sich durch den Fall Epstein indessen nicht nur Oscar Wilde, sondern abermals auch
Jules Verne, der Pionier der Science-Fiction-Literatur. In seinem Roman „Erfindung des Verderbens“ von 1896 hatte Verne geschildert, wie ein Pirat auf einer nur durch ein Unterseeboot erreichbaren Vulkaninsel einen abgeschotteten Mikrokosmos errichtet, in dem er eigene Regeln setzen konnte und in dem staatliches Recht nicht galt.

Auch im Epstein-Fall gehen Ermittler inzwischen der Frage nach, ob Little St. James, die Privatinsel des Multimillionärs in der Karibik, über getarnte Unterwasserzugänge verfügte, die als Einfahrtspunkte für kleine Tauchboote gedient haben könnten. Dies hätte Epstein einen heimlichen Transport von Gästen, aber auch Opfern, ermöglicht, der sich dem Blick von Zoll oder Küstenwache vollständig entzogen hätte.


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