10.02.2026

Preußische Allgemeine Zeitung Zeitung für Deutschland · Das Ostpreußenblatt · Pommersche Zeitung

Suchen und finden
Haftete das Image des „Oberlehrers“ an: Hans-Jochen Vogel mit erhobenem Zeigefinger
Bild: ddp images EditorialHaftete das Image des „Oberlehrers“ an: Hans-Jochen Vogel mit erhobenem Zeigefinger

Hans-Jochen Vogel

„Mister Klarsichthülle“

Der Nachfolger Schmidts als Kanzlerkandidat, Wehners als Fraktionschef und Brandts als Parteichef würde jetzt 100 Jahre alt

Bernhard Knapstein
31.01.2026

In der Geschichte der deutschen Sozialdemokratie war Hans-Jochen Vogel, Spitzname „Mister Klarsichthülle“, einer jener Kräfte, die eher unaufgeregt und staatstragend Orientierung boten, als die Republik zwischen Ost-West-Konflikt, sozialpolitischen Herausforderungen und rotem Terror wankte. Er steht für die deutsche Nachkriegsgeschichte: geprägt von der Erfahrung des Krieges, verpflichtet gegenüber dem Rechtsstaat und suchend nach politischem Ausgleich.

Vor 100 Jahren, am 3. Februar 1926, wurde Vogel in Göttingen geboren. Damit gehörte er zu jener Generation, die den Zweiten Weltkrieg und dessen Folgen am eigenen Leib erlebte. 1943 nahm er an der Ludwig-Maximilians-Universität München ein Jurastudium auf und trat der Kameradschaft Prinz Eugen im NS-Studentenbund bei. Vogel meldete sich aber bald freiwillig zur Wehrmacht, um dem aggressiven Werben der Waffen-SS zu entgehen, wurde zweimal verwundet und erlebte das Kriegsende als Unteroffizier in US-Kriegsgefangenschaft. Nach dem Krieg setzte er sein Studium in Marburg fort, wurde 1950 in München promoviert und schloss 1951 das zweite Staatsexamen ab.

Den Weg in die Politik fand Vogel 1950, als er in die SPD eintrat. Sein politischer Aufstieg begann in München, wo er beruflich 1958 als Rechtsreferent der Stadt tätig war und bereits 1960 mit 34 Jahren zum jüngsten Oberbürgermeister einer europäischen Großstadt gewählt wurde. In seiner zwölfjährigen Amtszeit prägte er das Stadtbild der bayerischen Metropole nachhaltig durch den massiven Ausbau des Nahverkehrs und vor allem durch das Engagement, die Olympischen Sommerspiele 1972 nach München zu holen – ein Projekt, das weit über den Sport hinaus zur Identitätsbildung der jungen Bundesrepublik beitrug.

Stadtoberhaupt Münchens und Berlins
Doch Vogels Weg war nicht konfliktfrei. Sein pragmatischer, auf Sachlichkeit bedachter Politikstil geriet zunehmend in Spannung zur parteilinken Strömung, insbesondere zu den Jungsozialisten, die sich in den 1960er und frühen 1970er Jahren vor dem Hintergrund des Vietnamkriegs radikalisierten. In München trugen diese innerparteilichen Auseinandersetzungen mit dazu bei, dass Vogel 1972 nicht erneut als Oberbürgermeister kandidierte und stattdessen in die Bundespolitik strebte.

In Bonn wurde er zunächst Bundesminister für Raumordnung, Städtebau und Bauwesen im Kabinett Brandt. Anschließend war er von 1974 bis 1981 Bundesminister der Justiz im Kabinett von Helmut Schmidt. In dieser Zeit musste der Rechtsstaat den Terrorismus der Rote Armee Fraktion (RAF) abarbeiten. Mit Worten wie „Als die Grenze überschritten wurde, mit Gewalt auch gegen Menschen, und zwar durch Tötung, Ermordung, Entführung – da war das für mich keine Frage, die ich in erster Linie unter ideologischen Gesichtspunkten untersucht habe, sondern es war eine Frage, wo ich gesagt habe, gerade solchen Aktivitäten gegenüber muss der Staat seine Schutzfähigkeit bewahren“, zeigte der Jurist, dass er zur rationalen Aufarbeitung auch größter Krisen neigte.

Das Justizressort war aber auch mit den gesellschaftspolitischen Modernisierungsprozessen im Familienrecht und im Strafrecht befasst. Vogel erwies sich auch hier als nüchterner, rechtsstaatlich fundierter Reformer, der versuchte, gesellschaftliche Liberalisierungen mit Sicherheit und Verfassungstreue in Einklang zu bringen.

1981 wurde Vogel aus der Bundesregierung abberufen, um als Regierender Bürgermeister von Berlin (West) die von Skandalen gebeutelte Hauptstadt-SPD zu stabilisieren. Zwar unterlag er bei der folgenden Wahl dem späteren Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker (CDU), doch hatte er Bereitschaft bewiesen, in Krisenzeiten Verantwortung zu übernehmen.

Bundesminister Willy Brandts und Helmut Schmidts
Nach dem Zerfall der sozialliberalen Koalition 1982 wurde Vogel Helmut Schmidts Nachfolger als Kanzlerkandidat ihrer Partei. Er unterlag jedoch Helmut Kohl, der mit einer deutlich pointierteren Rhetorik zu punkten wusste. Zudem herrschte nach 13 Jahren SPD in der Bevölkerung eine klare Wechselstimmung. Vogel übernahm von Herbert Wehner die Oppositionsführung. In dieser Funktion bemühte sich Vogel, die SPD als sachliche, programmatische Alternative zur Regierung zu profilieren – ein Spagat zwischen Linken und Konservativen, der ihm oft die Rolle des vermittelnden Integrators einbrachte. 1987 folgte die Wahl zum Nachfolger Willy Brandts als SPD-Parteivorsitzender. In dieser Funktion trug Vogel wesentlich zur Verabschiedung des „Berliner Programms“ bei, mit dem die SPD 30 Jahre nach Godesberg ihr Grundsatzprogramm erneuerte. Nach der friedlichen Revolution engagierte er sich intensiv in der Zusammenführung der Ost- und der West-SPD. 1991 kandidierte er aus Altersgründen nicht erneut als Parteivorsitzender.

Nach dem Rückzug aus der großen Politik blieb Vogel politisch aktiv, etwa in der Verfassungskommission und mit der Initiative „Gegen Vergessen – Für Demokratie“, die er mitbegründete, um der Erinnerung an die Verbrechen des Nationalsozialismus und aktuellen demokratischen Gefährdungen nachzugehen. Hans-Jochen Vogel starb am 26. Juli 2020 in München.

Vogels politische Wirksamkeit lässt sich kaum an plakativen Erfolgen messen. Seine Stärke lag eher in der Konfliktvermittlung und der institutionellen Pflege demokratischer Prozesse. Er war kein Populist, sondern ein Integrator und Jurist, der versuchte, die SPD als verantwortungsvolle Volkspartei des demokratischen Sozialismus zu gestalten – in einem politischen Umfeld, das von Polarisierungen und gesellschaftlichen Umbrüchen geprägt war. Sein Ethos, das vielleicht am besten in dem Satz „Man muss von Politikern erwarten können, dass Wort und Tat übereinstimmen“ zum Ausdruck kommt, fehlt in der heutigen Bundespolitik.


Hat Ihnen dieser Artikel gefallen? Dann unterstützen Sie die PAZ gern mit einer

Anerkennungszahlung


Kommentar hinzufügen

Captcha Image

*Pflichtfelder

Da Kommentare manuell freigeschaltet werden müssen, erscheint Ihr Kommentar möglicherweise erst am folgenden Werktag. Sollte der Kommentar nach längerer Zeit nicht erscheinen, laden Sie bitte in Ihrem Browser diese Seite neu!

powered by webEdition CMS