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Der SPD-Politiker Klaus von Dohnanyi schreibt über Deutschland im Spannungsfeld fremder Interessen
Der frühere Hamburger Bürgermeister und Bundesminister Klaus von Dohnanyi zitiert in seinem Buch einen angelsächsischen Grundsatz, wonach Staaten keine Freunde, sondern nur Interessen haben. Davon, schreibt er, müsse man stets ausgehen, auch mit Blick auf Partner im westlichen Bündnis. Für die Bundesrepublik sei es im eigenen Interesse wichtig, ohne jede Illusion zu erkennen, dass die USA zu allen Zeiten ihre Interessen auch in Europa verfolgt haben.
Deutschland im Schnittpunkt so vieler politischer und wirtschaftlicher Interessen im Herzen Europas müsse alles daransetzen, mit dem übermächtigen Nachbarn Russland einen modus vivendi zu finden. Dohnanyi zitiert mehrfach Helmut Schmidt, mit dem ihn eine lange politische Freundschaft verband. Dieser hatte 1969 geschrieben, es bleibe notwendig, „sich immer wieder aufs Neue in die Schuhe Moskaus zu versetzen, um seine Interessen in seiner Sicht zu begreifen“.
Dohnanyi hatte eine erste Auflage seines Buchs „Nationale Interessen“ unmittelbar vor Ausbruch des Ukrainekriegs abgeschlossen. Jetzt hat er sein Buch überarbeitet und zwangsläufig den Krieg in den Mittelpunkt gerückt. Seine fast im staccato-Ton formulierten Thesen sind: Die Ukraine wird nicht in die NATO aufgenommen; ein Waffenstillstand müsste von russischer und amerikanischer Seite garantiert werden; Europa wird sich Arrangements der USA letztlich fügen müssen; nach der Devise Abschreckung und Entspannung müsse der Ukraine geholfen, aber zugleich alle Gesprächsmöglichkeiten mit Moskau ausgelotet werden. Und die vielleicht strittigsten Punkte: Die strategische Vorherrschaft der USA bleibe für Europa und Deutschland gefährlich, ferner: „Im Sicherheitsinteresse Russlands lag und liegt der Kern des Ukrainekonflikts. Wir sollten das endlich verstehen, auch wenn wir diese russische Sicht nicht teilen.“ Am Ende warnt der Autor vor der „Regulierungswut“ der EU, wodurch die deutsche Wirtschaft mehr und mehr kaputt stranguliert werde.
Dohnanyis Buch fand schon heftiges Für und Wider bis hoch zu Bundeskanzler Merz. Das kann bei seiner vielleicht übergroßen Skepsis gegenüber den USA und dem Verständnis für Russland gar nicht ausbleiben. Ist alles zu blauäugig? Oder doch ein notwendiger Denkanstoß?
Falsch liegt der Autor zumindest nicht mit seinem Hinweis auf die prekäre Lage Deutschlands inmitten des Kontinents, die eine Politik des Dialogs zwingend verlange. Er zitiert zustimmend den israelischen Kriegshelden Moshe Dayan: „Willst du Frieden, rede nicht mit deinen Freunden, sondern mit deinen Feinden.“
Klaus von Dohnanyi: „Nationale Interessen. Orientierung für deutsche und europäische Politik in Zeiten globaler Umbrüche“, Siedler Verlag, München 2025, gebunden, 300 Seiten, 26 Euro