Preußische Allgemeine Zeitung Zeitung für Deutschland · Das Ostpreußenblatt · Pommersche Zeitung
Im Zuge der Remilitarisierung in Mittel- wie Westdeutschland wurde vor 70 Jahren in der DDR die Nationale Volksarmee gegründet
Bundeskanzler Konrad Adenauer erklärte 1956, die militärische Entwicklung in der DDR sei „Teil der strategischen Machtentfaltung des sowjetischen Blocks in Mitteleuropa“ und nicht Ausdruck eigenständiger staatlicher Souveränität. Hintergrund dazu war die offizielle Gründung der Nationalen Volksarmee (NVA) der DDR am 1. März des Jahres. Aus den Einheiten der Kasernierten Volkspolizei aufgebaut, sollte sie fortan als eigenständige Streitmacht der DDR dienen – eingebunden in die strategische Ordnung des Warschauer Pakts im sich verhärtenden Kalten Krieg.
Die Entstehung der NVA war eng mit dem Aufbau des Warschauer Vertrags von 1955 und der Remilitarisierung Deutschlands in der Sowjetischen wie in den westlichen Besatzungszonen verknüpft. Während die Bundesrepublik im selben Jahrzehnt die Bundeswehr innerhalb des Nordatlantikpakts aufstellte, entwickelte auch die DDR ihre Armee – strikt entlang des sowjetischen Modells.
Die Gründung war aber auch Ausdruck des innenpolitischen Kontrollverlusts, der am 17. Juni 1953 auf den Straßen der Städte sichtbar wurde. Die Sowjetarmee sah sich gezwungen, selbst den Volksaufstand brutal niederschlagen. Die Kontrolle durch eine externe nichtdeutsche Macht sollte fürderhin nicht mehr sichtbar sein. Streitkräfte aus dem eigenen Land sollten dagegen die Stabilität des Staates gewährleisten. Intern wurde der 17. Juni in der NVA jahrzehntelang als „konterrevolutionärer Putschversuch“ gelehrt – verbunden mit der impliziten Botschaft, dass die Armee im Ernstfall auch nach innen eingesetzt werden könne.
In Moskau sah man in der Gründung der NVA eine notwendige Antwort auf die Remilitarisierung Westdeutschlands und auf die Integration der Bundesrepublik in westliche Militärbündnisse. Ein sowjetischer Kommentator umschrieb die Entscheidung später als zwangsläufig: „Die NVA ist ein Bollwerk gegen den Imperialismus und die Remilitarisierung im Westen, eine feste Stütze für den Frieden in Europa.“
Erster Chef der neuen Streitkräfte wurde Generaloberst Willi Stoph in der offiziellen Funktion als Minister für Nationale Verteidigung. Stoph war kein klassischer Militär, sondern Parteifunktionär mit enger Bindung an die SED-Führung – ein frühes Signal dafür, dass politische Loyalität in der NVA mindestens ebenso wichtig war wie militärische Professionalität. Die eigentliche militärische Führung lag in den ersten Jahren stark bei Offizieren, die in der Sowjetunion ausgebildet worden waren oder aus der Roten Armee stammten.
Armeegeneral Willi Stoph
Aus Ost-Berliner Perspektive betonte Stoph die defensive Natur dieses Aufbaus: „Unsere Streitkräfte dienen allein der Verteidigung des sozialistischen Vaterlandes und der Sicherung des Friedens. Sie sind kein Instrument zur Aggression“ – ein Satz, der in der DDR-Propaganda oft wiederholt wurde.
Formal gegründet worden war die NVA bereits am 18. Januar 1956 per Beschluss der Volkskammer. Schon am 1. März meldeten die Stäbe der Land- und Luftstreitkräfte sowie der Volksmarine ihre Einsatzbereitschaft.
Anfänglich war die NVA eine Freiwilligenarmee. Erst ein Jahr nach dem Bau der Berliner Mauer und sechs Jahre nach der Einführung der allgemeinen Wehrpflicht in der Bundesrepublik wurde diese auch in der DDR eingeführt. Die Armee wuchs rasch. Bereits Anfang der 60er Jahre zählte sie über 80.000 Soldaten, Ende der 80er Jahre etwa 170.000.
In Bonn wurde die Gründung der NVA mit Misstrauen betrachtet. Die Bundesregierung unter Bundeskanzler Adenauer stellte klar, dass sie die militärische Aufrüstung auf der anderen Seite der innerdeutschen Grenze als Bestandteil des sowjetisch dominierten Machtblocks sehe. Die westdeutsche Remilitarisierung im Rahmen der NATO geschehe „zur Sicherung des Rechts und der Freiheit in Europa“, war der Tenor in der westdeutschen Presse – ein Gegensatz zur sowjetischen Interpretation. Bonns Haltung zur NVA war deutlich: Die DDR-Armee sei Teil der innenpolitischen Machtstrategie der SED und nicht auf ein neutrales oder rein defensives Konzept beschränkt.
Während die NVA selbst nie in großem Umfang in direkte militärische Aggressionen verwickelt wurde, ist ihre Rolle am Berliner Mauer-System historisch belegt. 70 Jahre nach ihrer Gründung bleibt die NVA ein vielschichtiges Symbol des Kalten Krieges: für die DDR ein Garant der Souveränität und des Friedens, für viele Beobachter im Westen ein Baustein sowjetischer Machtprojektion in Mitteleuropa.
Armeegeneral Heinz Keßler
Hinsichtlich der technischen Ausrüstung war die NVA als strategisch-offensive Keil-Streitkraft des Warschauer Pakts im Vergleich zu anderen Streitkräften des Bündnisses gut ausgestattet. Mit zuletzt rund 170.000 Soldaten im aktiven Dienst war sie personell kleiner als die Bundeswehr, verfügte jedoch über eine hohe materielle Dichte und eine klare operative Einbindung in die sowjetische Bündnisplanung. Ihr Großgerät stammte nahezu vollständig aus sowjetischer Produktion, darunter Kampfpanzer vom Typ T-72 sowie Kampfflugzeuge wie die MiG-29. Ausbildung und Doktrin waren stark auf konventionelle Großverbände und offensive Operationen in Mitteleuropa ausgerichtet; Mobilmachungspläne sahen im Ernstfall eine rasche personelle Aufwuchsfähigkeit vor.
Die Bundeswehr war mit zeitweise deutlich über 400.000 Soldaten größer und stärker auf das Konzept der Vorneverteidigung entlang der innerdeutschen Grenze ausgerichtet. Technologisch setzte sie auf westliche Systeme wie den Kampfpanzer Leopard 2 und das Mehrzweckkampfflugzeug Panavia Tornado. Im Vergleich zur NVA war sie breiter aufgestellt, mit stärkerer logistischer Tiefe und enger Verzahnung mit US- und anderen NATO-Truppen. Andererseits fiel die NVA durch hohe Bereitschaft und straffe Führung auf.
Doch auch wenn die Friedensbewegung im Westen ab den 80er Jahren breiten Raum einnahm, die Welle der Wehrdienstverweigerungen deutlich zunahm, endete die NVA mit dem Beitritt der mitteldeutschen Länder zum Geltungsbereich des Grundgesetzes. Letzter Verteidigungsminister der DDR vor der friedlichen Revolution war General Heinz Keßler, der das Amt ab 1985 innehatte. Mit dem Ende der DDR ging auch ihr „Schutzorgan der sozialistischen Errungenschaften“ unter. Keßler verkörperte wie kaum ein anderer die ideologische Verankerung der NVA im System der SED. Noch im Herbst 1989 hielt er an der Doktrin fest, die Armee sei „jederzeit bereit, die sozialistische Ordnung zu verteidigen“ – eine Haltung, die ihn nach der Vereinigung vor bundesdeutsche Gerichte brachte. 1993 wurde Keßler wegen seiner Mitverantwortung für die Schüsse an der innerdeutschen Grenze verurteilt.
Die NVA war damit weniger eine nationale Verteidigungsarmee als vielmehr ein präzise eingepasstes Zahnrad im militärischen Getriebe des Warschauer Vertrags – politisch zuverlässig, militärisch hochgerüstet und stets bereit, im Zweifel auch die Stabilität des eigenen Systems zu sichern. So schien es auch nur konsequent, dass nur etwa 3.000 ehemalige Offiziere und 7.600 Unteroffiziere nach einem Auswahlverfahren und nach einer Überprüfung von Eignung und politischer Zuverlässigkeit in die Bundeswehr als Berufssoldaten übernommen wurden.