Preußische Allgemeine Zeitung Zeitung für Deutschland · Das Ostpreußenblatt · Pommersche Zeitung
Irmgard Irro über Kindheitserinnerungen und eigene Erfahrungen in der Heimat ihrer Vorfahren
Masuren, das Land der dunklen Wälder und kristallenen Seen, wer kennt es noch? Die Alten, die noch dort gelebt haben, sterben allmählich aus und deren Kinder kennen es vielleicht noch aus Erzählungen, aber die nächste Generation dürfte kaum noch eine Ahnung haben, was Masuren bedeutet und wo es liegt. Selbst Nachkriegskind einer Ortelsburger Familie, wollte Dr. Jürgen Herzog wissen, was Menschen heute noch mit diesem Land verbindet, selbst wenn sie dort nicht geboren sind und gelebt haben.
Auf seiner Recherche stieß er auf Irmgard Irro, die viel über Masuren, die Heimat ihrer Mutter, geschrieben hat. Er sprach mit ihr darüber, woher die genauen Informationen stammen, die Emotionen und die starke persönliche Bindung der Autorin an das Land der dunklen Wälder und deren Menschen kommen.
Frau Irro, was verbindet Sie so sehr mit Ostpreußen und Masuren, und wie ist es zu dieser Bindung gekommen? Sie selbst sind ja in Bayern geboren.
Ja, ich bin erst 1949 in Niederbayern geboren, aber vom ersten Moment meines Lebens an lebte ich auch in der geistigen Welt meiner Mutter und Großmutter. Meine Großmutter kam dann 1947 mit dem letzten Aussiedlertransport zu meiner Mutter nach Niederbayern.
Immer sprachen die beiden über ihr einstiges schönes, aber arbeitsreiches Leben als Bäuerinnen in Masuren. Aber bestimmt wollte meine Mutter auch wissen, wie meine Großmutter die Jahre in der alten Heimat bis 1947 erlebt hatte. Wenn sie sich miteinander unterhielten, taten sie das grundsätzlich in masurischer Sprache. Ich kann mir vorstellen, so klein und winzig ich auch war, konnte ich wohl unbewusst erkennen, dass das, was ich so alles in meinem Kinderbettchen hörte, sich bezüglich der Sprachmelodie unterschied. Was sich die beiden erzählten, war sicher mit viel mehr Intensität und Gefühl behaftet. Ich denke, das hat sich mir eingeprägt und wurde wohl schon zur ersten Bindung an die Heimat meiner masurischen Ahnen.
Haben Sie heute Kontakte zu Menschen in diesem Land und wie gestalten sich diese? Haben Sie selbst dort gelebt?
Ich habe schon oft Masuren bereist und es bestehen viele unterschiedlichste Kontakte dorthin. Freundschaftlich verbunden bin ich besonders mit Peter N. und Regina D. in Nikolaiken, wo ich schon oft Wochen verbracht und gelebt habe und die immer wieder betonen: „Unser Zuhause ist auch dein Zuhause.“
Sehr verbunden fühle ich mich auch mit Brigitta N., die ihre Heimat nie verlassen hat und in Kruttinnen lebt. Wie bereichernd ist es jedes Mal, mit ihr an diesem romantischen Ort zusammen zu sein. Dann erzählt sie in reinstem Ostpreußisch von früher so plastisch und gefühlvoll, dass man sich in kurzer Zeit in diese bäuerliche Welt versetzt fühlt, in der die Uhren anders gingen, die Menschen sich nach den Gesetzen der Natur gerichtet und ein friedvolles Leben geführt hatten, fernab vom Reich.
Peter und Regina machten mich mit Helga und August Roszig aus Rastenburg (Kętrzyn) bekannt. Sie waren Bauern und blieben nach dem Krieg auf ihrer Scholle. Ich freute mich riesig, das Ehepaar kennenzulernen, denn ich hatte sie schon viele Male im deutschen Fernsehen gesehen. In früheren Jahren kamen vermehrt Sendungen über die im Krieg verlorenen deutschen Gebiete. Ich war immer total fasziniert von August Roszig und seiner Frau, wenn sie zusammen den Bärenfang zubereiteten und dies mit ihrem wunderschönen, breit gesprochenen Ostpreußisch erklärten, oder wenn sie vom österlichen Brauchtum erzählten. Denke ich an sie, dann höre ich ihre Stimmen und ich bekomme von deren Tonfall und ihrer Aussprache immer wieder eine Gänsehaut.
Sehr verbunden bin ich auch mit Aniela Dec in Allenstein (Olsztyn), die in ihren Recherchen bezüglich alter Geburts- und Sterbeurkunden zu unserer beider Überraschung herausgefunden hat, dass wir sogar verwandt sind. Sie selbst hat sechs außergewöhnlich schöne und sehr informative Bücher über Ostpreußen, eines als Kochbuch, geschrieben.
Zu guter Letzt will ich noch erzählen, wie meine masurische Märchenwelt für mich zu einer realen Welt wurde: Es muss 1995 gewesen sein, als in den deutschen Medien eine Sendung über die Deutsche Minderheit in Ostpreußen gesendet wurde.
Es wurde berichtet, dass ein Herr Walter Angrik aus Allenstein in den 90er Jahren den „Allensteiner Verband der Deutschen Minderheit“ ins Leben gerufen hatte. Als dann Herr Angrik selbst zu Wort kam, machte ich mir schnell Notizen. Diese gingen mir bis September 2008 dauernd im Kopf herum, bis ich mich kurzerhand entschloss, mit dem Bus von München nach Olsztyn zu fahren – eine Reise von ungefähr 20 Stunden!
Natürlich hatte ich vorher mit seiner Frau Rosemarie Kontakt aufgenommen, die mich sofort begeistert zu sich einlud. Dort angekommen, kutschierte ihr Sohn Mariusz uns Frauen in das Dorf Groß Dankheim (Przeżdzięk Wielki). Da ich dort 2008 schon einmal bei derjenigen polnischen Familie war, die das Anwesen meiner Großeltern Loch nach dem Krieg vom polnischen Staat gekauft hatte, wusste ich, wohin und was ich wollte.
Mein Anliegen war es zu fragen, ob ich ein Jahr bei ihnen gegen Bezahlung leben dürfe. Es war nur die Tochter zu Hause, die das bejahte. Im Januar 2009 traf ich dann mit großer Naivität bei ihnen ein. Aber schon bald stellte sich heraus, dass ich dieses Vorhaben nicht durchhalten konnte, wobei ich betonen muss, dass sich die polnische Familie mir stets zugewandt und freundlich gegenüber verhalten hat.
Auf die Frage, ob ich schon Vorträge gehalten habe: Ja, in Polen jeweils bei Versammlungen der Deutschen Minderheiten, 2011 in Kruttinnen [Krutyń], Ortelsburg [Szczytno] und Allenstein und vor ungefähr zwei Jahren eine Lesung in Sensburg [Mrągowo].
Sie haben mehrere Bücher und Artikel über das alte Masuren und Ostpreußen geschrieben, jetzt gerade Ihr neuestes Buch „Marta“ über das Leben Ihrer Mutter, ihre Kindheit und Jugend in Groß Dankheim. Was hat Sie dazu bewegt und inspiriert?
Ich selbst habe auch schwere Zeiten und Zerrissenheiten erlebt. So habe ich oftmals geträumt von einem Ort der Ruhe, Entspannung und Geborgenheit.
Die Schilderungen meiner Mutter aus der alten Heimat Masuren/Ostpreußen haben mich in meinen jungen Jahren daher tief emotional beeindruckt. Manchmal bin ich so auch gedanklich aus der grauen Realität in diese alte Welt geflüchtet.
Nachdem ich 2009 einen Monat bei einer polnischen Familie in Groß Dankheim gelebt habe, reifte in mir der Entschluss, das masurische Leben meiner mütterlichen Ahnen schriftlich zu dokumentieren. Als meine Mutter 2001 starb, war der Abschied von ihr für mich besonders schwer, verlor ich mit ihr doch auch eine lebendige Verbindung zu dieser alten, heilen Welt. Um mit diesem Verlust besser leben zu können, fing ich an zu schreiben.
Mit der Zeit lernte ich Menschen ihres Alters kennen, die aus ihrem Dorf stammten und die meine Mutter noch in wacher Erinnerung hatten. Ich telefonierte viel mit ihnen, erfuhr von ihrem Leben sowie dem Leben im Dorf und auch immer etwas Neues über meine Ahnenfamilie. Geduldig und fast liebevoll erzählten sie mir, wie sie gelebt hatten, welches Leid der Krieg über ihre Familien brachte und wie grausam ihnen ihre Heimat und ihr Besitz genommen wurden. So entstand mein erstes Buch „Pulver im Wurzelstock“, dann das Buch „Ostpreußen – meine Tagebuchnotizen“ und jetzt das gerade erschienene Buch „Marta. Eine Frau aus Ostpreußen“. Meine Bücher über meine Mutter sind für mich auch ein Beitrag dazu, diesen Verlust würdevoll zu verarbeiten und diese alte Welt der Nachwelt zu erhalten.
Teilweise schreiben Sie so „hautnah“, als hätten Sie die alten Zeiten selbst erlebt. Wie sind Sie zu diesen sehr detaillierten und lebendigen Schilderungen gekommen?
Als ich heranwuchs, war meine Mutter meine Welt. Ich identifizierte mich vollkommen mit ihr, war doch ihre Kindheit und ihre Jugend in dieser bezaubernden Landschaft, mit den unendlich weiten dunklen Wäldern und den tausend Seen, doch sooo wunderschön, sooo interessant und die Örtlichkeit fast sooo weit weg wie der Mond! Ich fragte immer und sie
erzählte immer, wurde nie müde zu schildern.
Ich war total fasziniert davon, sodass ihre Erinnerungen für mich Realität wurden. Sie hatte mich verzaubert! Und dieser Zauber hält immer noch an! Als ich dann zu schreiben anfing und ich viel von den noch lebenden Menschen ihres Dorfes erfuhr, tauchte ich so in diese Welt ein, dass ich oft nicht wusste, wo ich mich gerade befand – in meinem Alltag oder in dem Dorf zu jener Zeit meiner Mutter.
Was könnte man tun, um die Erinnerung an das alte deutsche Kulturland Ostpreußen und Masuren heute bei jungen Leuten lebendig zu erhalten?
Kaum jemand der jungen Leute kennt heute noch Masuren und Ostpreußen. Oftmals frage ich sie, ob ihnen Ostpreußen ein Begriff ist. Dann schauen sie mich dermaßen zweifelnd an, als würde ich Chinesisch sprechen. Da es an dem Geschichtsbewusstsein der deutschen Politik mangelt, wie soll dann ihr Volk eines haben? Und in den Schulen und in den Medien ist es kein Thema!
Kriege gab und gibt es immer, irgendwann waren und werden sie beendet. Die Menschheit wird sich in ihrer Dummheit nie weiterentwickeln. Schon Albert Einstein sagte: „Zwei Dinge sind unendlich, das Universum und die Dummheit der Menschen.“ Jede Generation fängt irgendwie immer wieder von vorne an. Eine andere wächst nach und lebt in einer anderen Zeit. Wenn dann das System der Erziehung versagt, tritt Vergessenheit ein. Hier sollte viel mehr getan werden.
Was wünschen Sie sich für die weitere Entwicklung Masurens und für die Beziehungen zwischen den Menschen dort und hier?
Masuren soll es gut gehen! Das wünsche ich mir und den Menschen dort ganz besonders, und für die jungen Menschen mehr Jugendaustausch und Projekte, in denen man sich mit den heutigen Verhältnissen und der deutschen Vergangenheit auseinandersetzt. Gewiss, Masuren ist heute ein polnisches Land, aber es war auch jahrhundertelang deutsch. Das dürfen wir nicht ignorieren!
David L David am 28.07.26, 00:38 Uhr
Vielen Dank für dieses schöne Interview mit Frau Irro. Aus diesem Grund liebe ich es, Ihre Nachrichtenseite zu lesen.
„Aber die nächste Generation dürfte kaum noch eine Ahnung haben, was Masuren bedeutet und wo es liegt.“
Meine Vorfahren verließen das Land 1870, einige Generationen vor der Vertreibung, und so gehörte ich zu denen, die bis zu meinem 30. Lebensjahr kaum etwas von Masuren wussten. Ich denke, je älter man wird, desto mehr interessiert man sich für seine Vorfahren und versucht, sein Erbe zurückzugewinnen. Als ich etwas über ihr Land und seine Kultur und Traditionen lernte, entwickelte ich eine tiefe Affinität dazu. Es scheint tatsächlich etwas in den Genen zu geben, das einen dazu bringt, sich zu identifizieren, auch wenn ich vier Generationen von denen entfernt bin, die ausgewandert sind.
„Ich selbst habe auch schwere Zeiten und Zerrissenheiten erlebt. So habe ich oft von einem Ort der Ruhe, Entspannung und Geborgenheit geträumt... Manchmal bin ich so auch gedanklich aus der grauen Realität in diese alte Welt geflüchtet.“
Das kann ich absolut nachvollziehen.
Gott segne Sie, Frau Irro, und vielen Dank für das wunderbare Interview.
David
Australien