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Evelyn Palla hat in kurzer Zeit viel erreicht: neue Systeme, Digitalisierung, Verschlankung, Problembenennung – Und jetzt geht’s an das alte Schienennetz
Seit Jahren ist die Deutsche Bahn ein Sanierungsfall: Verspätete Fernzüge, verfallende Bahnhöfe und ein undurchdringliches Geflecht aus Tochterfirmen ließen die Stimmung kippen. Evelyn Palla, seit Oktober 2025 an der Konzernspitze, kündigte keine schnellen Erfolge an, sondern eine lange Kur. Letztes Jahr lag die Pünktlichkeit bei gut 60 Prozent, der Konzern schrieb einen Verlust von 2,3 Milliarden Euro. Diese Bilanz bezeichnete sie als Mix aus Licht und Schatten. Sie wollte den Abwärtstrend noch im selben Jahr stoppen und peilte 70 Prozent Pünktlichkeit bis 2029 an. Wunder versprach sie nicht – nur schrittweise Verbesserungen.
Im Zentrum ihres Plans stand von Beginn an die Entschlackung des Apparats. Palla halbierte den Vorstand, strich mehrere Ebenen und setzte auf Verantwortung vor Ort. Jahrzehntelang hatte das Unternehmen ein Netz aus mehr als tausend Töchtern gewoben. Dieses Gebilde erinnere an eine „Geldwaschmaschine“, klagt Lokführerchef Mario Reiß, der immer noch rund 600 Firmen zählt. Er fordert weiterhin, dass Palla nicht zu groß verspricht und erst kleine, überprüfbare Schritte geht. Zugleich erkannte der Gewerkschafter an, dass sie den Wasserkopf deutlich verkleinert, Fehlbesetzungen entlassen und Verantwortung in die Regionen verlagert hat. Palla selbst betonte, sie werde jede Stelle prüfen und überflüssige Strukturen abbauen.
Den Kunden versprach sie spürbare Erleichterungen. Sie erhöhte die Zahl der Reinigungsteams, stationierte mobile Reparaturtrupps für defekte Toiletten und Bistroanlagen und stockte an großen Bahnhöfen die Sicherheitsdienste auf. Parallel baut die Bahn die digitale Kommunikation aus: Gleiswechsel und Verspätungen werden aufs Handy gespielt, ein Baustellen‑Melder zeigt an, wo gebaut wird. So können sich Reisende besser einstellen. Und einen zusätzlichen Hebel sieht Palla in der Digitalisierung. Der veraltete Funkstandard GSM‑R soll durch ein 5G‑basiertes System ersetzt werden. 5G‑Tests mit ferngesteuerten Loks liefen bereits in München. Sensoren an Weichen und Oberleitungen sollten Defekte früh melden, intelligente Systeme Wartungseinsätze steuern. Damit will sie den Fernverkehr stabiler machen.
Die größte Herausforderung bleibt aber das marode Netz. Die Bundesregierung stellt bis 2029 gut 100 Milliarden Euro bereit, um mehr als 40 belastete Korridore zu sanieren. Gleise, Brücken und Stellwerke werden während längerer Sperrpausen komplett erneuert; Ersatzfahrpläne sollen das Reisen ermöglichen. Palla kündigte an, sich von Randgeschäften zu trennen, um sich auf das Netz zu konzentrieren. Auch die defizitäre Gütertochter DB Cargo wird verschlankt und soll dieses Jahr endlich schwarze Zahlen schreiben. „Zufrieden sind wir noch nicht“, räumte Palla unumwunden ein.
Charakteristisch für die gebürtige Österreicherin ist ihr Führungsstil. Während ihre Vorgänger Richard Lutz die Lage beschönigte, spricht sie offen über Versäumnisse. Beobachter reden bereits vom „Palla‑Prinzip“. Um glaubwürdig zu sein, machte sie den Triebfahrzeugschein und begleitete Schichtdienste im Stellwerk. Sie will, dass die Verwaltung dem Zugbetrieb dient – nicht umgekehrt. Ein rein preußischer Stil. So sagte doch auch Friedrich der Große, er sei der erste Diener des Staates.
Ehrlichkeit und Geduld sind nötig
Doch der Weg war und ist steinig. Saubere Züge und Apps helfen wenig, wenn sie zu spät kommen. Die Generalsanierungen bergen Verzögerungsrisiken. Jeder Rückschlag kann dem neuen Vorstand angelastet werden. Akzeptanz gibt es nur, wenn erste Ergebnisse sichtbar werden und alle Beteiligten Geduld aufbringen. Die Bahn soll Motor der Verkehrswende werden – gelingen wird das nur, wenn sie zuverlässig und modern wird. Bis dahin muss die neue Chefin weiter gegen Verkrustungen kämpfen, den Investitionsstau abbauen und Überzeugungsarbeit leisten.
Die hohen Fahrgastzahlen dürfen nicht darüber hinwegtäuschen, wie alt das Schienennetz ist. Palla sagte offen, dass ein Großteil der Strecken noch aus den 1970er Jahren stammt. Sie verglich den Umbau deshalb mit einem Marathon: Nur mit Ehrlichkeit und Geduld lasse sich das Vertrauen zurückgewinnen. So will sie auch die Kultur der Beschönigung abschaffen, die über Jahre alle Probleme kaschiert hatte. Im Konzern sollten komplizierte Verrechnungssysteme verschwinden. Stattdessen sind bereits klare Verantwortlichkeiten und schlanke Aufsichtsgremien entstanden.
Gewaltiger Schuldenberg
Alle zuvor aufgezählten Maßnahmen und Initiativen zeigen, dass die Bahn an einem Wendepunkt steht: 2025 beförderte die DB 1,9 Milliarden Menschen – aber jeder zweite Fernzug kam zu spät an. Finanziell sollte daher eines berücksichtigt werden: 2025 verkaufte die Bahn die gut laufende Logistiktochter DB Schenker. Damit fehlt dem Konzern künftig ein wichtiger Gewinnbringer. Der Verkaufserlös ging nahezu ausschließlich in den Abbau des hohen Schuldenbergs, der dadurch im vergangenen Jahr laut Bahn um knapp zwölf Milliarden auf nunmehr 20,7 Milliarden Euro abgebaut werden konnte.