24.07.2026

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Das ist es, was China wirklich provoziert

Taiwans neue eigenständige Identität

Wenn eine kleine Insel zur brennenden Lunte an der aufstrebenden Supermacht China wird

Dr. Manuel Ruoff und Jens Eichler
09.06.2026

Wer heute nach Taiwan blickt, sieht nicht mehr nur den letzten Rückzugsort der chinesischen Nationalisten nach dem Sieg Maos im chinesischen Bürgerkrieg. Immer stärker tritt vielmehr dabei die Insel als politisch und kulturell eigenständiges Gemeinwesen hervor. Aus Sicht Pekings ist dies eine gefährliche Entwicklung: eine schleichende Entfremdung vom chinesischen „Mutterland“. Aus Sicht vieler Taiwaner hingegen handelt es sich um einen historischen Reifungsprozess, der aus den besonderen Erfahrungen der Insel erwachsen ist. Die Frage, wie eine eigenständige taiwanesische Identität entstehen konnte, gehört deshalb zu den entscheidenden geopolitischen Fragen unserer Zeit.

Die Ausgangslage schien nach dem Ende des chinesischen Bürgerkrieges zunächst eindeutig. 1949 floh Chiang Kai-shek mit den Truppen der Kuomintang, der nationalchinesischen Regierung, auf die Insel Formosa, das heutige Taiwan. Dort etablierte sich die „Republik China“, während der kommunistische Führer Mao Zedong auf dem Festland die „Volksrepublik China“ ausrief. Beide Seiten verstanden sich als einzig legitime Regierung ganz Chinas. Beide beanspruchten die Vertretung der chinesischen Nation. Denn beide gingen zugleich davon aus, dass die Teilung nur vorübergehend sei.

In der frühen Phase des Kalten Krieges erschien diese Sichtweise durchaus plausibel. Die Regierung in Taipeh verstand sich nicht als Vertreterin eines eigenen taiwanesischen Nationalstaates, sondern als Exilregierung Chinas. Karten der Republik China zeigten weiterhin das gesamte chinesische Festland. Offiziell sprach man von der baldigen Rückeroberung des Kontinents. Die Vereinigten Staaten von Amerika unterstützten diese Haltung, weil Taiwan ein wichtiger antikommunistischer Vorposten im westpazifischen Raum war.

Tatsächlich unterschieden sich die Konfliktparteien ursprünglich weit weniger durch ethnische Herkunft als durch Ideologie und Machtpolitik. Die Anhänger Maos und die Anhänger Chiang Kai-sheks waren beide Chinesen. Der Bürgerkrieg war kein nationaler Befreiungskampf verschiedener Völker, sondern ein Kampf um die politische Zukunft Chinas. Nationalisten und Kommunisten hatten sogar zeitweise gemeinsam gegen Japan gekämpft.

Dennoch greift die Vorstellung zu kurz, Taiwan sei lediglich ein ausgelagerter Teil des chinesischen Bürgerkrieges geblieben. Denn die Insel brachte historische Voraussetzungen mit, die langfristig eine eigenständige Identität begünstigten.

Taiwan war nie vollständig mit der Geschichte des chinesischen Festlandes verschmolzen. Die Insel wurde erst vergleichsweise spät dauerhaft von Han-Chinesen besiedelt. Über Jahrhunderte lebten dort austronesische Ureinwohner. Im 17. Jahrhundert standen Teile Taiwans unter niederländischer Kontrolle. Später wurde die Insel zwar Bestandteil des chinesischen Kaiserreiches, blieb jedoch Randgebiet.

Einst das China der Bürgerlichen

Besonders prägend wurde die japanische Herrschaft zwischen 1895 und 1945. Nach dem chinesisch-japanischen Krieg musste das Kaiserreich China Taiwan an Japan abtreten. Fünf Jahrzehnte lang war Taiwan damit nicht Teil Chinas, sondern Bestandteil des japanischen Imperiums. Die japanische Verwaltung modernisierte Infrastruktur, Bildungswesen und Verwaltung. Gleichzeitig versuchte sie, die Bevölkerung kulturell zu „japanisieren“.

Als die Kuomintang-Regierung nach dem Zweiten Weltkrieg die Kontrolle über Taiwan übernahm, trafen daher zwei Welten aufeinander. Viele Einheimische empfanden die vom Festland kommenden Funktionäre als fremd, korrupt und arrogant. Die Spannungen entluden sich 1947 im sogenannten „Zwischenfall vom 28. Februar“, als Proteste brutal niedergeschlagen wurden. Tausende Menschen kamen ums Leben.

Dieses Ereignis wurde zum Gründungsmythos des späteren taiwanesischen Selbstverständnisses. Für viele Taiwaner begann hier die Erfahrung, nicht nur vom kommunistischen Festland bedroht zu sein, sondern auch von einer nationalchinesischen Führung unterdrückt zu werden.

Nach 1949 errichtete die Kuomintang auf Taiwan ein autoritäres Regime. Das Kriegsrecht blieb jahrzehntelang in Kraft. Oppositionelle wurden verfolgt, kritische Stimmen unterdrückt. Die Regierung versuchte, eine strikt chinesisch-nationalistische Identität durchzusetzen. Mandarin wurde zur dominierenden Sprache erklärt, lokale Dialekte und regionale Traditionen gerieten unter Druck.

Paradoxerweise legte gerade diese Politik langfristig den Grundstein für das Entstehen eines eigenständigen taiwanesischen Bewusstseins. Die Bevölkerung der Insel machte die Erfahrung, dass die herrschende Elite zwar chinesisch dachte, aber auf Taiwan lebte und dort einen eigenen politischen und wirtschaftlichen Raum entwickelte.

Hinzu kam der wirtschaftliche Aufstieg. Taiwan entwickelte sich in den sechziger und siebziger Jahren zu einer der erfolgreichsten Volkswirtschaften Asiens. Mit wachsendem Wohlstand entstand auch ein stärkeres Selbstbewusstsein. Die Menschen identifizierten ihren Erfolg zunehmend mit der Insel selbst und nicht mehr mit dem abstrakten Ziel einer Rückeroberung des Festlandes.

Aufstieg der 1986 gegründeten DPP

Entscheidend wurde schließlich die Demokratisierung. In den achtziger Jahren begann die Kuomintang schrittweise politische Reformen einzuleiten. Das Kriegsrecht wurde aufgehoben, Oppositionsparteien zugelassen, freie Wahlen ermöglicht. Aus dem autoritären antikommunistischen Bollwerk entstand eine lebendige Demokratie.

Gerade diese Demokratisierung veränderte die Identitätsfrage grundlegend. Denn nun konnten sich erstmals auch politische Kräfte artikulieren, die Taiwan nicht mehr als provisorischen Sitz einer chinesischen Exilregierung verstanden. Die Demokratische Fortschrittspartei, kurz DPP, stellte zunehmend die Eigenständigkeit Taiwans in den Mittelpunkt.

Parallel dazu wandelte sich die gesellschaftliche Selbstwahrnehmung. Meinungsumfragen zeigen seit Jahren einen deutlichen Trend: Immer weniger Einwohner bezeichnen sich primär als Chinesen, immer mehr ausschließlich als Taiwaner. Besonders stark ausgeprägt ist diese Haltung bei jüngeren Generationen.

Dafür gibt es mehrere Gründe. Erstens fehlt vielen jungen Taiwanern jede persönliche Verbindung zum chinesischen Bürgerkrieg. Für ihre Großeltern war die Teilung Chinas noch biographische Realität. Für die jüngeren Generationen ist sie ferne Geschichte. Sie sind in einem demokratischen Taiwan aufgewachsen, nicht in einem gesamtchinesischen politischen Projekt.

Zweitens hat die politische Entwicklung auf dem Festland die Distanz vergrößert. Die Volksrepublik China präsentiert sich heute wirtschaftlich modern, politisch aber autoritär. Die zunehmende Kontrolle unter Xi Jinping, die Unterdrückung in Hongkong und die umfassende Überwachung der Gesellschaft wirken auf viele Taiwaner abschreckend. Das Versprechen „Ein Land, zwei Systeme“ hat seit den Ereignissen in Hongkong massiv an Glaubwürdigkeit verloren.

Drittens entwickelte Taiwan in den vergangenen Jahrzehnten eigene demokratische Traditionen. Freie Medien, Regierungswechsel durch Wahlen und eine offene Zivilgesellschaft prägen die politische Kultur der Insel. Viele Taiwaner empfinden diese Ordnung nicht als chinesische Variante, sondern als spezifisch taiwanesische Errungenschaft.

Gleichzeitig bleibt die Identitätsfrage kompliziert. Die Bevölkerung Taiwans besteht überwiegend aus Han-Chinesen. Familienbeziehungen zum Festland existieren weiterhin. Auch kulturell bestehen enge Verbindungen. Traditionelle chinesische Schriftzeichen werden auf Taiwan bis heute verwendet, während auf dem Festland vereinfachte Schriftzeichen eingeführt wurden. Viele Taiwaner sehen sich kulturell durchaus als Teil der chinesischen Zivilisation, ohne deshalb eine politische Vereinigung mit der Volksrepublik anzustreben.

Genau hierin liegt das Missverständnis vieler westlicher Debatten. Die Entwicklung einer taiwanesischen Identität bedeutet nicht zwangsläufig die vollständige Ablehnung chinesischer Kultur. Vielmehr trennt sich zunehmend die kulturelle von der politischen Ebene. Man kann sich kulturell chinesisch fühlen und dennoch einen unabhängigen politischen Weg Taiwans befürworten.

Schwieriger Spagat des Westens

Auch der Begriff „Separatismus“ greift daher nur teilweise. Aus Sicht Pekings ist jede Betonung einer eigenständigen taiwanesischen Nation separatistisch, weil die Volksrepublik Taiwan als unveräußerlichen Teil Chinas betrachtet. Aus Sicht vieler Taiwaner hingegen existiert längst eine faktische Eigenstaatlichkeit. Taiwan besitzt eigene Streitkräfte, eine eigene Regierung, eine eigene Währung und ein eigenes demokratisches System.

Der Wandel der Sprache im Westen spiegelt diese Realität wider. Während früher häufig von „Rotchina“ und „Nationalchina“ gesprochen wurde, hat sich inzwischen die Gegenüberstellung von „China“ und „Taiwan“ etabliert. Dahinter steht nicht zwingend die formale Anerkennung zweier chinesischer Staaten, wohl aber die Wahrnehmung zweier politischer Wirklichkeiten.

Dennoch bleibt die Lage heikel. Die meisten westlichen Staaten erkennen diplomatisch nur die Volksrepublik China an und halten offiziell an der Ein-China-Politik fest. Gleichzeitig unterstützen sie die demokratische Selbstbehauptung Taiwans. Diese strategische Ambivalenz soll Stabilität sichern, birgt jedoch dauerhaft Konfliktpotenzial.

Für Peking ist die Taiwanfrage nicht nur geopolitisch, sondern auch historisch und emotional aufgeladen. Die kommunistische Führung betrachtet die Wiedervereinigung als Bestandteil der nationalen Wiedergeburt Chinas nach dem „Jahrhundert der Demütigungen“. Jeder Schritt Taiwans in Richtung formeller Unabhängigkeit wird daher als Angriff auf die nationale Einheit verstanden.

Auf Taiwan wiederum wächst die Skepsis gegenüber jeder politischen Annäherung an das Festland. Viele Bürger fürchten, ihre demokratischen Freiheiten könnten im Falle einer Vereinigung verloren gehen. Gerade die Entwicklung Hongkongs hat diese Sorge verstärkt.

Die taiwanesische Identität entstand somit nicht plötzlich, sondern über Jahrzehnte hinweg aus historischen Erfahrungen, politischer Entwicklung und gesellschaftlichem Wandel. Sie ist das Ergebnis einer besonderen Geschichte zwischen chinesischer Tradition, japanischem Einfluss, amerikanischer Schutzmacht und demokratischer Modernisierung.

Wer die heutige Taiwanfrage verstehen will, muss deshalb erkennen: Es geht längst nicht mehr allein um die Fortsetzung des chinesischen Bürgerkrieges. Auf Taiwan ist eine politische Gemeinschaft entstanden, die sich zunehmend als eigenständiges Gemeinwesen begreift – unabhängig davon, wie die völkerrechtliche Frage letztlich beantwortet wird.

Gerade darin liegt die eigentliche Tragik des Konflikts. Während Peking die nationale Einheit vollenden will, hat sich auf Taiwan eine Gesellschaft entwickelt, die ihre Zukunft immer weniger als Teil eines gesamtchinesischen Projektes sieht. Damit prallen heute nicht nur geopolitische Interessen aufeinander, sondern zwei unterschiedliche Vorstellungen politischer Identität.

Ob daraus eines Tages ein offener Konflikt entsteht oder eine dauerhaft friedliche Koexistenz, gehört zu den großen offenen Fragen des 21. Jahrhunderts.


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Kommentare

sitra achra am 18.06.26, 15:33 Uhr

Den Aggrochinesen unter Xi geht es nicht um die Heimholung ins Chinesenreich, d.h. um patriotische Gefühle. Taiwan steht nur ihren Expansionsplänen im Pazifikraum im Weg.
Dieser kommunistische Unrat ist kein legitimer Erbe des Kaiserreichs.
Die Taiwaner waren allerdings locker mit dem Kaiserreich verbunden. Sie besiedelten die Insel schon vor etlichen Jahrhunderten. Die Hauptgruppen stellten die Minnan und die Hakka dar, die auch eigene chinesische Sprachen, keine Dialekte, wie Hokkien und Hakka sprachen.
Der Anteil dieser eigenständigen Ethnien beträgt über 70%. Nach dem Krieg 1945 nahmen Tschiang-Kaischek und seine Figuren die Insel in Besitz und oktroyierten ihr eine nationalistische Gesinnung a la Nationalchina und zwangen ihr Mandarin als öffentliche Sprache auf.
Glücklicherweise blieb Hokkien erhalten und wird wieder mehrheitlich gesprochen sowie staatlich gefördert.
Die ca. 2-3 Millionen eingewanderten Festlandchinesen aus diversen Provinzen, die sogenannten Mainlander,ca. 7,5% der Population, sind mittlerweile auch durch Einheirat integriert.
Vor China fürchten sich die meisten Taiwaner und sind entschlossen, sich ihrer Haut im Falle einer chinesischen Invasion zu wehren.Zu Japan fühlen sie sich eher hingezogen, da es sich bei diesem um ein Kulturvolk handelt, das sie auch während der Besatzung fair behandelt hat.
Der Großater meiner taiwanischen Schwiegertochter, ein Angehöriger der Minnan, diente gern unter den Japanern und verehrte auch deren deutschen Verbündeten.
Ich bin froh, dass meine Schwiegertochter nun die deutsche Staatsbürgerschaft erhalten hat und dass sie mit ihrer süßen Tochter in Sicherheit ist.
Um das Schicksal ihres großen Familienclans, meiner Verwandtschaft, mache ich mir allerdings große Sorgen. Wer bürstet den Aggrochinesen einmal ordentlich das Fell? Das wäre unbedingt vonnöten!

Peter Wendt am 17.06.26, 10:10 Uhr

Ein gut recherchierter Artikel der die historischen Hintergründe gut darstellt.
Ich befürchte die Volksrepublik China betrachtet sich zurecht als legitimen Rechtsnachfolger des Kaiserreiches. Taiwan kann auf Zeit spielen, den besseren Deal herausholen, besser als Hongkong. Das war es aber auch schon. Alles andere führt unabdingbar in die Katasstrophe.

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