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Dieter Nuhr, Harald Martenstein, Ulrike Ackermann, Hubert Kleinert sowie  Antonia Grunenberg (v.l.n.r.) auf dem Podium
Bild: Amin AkhtarDieter Nuhr, Harald Martenstein, Ulrike Ackermann, Hubert Kleinert sowie Antonia Grunenberg (v.l.n.r.) auf dem Podium

Bemerkenswert politische Einblicke

Wenn alte Linke plötzlich in der neuen Mitte sind

Aha-Erlebnis oder schleichender Prozess: Prominente Autoren und Kabarettisten beschreiben ihren Weg raus aus dem linken Zeitgeist-Sog

Hermann Müller
18.03.2026

Dass Politik und Gesellschaft der Bundesrepublik schon Jahrzehnte vor dem Mauerfall in eine problematische Richtung abgebogen waren, vermittelt das im Stuttgarter Kohlhammer-Verlag erschienene Buch „Wenn das Denken die Richtung ändert – Warum wir nicht mehr links sind“ (siehe auch Seite 22). Die Herausgeber Ulli Kulke und Reinhard Mohr haben für den Sammelband zwölf namhafte Autoren zusammengeführt: angefangen von Ulrike Ackermann, Mathias Brodkorb, Monika Gruber und Antonia Grunenberg über Hubert Kleinert und Monika Maron bis hin zu Samuel Schirmbeck sowie den Kabarettisten Dieter Nuhr und Andreas Rebers. Auch Peter Schneider hat einen Beitrag zum Sammelband beigesteuert, er verstarb bedauerlicherweise kurz vor dem Erscheinen des Buches.

Gemeinsam war ihnen fast allen, dass sie von der 68er-Bewegung, den linken Milieus der 1970er Jahre oder der späteren grünen Bewegung geprägt wurden. Sie alle haben sich irgendwann im Leben jedoch gegen einen radikalen Konformismus und gegen ein zeitgeistgeprägtes Gruppendenken entschieden. Denn: Es geht um das Selberdenken – so der Tenor der Buchvorstellung. Einige der Autoren, darunter Dieter Nuhr und Harald Martenstein, gaben bei der Präsentation am 11. März in Berlin sehr persönliche Einblicke, wie sich bei ihnen die Absetzbewegung von Massendenken und Gruppendruck vollzogen hat.

Martenstein, langjähriger Autor beim als linksliberal geltenden Berliner „Tagesspiegel“ und inzwischen Kolumnist bei der „Welt“ , beschrieb anschließend, wie er die Atmosphäre Anfang der 1970er Jahre in Erinnerung hat: „In den Klassenzimmern jener Jahre herrschte eine klare, fast unerbittliche Hierarchie. Es gab im Grunde nur zwei Lager: Die einen waren sehr links, und die anderen hielten den Mund. Ich war damals 15 oder 16 Jahre alt, fasziniert von der Idee der ‚permanenten Revolution' und lief – wie fast alle anderen – der Masse hinterher. Dabei offenbart sich rückblickend ein frappierendes Paradoxon des Individualismus: In meiner Klasse gab es genau einen Mitschüler, der sich offen zur Jungen Union bekannte. Den beschimpften alle als ‚Nazi'. Doch wenn ich heute darüber nachdenke, muss ich anerkennen: Er war der einzige echte Individualist unter uns. Während wir uns in der Sicherheit der Gruppe wie Rebellen fühlten, bewies er den Mut, originell und selbstständig zu denken – gegen den Druck einer geschlossenen Gemeinschaft, die keine Abweichung duldete“.

Martenstein, Jahrgang 1953, resümierte im Rückblick: „Ich wurde linker, ohne es zu merken; es war keine bewusste Entscheidung, es war eine Art Sog, der mich mitriss.“

Auch der scharfsinnige Kabarettist Dieter Nuhr wurde in seiner Jugend von dieser linken Zeitgeistströmung mitgerissen. Er erinnert sich, ähnlich wie Martenstein, an den ausgegrenzten Mitschüler mit JU-Hintergrund: „Ich kenne die Geschichte genauso. Bei uns war es wieder einer in der Klasse, der dazu stand, dass er in der Jungen Union war – ansonsten waren wir Individual-Konformisten. Das spiegelte sich auch im Tourismus wider. Wir wollten alle dorthin, wo keine Touristen waren. Dieser Glaube daran, man wäre Individualist, wenn man das macht, was alle anderen sagen, zieht sich eigentlich bis heute durch die Linke.“
Als Schlüsselerlebnis ist Nuhr die Vorbereitung auf eine Talkshow zum Thema Gentechnik im Südwestfunk in Erinnerung geblieben, „die guckte niemand, die war unter Ausschluss der Öffentlichkeit“: „Als alter Linker dachte ich natürlich, jeder Konzern will seine Kundschaft umbringen. Und denen zeigen wir es jetzt mal richtig. Dann habe ich recherchiert und bis heute kein technisches Argument gefunden, das gegen Gentechnik spricht. Daraufhin habe ich meine Meinung auf der Bühne angepasst und gesagt: Ich bin eigentlich als Gegner der Gentechnik eingeladen, aber ich kann das nicht – es gibt keine Argumente. Danach war ich für die öffentlichen Veranstalter raus; das hat mir sehr zu denken gegeben.“

Ein guter Rat an Noch-Linke

Dieses Erlebnis führte laut Nuhr dazu, dass er begann, alles zu hinterfragen, was er bisher für gesetzt hielt: „Ich war nicht mehr bereit, einfach nur eine ideologische Position zu beziehen, sondern ich wollte wissen, was stimmt. Das hat mich weggeführt von dieser sehr engen, dogmatischen Linken, hin zu einer viel offeneren Art des Denkens.“

Hubert Kleinert, 1983 einer der ersten Grünen im Bundestag, erinnerte sich an die Atmosphäre an den politologischen Instituten der Hochschulen. Dort habe ein „Konformismus plattester Art“ geherrscht: „Es ging eigentlich nur darum, den Jungakademikern klarzumachen: In der BRD herrscht eine Klassengesellschaft, und die muss weg.“ Als Ereignis, das ihn „schwer beschäftigt“ habe, nannte Kleinert die deutsche Einheit: „Da fing ich an zu denken: Da findet sich ja doch vieles, bei dem die Linken falschgelegen haben. Wer mehr wissen will, soll es im Buch nachlesen.“

Leopold Freiherr von und zu Weiler, Geschäftsführer des traditionsreichen W. Kohlhammer Verlags, stellte zum Abschluss die Frage, was die erfahrenen ehemaligen Linken der heutigen Linken als „mütterlichen oder väterlichen Rat“ mitgeben würden. Martenstein erinnerte daran, dass die Linke oft mit Mördern gemeinsame Sache gemacht habe: „Das hat bei Stalin angefangen, ging mit Mao weiter und Enver Hoxha bis hin zur Solidarität mit Mörderbanden, die aus Gaza kommen und Dörfer überfallen. Das ist eine unglaublich lange Liste von Mörderbanden, mit denen sich die Linke solidarisiert hat. Danach auf die Idee zu kommen, dass man die besseren Menschen repräsentiert, das ist schon kühn.“

Einen aktuellen Nerv getroffen

Die Politikwissenschaftlerin Antonia Grunenberg hatte zweierlei Empfehlungen: „Die Linke hat zu oft die Freiheit verraten. Angefangen mit dem Beginn des 20. Jahrhunderts und den Revolutionen ging es immer darum, eine vollkommen nivellierte Gesellschaft zu schaffen – und immer ist dies in totalitären Regimen geendet. Das ist ein Erbe, das die Linke bearbeiten muss.“ Sowohl Linken als auch Rechten riet Grunenberg, den Begriff der pluralen Gesellschaft ernster zu nehmen und Streit auszuhalten.
Ulrike Ackermann sah die wichtigste Empfehlung darin, sich für „eine klare antitotalitäre Position starkzumachen“. Bis heute habe die Auseinandersetzung mit den Verbrechen des Kommunismus nur rudimentär stattgefunden. Als zweiten Punkt nannte sie die Staatsfixierung und die Neigung, den Menschen vorschreiben zu wollen, wie sie zu leben
haben: „Das müssen sich die Linken abgewöhnen.“

Bei Dieter Nuhr blitzte schließlich der Kabarettist auf: Er würde versuchen, „den Linken das automatisierte Beleidigtsein auszutreiben“. Dazu empfahl er aber auch ein offenes Ohr für die veränderte Welt: „Man kann nicht so tun, als ob Menschen, die in die Arbeitslosigkeit geraten, wie im Jahr 1932 in den Hunger fielen.“

Der familiengeführte Kohlhammer-Verlag hat mit dem Sammelband, den mehrere andere Verlage nicht herausbringen wollten, den Nerv der Zeit getroffen. Ursprünglich hatte man zur Buchpräsentation nur einige Dutzend Interessierte erwartet. Überraschung: Denn am Ende fanden sich 120 Gäste ein. Und die widerlegten obendrein auch noch gut gelaunt die Behauptung, dass es „die besseren Partys nur bei den Linken“ gebe.


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