19.07.2026

Preußische Allgemeine Zeitung Zeitung für Deutschland · Das Ostpreußenblatt · Pommersche Zeitung

Suchen und finden
Die (fast) perfekte Täuschung: Wo Menschen am Werk zu sein scheinen, führen immer öfter Computerprogramme Regie
Bild: shutterstockDie (fast) perfekte Täuschung: Wo Menschen am Werk zu sein scheinen, führen immer öfter Computerprogramme Regie

Wilde Theorien über die wahre Macht der Internet-Bots

Die These vom „Toten Internet“: Hat der Mensch im Netz längst die Kontrolle verloren?

Wolfgang Kaufmann
19.07.2026

Das Internet ist ein weltweiter Verbund von Rechnernetzwerken und sollte eigentlich wie ein neutraler und objektiver Supercomputer funktionieren. Tatsächlich sind die Inhalte und Interaktionen im Netz oft alles andere als rational. Das gilt auch für manche Theorien über das Internet beziehungsweise sogenannte Apps, also spezielle Anwendungsprogramme, welche die Nutzung des Internets und die Darstellung von dessen Inhalten ermöglichen oder verbessern. Zu diesen Apps zählt die seit 2020 verfügbare Randonautica, der manche Nutzer mittlerweile „gottesähnliche Fähigkeiten“ zuschreiben.

Nutzer der App sollen sich auf bestimmte Gedanken, Gefühle und Absichten fokussieren, woraufhin Randonautica mittels eines speziellen Algorithmus Koordinaten von Orten in der näheren Umgebung auswirft, an denen man das Ungewöhnliche im Alltag entdecken könne. Seit einiger Zeit mehren sich indes Berichte über mysteriöse oder gruselige Erfahrungen beim Aufsuchen dieser Plätze – bis hin zum Fund von zwei Mordopfern im US-Bundesstaat Washington. Daraus wiederum wird neuerdings der haarsträubende Schluss gezogen, hinter Randonautica stehe eine „höhere Macht“, welche die App steuere.

Kontrastiert wird diese „Vergöttlichung“ eines einzelnen Internet-Programms durch die Verschwörungstheorie vom „Toten Internet“. Deren Vertreter behaupten alles Ernstes, dass das Netz seit etwa 2016 nicht mehr von Menschen, sondern von Bots dominiert werde. Das sind automatisierte Computerprogramme, welche das Verhalten unserer Spezies nachahmen, indem sie Inhalte generieren, verbreiten und kommentieren.

Auch Google gerät ins Visier

Zwar war der Anteil der menschlichen Interaktionen im Internet 2016 schon auffallend niedrig. Bei mehr als 16 Milliarden Aufrufen von Internetseiten stießen Mitarbeiter des führenden US-amerikanischen Cybersicherheitsunternehmens Imperva bei 52 Prozent auf Bots. Heute soll deren Anteil nun bei 57 Prozent liegen, wobei von rund 20 Prozent gutartigen und knapp 40 Prozent bösartigen Bots die Rede ist. Das ist natürlich Wasser auf die Mühlen der „Dead Internet Theory“ (DIT).

Allerdings besagt die Theorie auch, dass „geheime Gruppierungen“ das von normalen Menschen „bereinigte“ Internet nutzten, um die öffentliche Meinungsbildung nach ihren Vorstellungen durch riesige Massen von automatisierten Inhalten zu beeinflussen. Manchmal wird diesen Hintermännern einfach nur pure Gewinnsucht unterstellt, manchmal heißt es aber auch, die Bots seien im Auftrag von Regierungen oder Geheimdiensten aktiv. Maßgebliche Akteure im „Toten Internet“ sollen auf jeden Fall IT-Konzerne wie Google sein, deren Suchmaschinen ein „Potemkinsches Dorf“ darstellten: Die unzähligen Treffer bei vielen Anfragen hätten nur den Zweck, zu verschleiern, dass das Internet tatsächlich relativ wenige echte Seiten aufweise. Ein Beweis dafür seien die vielen Fehlermeldungen „404 – Seite wurde nicht gefunden“, wenn der Nutzer nach den ersten Treffern tiefer grabe.

Die Geschichte der Theorie vom „Dead Internet“ begann im Dezember 2018 mit einem Artikel von Max Read auf der Plattform des „New York Magazine“ unter dem Titel: „Wie viel vom Internet ist gefälscht? Wie sich herausstellt – tatsächlich eine ganze Menge.“ Dem folgten 2021 zwei Beiträge von „Illuminati Pirat“ und Avi Gopani im Forum „Agora Road“ sowie im „Analytics India Magazine“. Im letzteren Fall lautete die reißerische Überschrift: „Das Internet starb vor fünf Jahren.“ Heute gilt das Ganze oft als lupenreine Verschwörungstheorie. Als seriös geltende Experten wie Hal Berghel, Professor für Computerwissenschaft an der University of Nevada in Las Vegas, räumen lediglich ein, dass zumindest „einige Kernprinzipien der DIT mit unserer technischen und historischen Erfahrung übereinstimmen“.

Die Skepsis gegenüber der Theorie resultiert dabei nicht nur aus den Behauptungen über die Rolle von Regierungen oder Geheimdiensten, sondern ebenso aus der neuerdings kursierenden Vermutung, dass das Internet mittlerweile so komplex und automatisiert geworden sei, dass es ein Eigenleben entwickelt habe und in gar niemandes Diensten mehr stehe – vielmehr bilde es einen virtuellen Organismus, der die Menschheit zunehmend ignoriere. Dafür finden sich allerdings keinerlei belastbare Belege.

Manchmal wird das Internet jedoch auch nicht als Tummelplatz unzähliger Bots bezeichnet, welche quasi wie die Mitglieder eines großen Ameisenvolkes agierten, sondern als System, in dem „Roko's Basilisk“ die Kontrolle ausübe. In der antiken und mittelalterlichen Mythologie galten Basilisken als gefährliche Mischwesen aus Vögeln und Schlangen, deren Blick Menschen in Stein verwandeln oder töten könne.

Elon Musk spricht von „Dämonen“

Während einer Diskussion auf der von dem KI-Forscher Eliezer Yudkowsky begründeten Plattform „LessWrong“, auf der unter anderem die existenziellen Risiken durch die KI thematisiert werden, behauptete am 23. Juli 2010 ein gewisser Roko Mijic, dass inzwischen eine extrem mächtige Künstliche Intelligenz das Internet und die digitale Welt beherrsche. Und diese KI namens „Basilisk“ würde gewiss auch bald auf die naheliegende Idee verfallen, all jene Menschen zu bestrafen oder ganz zu eliminieren, die sich in der Vergangenheit nicht aktiv genug um die KI-Entwicklung bemüht oder diese sogar zu verhindern versucht hätten.

Yudkowsky bezeichnete Mijic daraufhin als „Idioten“ und unterband jedwede Diskussion des Themas auf „LessWrong“ innerhalb der nächsten fünf Jahre. Grund dafür waren die Reaktionen anderer Nutzer: Manche berichteten über Albträume und Nervenzusammenbrüche nach dem Lesen des Beitrages über „Roko's Basilisk“. Später schrieb das Online-Magazin „Slate“, Mijic habe „das schrecklichste Gedankenexperiment aller Zeiten“ gewagt und damit einen starken psychologischen Druck erzeugt. Angesprochen fühlte sich unter anderem der Hightech-Unternehmer Elon Musk, der schon des Öfteren sein Misstrauen gegenüber der KI geäußert hat und intelligente Maschinen gern mit Dämonen vergleicht, die der Mensch nicht mehr kontrollieren könne.


Hat Ihnen dieser Artikel gefallen? Dann unterstützen Sie die PAZ gern mit einer

Anerkennungszahlung


Kommentar hinzufügen

Captcha Image

*Pflichtfelder

Da Kommentare manuell freigeschaltet werden müssen, erscheint Ihr Kommentar möglicherweise erst am folgenden Werktag. Sollte der Kommentar nach längerer Zeit nicht erscheinen, laden Sie bitte in Ihrem Browser diese Seite neu!

powered by webEdition CMS