18.08.2026

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Iranische Medien fordern Rache an West-Politikern – Plötzlich verteidigen diejenigen, die gerade den Sturz des Regimes forderten, dieses nun – Eine andere Sichtweise hilft zu verstehen

Im Todesvisier der Iran-Mullahs

US-Präsident Trump, Kanzler Merz und andere westliche Führer spüren plötzlich das Fadenkreuz auf der Stirn

Prof. Stefan Piasecki
16.07.2026

Eine iranische Zeitung bildet westliche Politiker in Gefängniskleidung ab. Donald Trump erklärte Ende Juni, der Iran führe ihn auf seiner Todesliste. Öffentliche Belege wurden von ihm – wie meistens – nicht vorgelegt. Sicher ist lediglich, dass Geheimdienstinformationen in Kriegszeiten nie losgelöst von den Interessen der beteiligten Staaten betrachtet werden können. Gerade deshalb sollte jede entsprechende Meldung mit der nötigen Skepsis gelesen werden. Plötzlich geht es nicht mehr nur um den Krieg, der Konflikt erhält eine persönliche Dimension. Trump erklärte, für den Fall eines Anschlags habe er Anweisungen hinterlassen: Der Iran werde in einem Ausmaß bombardiert, wie es das Land noch nie erlebt habe. Bilder von Demonstranten mit „Kill Trump“-Plakaten schienen seine Warnung zu bestätigen.

Ob tatsächlich ein Attentatsplan existiert, lässt sich von außen nicht seriös beurteilen. Geheimdienstinformationen sind politisch schwer überprüfbar; im Krieg lassen sie sich nie von den Interessen der beteiligten Staaten trennen. Israel hat ein offensichtliches Interesse daran, die USA an seiner Seite und im Krieg zu halten. Das beweist keine Manipulation, erklärt aber, warum jede Information kritisch geprüft werden muss.

Erneut vereint durch die Bedrohung von außen

Selbst wenn ein iranischer Attentatsplan existiert haben sollte: Ist es wirklich überraschend, dass in einem Land, das bombardiert wurde, in dem Schulkinder, hochrangige Militärs, Wissenschaftler und politische Funktionsträger getötet wurden und dessen Führung offen mit Regimewechsel und innerer Destabilisierung bedroht wurde, Menschen den Tod der gegnerischen Staats- und Regierungschefs wünschen? Diese Frage beschreibt eine anthropologische Konstante: Krieg erzeugt Angst, Verzweiflung, Hass und den Wunsch nach Vergeltung. Er verändert die moralischen Koordinaten.

Anfang 2020 hatte Trump General Qasem Soleimani töten lassen. Im Westen galt er als Architekt iranischer Stellvertreterkriege; viele Iraner sahen in ihm hingegen den Mann, der in Syrien und im Irak den IS bekämpft und nationale Selbstbehauptung verkörpert hatte. Beides konnte gleichzeitig wahr sein. Seine Tötung führte nicht zur Regierungskrise, sondern zu gewaltigen Trauerkundgebungen. Wer erwartet, die iranische Öffentlichkeit werde im Krieg fein zwischen Washington, Jerusalem und einzelnen Entscheidungen differenzieren, unterschätzt dessen psychologische Logik. Noch wenige Monate vor den Angriffen befand sich die Islamische Republik in einer tiefen Legitimationskrise. Seit dem Tod von Mahsa Amini 2022, die wegen eines angeblichen Verstoßes gegen das staatliche Hidschāb-Gesetz von der iranischen Sittenpolizei festgenommen, geschlagen und getötet wurde, hatten sich Protest, Wut und Unzufriedenheit weit in die Gesellschaft ausgebreitet. Sanktionen und Inflation verschärften die Lage; die Sicherheitskräfte gingen brutal gegen Demonstranten vor. Das System war angeschlagen.

Dann begann der Krieg. Innerhalb weniger Tage verschob sich der Maßstab, an dem die Regierung in Teheran gemessen wurde. Nicht mehr die Innenpolitik stand im Vordergrund, sondern der Angriff von außen. Die Politikwissenschaft spricht vom „Rally-around-the-Flag-Effekt“: Auch gespaltene Gesellschaften schließen sich unter äußerem Druck häufig hinter ihrer politischen Führung zusammen.

Im Iran kommt jedoch ein zweiter Mechanismus hinzu. Wer verstehen will, warum Millionen Menschen um Ali Chamenei trauern und Rache fordern, obwohl viele zuvor gegen das politische System protestiert hatten, muss den Iran kulturell lesen. Der Schlüssel liegt in einem Ereignis, das 14 Jahrhunderte zurückreicht.

Ein geschichtlich-religiöses Symbol mit Tragweite

Im Jahr 680 wurde Hussein ibn Ali, der Enkel des Propheten Mohammed, in der Ebene von Kerbela mit einer kleinen Gefolgschaft von den Truppen des Umayyaden-Kalifen Yazid eingeschlossen. Militärisch war seine Lage aussichtslos. Hussein hätte sich unterwerfen können, entschied sich aber dagegen. Er kämpfte und starb; seine Familie wurde misshandelt und gefangen genommen. Die Brücke zur Gegenwart schlägt der Tod des religiösen Führers Ali Chamenei am 28. Februar. Trotz der bestehenden Kriegsgefahr befand er sich in seinem Arbeitszimmer, im Beisein von Familienmitgliedern, als die Raketen einschlugen. Für Schiiten ist Kerbela weit mehr als eine Episode der islamischen Frühgeschichte. Der Tod Husseins bildet den Kern einer religiösen und politischen Identität. An seine Seite trat nun Ali Chamenei. Nicht der Sieger gilt als Vorbild, sondern derjenige, der bereit ist, für seine Überzeugungen zu leiden und zu sterben.

Ashura, der zehnte Tag des Monats Muharram, erinnert bis heute an dieses Opfer. Millionen Menschen ziehen in Trauerprozessionen durch die Straßen, hören die Geschichte Husseins und schlagen sich rhythmisch auf die Brust. Diese Rituale sind keine Folklore. Sie vermitteln die Vorstellung, dass Ungerechtigkeit nicht hingenommen werden darf, dass Opfer Würde verleihen und dass gemeinsam ertragenes Leid eine Gemeinschaft enger verbinden kann als Erfolg.

Im europäischen Denken entsteht politische Legitimität vor allem aus Wahlen, Zustimmungswerten und Regierungsleistungen. Auch im Iran spielt Popularität eine Rolle. Doch im Augenblick eines äußeren Angriffs verändert sich die Bedeutung eines Staatsoberhauptes. Der Politiker tritt hinter das Symbol zurück.

Ein Gedankenexperiment macht das deutlich. Würde Deutschland überraschend angegriffen und der Bundeskanzler bei einem gezielten Schlag getötet, kreiste die Debatte kaum weiter um seine aktuell desaströsen Umfragewerte. Aus dem umstrittenen Parteipolitiker würde binnen Stunden das Symbol eines angegriffenen Landes. Kritik träte hinter die Frage zurück, ob die eigene politische Gemeinschaft bedroht ist. Sein Tod würde zum Kristallisationspunkt für Angst und Entsetzen der Nation. Rachewünsche wären auch hier die Folge.

Doppelte Gemeinsamkeiten

Im Iran verbindet sich dieser Mechanismus mit der Erinnerung an Kerbela. Die Millionen Menschen auf den Straßen sind nicht automatisch Ausdruck plötzlich erwachter Zustimmung zur Islamischen Republik. Unter ihnen dürften sich überzeugte Anhänger ebenso befinden wie Menschen, die unter Repression, Inflation und politischen Beschränkungen gelitten haben. Doch in dem Augenblick, in dem das Staatsoberhaupt durch einen äußeren Angriff getötet wurde, veränderte sich seine Rolle. Chamenei war nun für viele nicht mehr der religiöse Führer oder Repräsentant eines umstrittenen Systems. Er wurde Teil einer Geschichte, die älter ist als die Islamische Republik.

Der französische Historiker Ernest Renan schrieb, eine Nation werde ebenso durch gemeinsame Erinnerungen wie durch gemeinsames Vergessen geschaffen. Kriege erzeugen beides. Wer gegen die Regierung protestierte, kann Gemeinsamkeiten mit ihr entdecken, weil ein äußerer Feind innere Unterschiede relativiert. Damit hätte die Islamische Republik ihre Probleme nicht überwunden. Not, Spannungen und Reformwünsche bleiben bestehen; Trauerzüge beweisen keine uneingeschränkte Zustimmung. Aber Kriege verändern den politischen Zeithorizont.

Rache als medialer Reflex

Der Westen misst einen Krieg in zerstörten Anlagen, ausgeschalteten Kommandeuren und strategischen Vorteilen. Militärische Macht zerstört Fähigkeiten; politische Macht prägt Erinnerungen und Loyalitäten. Militärisch mögen sich Erfolge zeigen; politisch könnte das Urteil gegenteilig ausfallen.

Kriege produzieren Erzählungen. Im Iran lautet eine davon seit Jahrhunderten: Wir wurden angegriffen, wir haben gelitten, und dennoch haben wir überlebt. Wer diese Geschichte nicht kennt, wird die Trauer um Chamenei, die roten Fahnen und die Rufe nach Vergeltung missverstehen. Wer die Straßen des Iran begreifen will, muss deshalb nicht nur auf Satellitenbilder blicken, sondern ebenso auf Kerbela. Deshalb sagen viele iranische Demonstranten heute: „Das war Ashura“. Der plakative Ruf nach Bestrafung und Rache ist aber nicht zuletzt auch ein Reflex der modernen iranischen Mediengesellschaft, die von Klicks ebenso lebt wie ihre westlichen Kollegen.

Anders als im Westen
Doppeldeutige Symbole mit anderer Lesart

Auch die roten Fahnen erschließen sich erst vor dem Ashura-Hintergrund. Im Westen werden sie meist als Zeichen der Vergeltung gelesen. Im schiitischen Symbolsystem erinnern sie an das ungesühnte Blut Husseins und an die Verpflichtung, das Opfer nicht zu vergessen.

Rache und Erinnerung: Wer diese kulturellen Schichten ausblendet, sieht Millionen Trauernde und fragt, warum sie um einen Herrscher weinen, gegen dessen Regierung sie zuvor protestiert hatten. Betrauert wird aber nicht nur Chamenei, sondern das gemeinsame Schicksal eines Landes, das sich in seiner Gesamtheit angegriffen und verraten fühlt.

Damit verändert sich die strategische Bewertung des Krieges. Militärische Interventionen haben oft politische Folgen hervorgebracht, die ihren Zielen widersprachen. Napoleon löste in Spanien nationalen Widerstand aus, die USA gewannen in Vietnam viele Gefechte und verloren trotzdem politisch. Im Irak führte der schnelle Sturz Saddam Husseins nicht zur erhofften Stabilität, sondern zu Chaos und zum Abzug der US-Besatzer – nach Hunderttausenden Toten.

Im Iran könnte sich ein ähnlicher Mechanismus entfalten. Mit den Angriffen trat die dringende Frage nach wichtigen Reformen, die den Menschen im Iran helfen würden, hinter die Frage nach nationaler Existenz zurück. Die vorübergehende Stabilisierung des Systems wäre dabei das komplette Gegenteil dessen, was die Angreifer erreichen wollten.

Die Bedeutung eines Krieges entscheidet sich selten in den Tagen der Bombardierung. Sie entscheidet sich vielmehr erst später, in Erinnerungen, Loyalitäten und den Geschichten, die eine Gesellschaft über das Erlebte erzählt.

Gerade der Iran unterscheidet sich dabei von vielen anderen Staaten der Region. Sein Selbstverständnis reicht weit vor den Islam zurück und verbindet seit der Safawidenzeit die persische Staatstradition und die schiitische Religion. Militärischer Druck trifft nicht nur ein politisches System. Er trifft hierbei vor allem eine Gesellschaft, die sich als Träger einer jahrtausendealten Geschichte versteht.

Zwischen Persepolis und Kerbela spannt sich ein kultureller Bogen, den westliche Strategen immer wieder unterschätzen.


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