11.06.2026

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So eine alte Atari-Spielkonsole versprüht ihren eigenen Charme und ein völlig neues, weil altes Spielgefühl
Bild: Stefan PiaseckiSo eine alte Atari-Spielkonsole versprüht ihren eigenen Charme und ein völlig neues, weil altes Spielgefühl

Zurück aus der digitalen Mottenkiste

Die Alten sind wieder im Kommen – ein aktueller Trend, den kaum jemand begreift. Aufgepimpte Spiele für alte Konsolen – doch was erklärt eigentlich diesen wundersamen Hype um Pixel-Grafik und Chip-Tunes?

Prof. Stefan Piasecki
17.05.2026

Wings of Death ist zurück – und zwar da, wo man es am wenigsten erwartet: auf dem Atari Jaguar. Das uralte, aber legendäre Ballerspiel mit dem unvergesslichen Soundtrack, ursprünglich vor 36 Jahren vom deutschen Hersteller Thalion aus Gütersloh zunächst für die zeitgenössischen Heimcomputer Atari ST und Amiga veröffentlicht, wurde nun mit spürbaren technischen Anpassungen auf die RISC-Architektur des Jaguars portiert. Eine Plattform, deren offizieller Verkaufszeitraum bereits 1995 endete – und die heute dank einer leidenschaftlichen Szene plötzlich wieder brummt.

Eines der erfolgreichsten Aufbauspiele der 1990er Jahre, Die Siedler II der Firma Blue Byte aus Mülheim an der Ruhr, 1996 für Windows-PCs und Apple Macintosh erschienen, wurde Anfang 2026 für Amiga-Computer veröffentlicht. Jene ab 1985 sich stürmisch durchsetzenden Grafikmaschinen für den Privatanwender, deren Mutterfirma Commodore 1994 in Konkurs ging und bis 2000 an verschiedene neue Eigentümer weitergereicht wurde, ohne aber jemals einen neuen Computer zu entwickeln.

Kompatibel zu alt und neu

Die Altstars der Spielkonsolenszene, John Van Ryzin (H.E.R.O. für Atari VCS / Activision 1984) und David Crane (Pitfall! für Atari VCS / Activision 1982), taten sich mehr als 40 Jahre nach ihren Welthits wieder zusammen, gründeten die Firma Audacity Games und produzieren neue Spiele – für das Atari VCS, eine frühe Videospielkonsole, deren Technik aus dem Jahr 1977 stammt. Der Spielhallenshooter Tiger Heli von Toaplan aus dem Jahr 1985 und kurz danach für viele Konsolen umgesetzt, erschien sogar erst vierzig Jahre später für die 2025 neu aufgelegte Atari 7800-Konsole.

So gut wie alle Spiele, die jemals erschienen sind, lassen sich heute emulieren, d.h. originalgetreu technisch auf modernen Computern nachbilden. Auch die genannten Spiele sind leicht im Internet und somit kostenlos zu finden (was allerdings illegal wäre ...). Und dennoch greifen Menschen tief in den Geldbeutel, um Originalhardware gebraucht erwerben oder sogar zu einer Neuauflage greifen zu können, denn C64, Amiga, Atari-Konsolen, Intellivision und viele mehr sind als Wiederauflagen zu erhalten. Technisch robuster, mit modernen Anschlüssen, aber auch kompatibel zu alten Spielen ebenso wie den neuen.

Ohne alte Originale geht's nicht

Dass Entwickler Jahrzehnte nach dem Schlussgong für ein System noch einmal alles aus der Hardware kitzeln, ist keine Bagatelle. Die Restauration einer Entwicklungsumgebung ist nach so langer Zeit nicht trivial. Die Compiler, Grafik- und Sounddateien wieder auf einen gemeinsamen Entwicklungsstand zu bringen ist das eine. Die Hardwarebasis das andere. Und nicht zuletzt muss man sich im eigenen Code noch zurechtfinden und die Kommentierung verstehen. Die Originalhardware ist dabei nach wie vor notwendig, denn nicht für alle Zwecke kann auf Emulatoren zurückgegriffen werden. Allerdings bietet das Internet heute Dokumentationen zu allen denkbaren Hard- und Softwareherausforderungen, Chip-Revisionen, Compilervarianten und es findet sich schnell sachkundige Hilfe in den Retro-Entwickler-Foren, von denen es etliche online gibt. Zum Vergleich: In der Vor-Internet-Ära traf man sich bei Radio Shack oder Conrad Electronic oder in Computerclubs, um zu fachsimpeln. Oder hoffte auf den passenden Artikel in einer Computerzeitschrift.

Wer macht das – und warum zahlen Spieler viel Geld für neue Spiele auf alten Maschinen? Retro-Games kosten nicht weniger als moderne Spiele für Xbox oder PS5 – eher etwas mehr. Carl Forhan, Publisher von Wings of Death und mit seinem US-Label Songbird Productions seit Jahrzehnten in der Nische der Retroverlage vertreten, betont den großen Aufwand, da die Auflagen gering seien und sowohl die Softwareentwicklung als auch die Fertigung in kleinen Teams und von Hand erfolge. Dafür sei aber der Zuspruch von Fans sehr groß. Man kenne sich, treffe sich auf Szene-Meetings und erlebe die Faszination gemeinsam.

Alte Optik mit neuer Technik

Retro Games haben ihre Berechtigung. Die Neuauflage alter Spiele ermöglicht Zugriff auf seltene Titel, die vor fast 50 Jahren vielleicht nur in Kleinserie erschienen sind und heute Tausende von Euro kosten können. Diese zu emulieren ermöglicht zwar, sie anzusehen und zu spielen – die Nachbildung bietet jedoch nicht das gleiche Erlebnis. Erst das haptische Zusammenspiel von Spielmodul, Konsole und kabelgebundenem Joystick vermittelt den Eindruck, den die Entwickler vor Jahrzehnten angestrebt haben. Neuentwicklungen haben gleichwohl ihren eigenen Reiz, da heute mit moderner Programmierung bessere Spiele möglich sind, auch wenn die technischen Daten sich nicht verändert haben. Poseidon's Gate oder Casey's Gold für das Atari 2600 (Technik von 1977) können dadurch grafisch leicht mit C64-Spielen (Technik von 1982) mithalten. Wings of Death (2025) nutzt die Hardware des Atari Jaguar (1995) aus und bietet bessere Grafik und vielfältigeren Musik-Soundtrack als die Heimcomputervarianten (1990). Die Siedler II unterstützt 2026 Original-Amigas, viel höhere Bildauflösungen und damit Elemente auf dem Bildschirm durch die Nutzung von Grafikkarten und sogar moderne Hardware wie den PiStorm, der quasi mittels aktueller Mehrkern-Prozessoren die Uralt-CPU und Grafik-Chips des Amigas überbrückt und nur noch Gehäuse und Tastatur des Originals nutzt. Wie ein Virus, der den Wirt übernimmt.

Jugendschutz mit Bestand

Für den Jugendmedienschutz entstehen durch Retro-Games nach Aussage von Lidia Grashof, einer der beiden Ständigen Vertreter der Obersten Landesjugendbehörden bei der USK in Berlin, ebenfalls neue Herausforderungen, denn für sie gilt nach dem Jugendschutzgesetz von 2021 grundsätzlich, dass bereits vergebene USK-Altersfreigaben weiterhin Bestand haben, sofern es sich um die originale, unveränderte Version des Spiels handelt. Diese genießt sogenannten Bestandsschutz. Sobald jedoch eine Neuauflage erscheint – etwa in Form eines Remakes oder Remasters –, kann sich die jugendschutzrechtliche Bewertung ändern. Insbesondere inhaltliche Anpassungen oder eine grafische Aufwertung können dazu führen, dass die ursprüngliche Altersfreigabe nicht mehr gilt.

In solchen Fällen ist gegebenenfalls sogar eine neue Prüfung erforderlich. Als Wings of Death erschien, gab es die USK noch nicht. Das Spiel wäre demnach bei einem deutschen Vertrieb neu zu prüfen. Gleiches gilt für Atari-Spiele, selbst wenn es sich um Neuauflagen sehr alter Spiele handelt.

Es ist ein kurioses Gefühl: Denn Retro-Games ermöglichen regelrecht spielerische Zeitreisen. Aber auch den Blick in eine lebendige Nische, die viel größer und moderner ist, als man denkt.


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