04.09.2026

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Die deutschen Eroberer auf Händen getragen: Das Bild der Kolonialherren (hier ein kolorierter Holzstich von 1895 von einem Landungsplatz in Deutsch-Ostafrika) wird zu dem von europäischen Sklaventreibern umgedeutet
Bild: picture-alliance / akg-imagesDie deutschen Eroberer auf Händen getragen: Das Bild der Kolonialherren (hier ein kolorierter Holzstich von 1895 von einem Landungsplatz in Deutsch-Ostafrika) wird zu dem von europäischen Sklaventreibern umgedeutet

Anti-kolonialistischer Retro-Exorzismus

Postkoloniale Erzählungen wuchern wie Unkraut auf allen Kulturäckern. Der linke Zeitgeist unterstellt den Deutschen Rassismus und will ihnen einreden, während der kurzen Kolonialzeit nichts als Verbrechen begangen zu haben – War es wirklich so schlimm?

Josef Kraus
13.08.2026

Die grün-rot Woken in den Parteien, Stiftungen, Kirchen und diversen NGOs lassen nichts aus, um ihre Nationalallergie zu pflegen. Und manche Universität zieht mit: Die Universität Potsdam hat ein „Postcolonial Studies Collective“ eingerichtet, die Universität Kassel den Masterstudiengang „Sustainability and Postcolonial Studies“. Allüberall sind ohnehin Bußrituale ob der Jahre 1933 bis 1945 samt Kampf gegen den Faschismus angesagt. Und immer wieder wird der Antifa-Kampf flankiert von einem anti-kolonialistischen Impetus: Deutschland habe ja einen grausamen Kolonialismus betrieben. Im Verein mit „Antifaschismus“ und „Antirassismus“ wurde der Antikolonialismus zum rituellen, flagellantenhaften Ablassgeschäft der Selbstreinigung. Eine rückwärtsgewandte Teufelsaustreibung sozusagen.

Ja, von 1884 bis 1919 war Deutschland ein Kolonialreich. Nach dem Ersten Weltkrieg wurden die deutschen Schutzgebiete durch den Versailler Vertrag an die Siegermächte abgetreten. Der von 1871 bis 1890 amtierende Reichskanzler Otto von Bismarck war indes nie ein leidenschaftlicher Kolonialist. Er sah in Kolonien ein fiskalisches „Zuschussgeschäft“. Zudem wollte er Konflikte mit den etablierten Kolonialmächten, vor allem Großbritannien, vermeiden.

Anfang der 1880er Jahre allerdings forderten Hamburger und Bremer Kaufleute staatlichen Schutz für ihre wirtschaftlichen Unternehmungen in Afrika. Schließlich gab Bismarck nach. Und so wurden Deutsch-Ostafrika (mit dem heutigen Tansania, Burundi und Ruanda), Deutsch-Südwestafrika (in etwa das heutige Namibia), Kamerun (mit Teilen des heutigen Nigeria, Tschad, der Zentralafrikanischen Republik und Gabun), Togo, Kiautschou (China), Deutsch-Neuguinea („Kaiser-Wilhelm-Land“) und Deutsch-Samoa für gut drei Jahrzehnte deutsche Kolonien. Diese wiederum nahmen sich gegenüber den ganz Großen geradezu winzig aus: gegenüber dem Britischen Empire, dem Französischen Kolonialreich, den Eroberungen von Spanien und Portugal vor allem in Südamerika und auf den Philippinen, dem Niederländischen Kolonialreich im indonesischen Raum und in der Karibik.

War Kolonialismus also nur ein großes deutsches Verbrechen? Einschließlich Sklaverei? Man will nicht wahrhaben, dass der Anteil der muslimischen Welt an der Sklaverei den der westlichen erheblich übertraf. Die koloniale Vergangenheit des Osmanischen Reiches wird verdrängt. Egon Flaig ist einer, der die historischen Fakten aufdeckte und dazu das Standardwerk „Weltgeschichte der Sklaverei“ geschrieben hat. Er schreibt: „Als die Muslime ihr Weltreich eroberten, errichteten sie das größte und langlebigste sklavistische System der Weltgeschichte ... Es wurden weit mehr subsaharische Afrikaner in die Kernländer des Islam verschleppt als über den Atlantik in die europäischen Kolonien, mindestens 17 Mio. gegen 12 Mio...“ Deutschland war nicht dabei. Völkerrechtlich verboten wurde die Sklaverei in der Berliner Kongo-Akte von 1885 und durch die Antisklaverei-Akte der Brüsseler Konferenz (1889/90). Gegen die Zumutung, ohne Sklaven auszukommen, wehrten sich islamische Eliten heftig.

Antikolonialismus grotesk

Dennoch soll dieses Kapitel deutscher Geschichte querbeet aufgearbeitet werden. Professoral-antikolonialistisch-aktivistisch wird es, wenn sich Susan Arndt von der Universität Bayreuth um Sprache kümmert. Sie will mit einem 2022 im Duden-Verlag verlegten Buch folgende Begriffe verschwinden lassen: Orient, Okzident, Morgenland, Abendland, Buschmann (nicht den Ex-Minister Marco B. von der FDP), Dschungel, dunkelhäutig, Eingeborene, Entwicklungshilfe, Ethnie, Farbige, Fetisch, Flüchtling, Ghetto, Häuptling, Hautfarbe, Heide, Lateinamerika, Mohr, Mulatte, Naturvolk, Naturreligion, Neue Welt, Rasse, Südafrika, Stamm, Tropen, Tropenmedizin, Wilde, Neger, Eskimo, Indianer, Zigeuner, Bastard... Oh sancta simplicitas! Oh sancta paranoia! Das ist genau so daneben wie die Umbenennung eines Kekses. Seit Jahrzehnten hatte die Firma Bahlsen den Schokokeks „Afrika“ hergestellt. Der Name „Afrika“ war gewählt worden, weil Afrika der größte Kakaobohnen-Hersteller der Welt sei. Am Ende wurde 2020 daraus der Keks „Perpetum“.

Vor allem geht es derzeit dem „Mohr“ an den Kragen: Mohrenstraße, Hotel zu den drei Mohren, Mohrenapotheke. Darüber ist eine Kolonialismus- und Rassismus-Debatte ausgebrochen. Ohne Rücksicht darauf, woher der „Mohr“ kommt. Er leitet sich vom griechischen mavros ab, das „schwarz“ oder „dunkel“ bedeutet. Das Wort findet sich als moor im Niederländischen, als mòro im Italienischen. Auf „maurus“ beruhen die Ländernamen Mauretanien und Mauritius. Morellen sind dunkle Kirschen.

Der Sarotti-Mohr wurde bereits gebleicht, er heißt seit 2004 „Sarotti-Magier“ oder „Magier der Sinne“. Der Mohrenkopf wurde durch „Schokokuss“ oder „Schaumkuss“ ersetzt. Dann erst St. Mauritius – Namenspatron von Moritz! Der um 250 bei Theben in Ägypten Geborene ist Patron von weltweit 850 Kirchen, Schutzheiliger der Soldaten und vieler Handwerker. Als römischer Söldner weigerte er sich, gegen Christen zu kämpfen. Mauritius wurde daraufhin hingerichtet. Im Wappen von mehreren Dutzend Städten findet sich St. Mauritius als Schutzheiliger.

Und schließlich die Öffentlich-Rechtlichen. Kinderlieder wurden vom ZDF de-kolonialisiert: „Drei Chinesen mit dem Kontrabass ...“; „Wer hat die Kokosnuss geklaut ...“ Solche Lieder würden „rassistische/kolonialistische Ressentiments“ fördern.

Nicht einmal mit der Rückgabe von „Beutekunst“ klappt es so richtig. Deutschland übergab im Dezember 2022 symbolisch 20 kostbare Bronzen und übertrug Eigentumsrechte für über 1.100 Stücke an den nigerianischen Staat. Im Frühjahr 2023 wurde bekannt, dass Nigerias damaliger Präsident die Eigentumsrechte per Dekret nicht seinem Volk oder staatlichen Museen, sondern dem Oba von Benin (dem Nachfahren der Herrscherfamilie des damaligen Königreichs) überschrieben hatte. Dieser Schritt sorgte für heftige Kritik an Außenministerin Annalena Baerbock und Kulturstaatsministerin Claudia Roth (beide Grüne). Kritiker befürchteten, dass die Beutekunst nun in Privatbesitz verschwinde oder gar auf dem internationalen Kunstmarkt verkauft werden könnte.

Was ausgeblendet wird

Gerne wird verdrängt, dass die Kolonisierung, zum Beispiel infolge der christlichen Mission, die Zivilisation nach Afrika brachte. Man sollte nicht vergessen, was prominente Afrikaner über die Kolonisation sagen. Zum Beispiel der 1945 in Guinea geborene Robert Kardinal Sarah. Der Bischof, der gelegentlich als der erste schwarze Papst „gehandelt“ wurde, beschreibt 2019 die „Früchte der Kolonisation durch den Westen“: „Die Kolonisatoren brachten viele lebendige, durch das Christentum geadelte Traditionen ihrer Vorfahren mit. Ihre Auffassung von der Würde des Menschen, seinen Rechten und Werten war etwas absolut Neues ... Ich bekenne mich gerne dazu, Kind einer konstruktiven Kolonisation zu sein.“

Der US-Politologe Bruce Gilley vertrat in dem Artikel „The Case for Colonialism“ als Grundthese: Der Kolonialismus hat Afrika am Ende mehr Vorteile als Nachteile gebracht. Die Kolonialmächte sind in den jeweiligen Ländern auf breite Zustimmung gestoßen.

Deutschland steht hier nicht schlecht da, leidet aber mit unter dem Image der brutal auftretenden großen Kolonialmächte Großbritannien, Frankreich, Spanien und Portugal. Beispiele: Deutsche brachten nach Namibia Straßen, Bahnlinien, Häfen, Kliniken, Schulen, Verwaltung. Ab 1902 eröffneten sie 99 öffentliche und 1.800 Missionsschulen in Deutsch-Ostafrika. Dort verboten sie 1896 die Elefantenwilderei. Über die Herero und Nama schreibt Gilley: Die meisten Angehörigen der beiden Völker starben im Kampf oder verdursteten auf der Flucht in die Nachbarkolonien, nachdem sie zuvor Hunderte deutsche Siedler umgebracht und deren Farmen zerstört hatten. Herero und Nama bekämpften sich gegenseitig, bis die Kolonialmacht dem ein Ende setzte. Gilley widerlegt damit das Narrativ vom „Völkermord“. Generalleutnant Lothar von Trotha wurde übrigens von Berlin aus gemaßregelt und dann abberufen.

Entwicklungshilfe als Ablasshandel?

Zu Kamerun und Togo schreibt Gilley: Dort wurden die arabisch-islamischen Sklavenhändler vertrieben, es kam zu einer wirtschaftlichen Blüte, und Bildung sowie Gesundheitsfürsorge begannen zu gedeihen. Über die Südsee hält Gilley fest: Die Deutschen rotteten den Kannibalismus aus.

Eigentlich ist Afrika unglaublich reich. Es verfügt über günstige Klimazonen und fast zwei Drittel der weltweit landwirtschaftlich nutzbaren Böden. Aus Afrika kommen mehr als 50 Prozent des Goldes, 90 Prozent des Kobalts, 50 Prozent der Phosphate und 60 Prozent des Kaffees. Afrika ist reich an Wasserkraftressourcen, die nur zu wenigen Prozenten genutzt werden. Nigeria etwa verfügt über die größten Rohölreserven der Welt. Vor 65 Jahren gehörte es zu den 50 reichsten Ländern der Welt, heute zu den 25 ärmsten. Mit Beginn der Unabhängigkeit in den 1960er-Jahren hatten Nigeria, der Kongo oder Ghana bessere Entwicklungsdaten als etwa Südkorea. 1960 betrug der Anteil Afrikas am Welthandel (ohne Südafrika) neun Prozent, heute sind es 1,6 Prozent. Nigeria etwa gehörte einst zu den 48 reichsten Ländern der Welt; heute gehörte es zu den 25 ärmsten.

Der Ex-Diplomat Volker Seitz, zuletzt Botschafter in Kamerun, hat vor diesem Hintergrund ein erhellendes Buch geschrieben: „Afrika wird armregiert oder Wie man Afrika wirklich helfen kann“. Er lässt kein gutes Haar an der Entwicklungshilfepolitik. Geld sei immer eher zu viel als zu wenig dagewesen, vor allem sei die Hilfe zu wenig Hilfe zur Selbsthilfe gewesen. Der Ex-Botschafter bestätigt: Es geht heute denjenigen Ländern Afrikas am schlechtesten, die am meisten Entwicklungsmilliarden bezogen haben. Denn es seien kleptokratische Herrscher am Werk mit der Folge, dass 40 Prozent der Staatseinnahmen der Korruption zum Opfer fallen. Korrupte Regierungen haben einst blühende Länder heruntergewirtschaftet wie das frühere Rhodesien oder nach dem Ende der Apartheid Südafrika.

Kolonialismus 2.0?

Asfa-Wossen Asserate, ein hochgebildeter Mann äthiopischer Herkunft und einer der renommiertesten Afrikakenner, fordert 2020 mit Nachdruck, die herkömmliche Entwicklungspolitik radikal zu ändern. Nur so könne eine anschwellende Massenflucht von Afrika nach Europa noch gestoppt werden. Vor allem müsse Europa darauf setzen, dass Afrika endlich gut regiert werde, so Asserate: „Viel zu oft erreichen die Entwicklungsgelder nicht diejenigen, für die sie bestimmt sind. In den Händen der herrschenden Kleptokraten wird das Geld zum Instrument des Machterhalts und liefert das Schmiermittel für die grassierende Korruption.“

Den deutschen Arbeitsmarkt sollen die „Zugewanderten“ angeblich bereichern. Würden sie das können, dann würden sie in ihren Herkunftsländern fehlen. Deutschland würde sich eines Kolonialismus 2.0 schuldig machen. Massenauswanderung aus Afrika hilft den Herkunftsländern aber keineswegs bei der Lösung ihrer Probleme. Für die Ankunftsländer aber wird die Zuwanderung, wenn sie in der Dimension von Millionenstädten stattfindet, bedrohlich und destabilisierend. Es darf aus Afrika jedenfalls keinen „Braindrain“ seiner ohnehin viel zu wenigen Ärzte und Ingenieure geben.


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