Preußische Allgemeine Zeitung Zeitung für Deutschland · Das Ostpreußenblatt · Pommersche Zeitung
Wie Preußen unter dem Soldatenkönig Friedrich Wilhelm I. die europäische Bühne neu betrat und dabei extrem klug taktierte
Wenn man das Preußen des frühen 18. Jahrhunderts betrachtet, denkt man unweigerlich an Exerzierplätze, an endlose Reihen gleichgeschrittener Grenadiere, an eiserne Disziplin und an einen König, der Uniformen mehr liebte als höfische Etikette. Friedrich Wilhelm I., der später als der „Soldatenkönig“ in die Geschichte eingehen sollte, regierte ein Land, das sich nach innen mit einer bis dahin beispiellosen Konsequenz militarisierte. Doch während sich das öffentliche Bild seines Staates vor allem aus Kasernen, Rekrutierungen und strenger Sparsamkeit zusammensetzte, von der die aktuelle deutsche Merz-Regierung in höchstem Maße beispielhaft lernen könnte, vollzog sich im Hintergrund eine erstaunliche außenpolitische Neuorientierung von erheblicher Tragweite.
Das Jahr 1726 markiert dabei eine leise, aber tiefgreifende Zäsur. Ohne große öffentliche Erklärungen, ohne Kriegserklärung oder spektakuläre Bündnisinszenierungen band sich Preußen enger an das habsburgische Kaiserhaus und zugleich an das aufstrebende Russland. Diese Neuverortung im europäischen Machtgefüge sollte jedoch langfristige Folgen haben – nicht nur für Preußen selbst, sondern für die politische Ordnung Mitteleuropas insgesamt.
Ein König wider den Glanz
Friedrich Wilhelm I. war kein Monarch im Stil Ludwigs XIV. Er verachtete höfischen Prunk, kürzte rigoros nicht seinen Zielen dienende Ausgaben und verstand den Staat primär als ein Instrument militärischer Stärke. Doch diese scheinbare Einseitigkeit täuscht. Der Soldatenkönig war keineswegs ein politischer Grobian, sondern ein nüchterner, analytischer Rechner. Außenpolitik war für ihn kein Feld romantischer Allianzen, sondern ein Schachbrett, auf dem jeder Zug langfristige Sicherheit garantieren musste.
Nach dem Ende des Großen Nordischen Krieges (1700–1721) hatte sich das europäische Machtgefüge spürbar verschoben. Schweden war geschwächt, Russland unter Zar Peter dem Großen aufgestiegen, und das Heilige Römische Reich blieb weiter ein fragiles Gebilde konkurrierender Interessen. Preußen, noch immer ein territorial zersplitterter Staat, suchte in dieser Situation nach Anerkennung, Absicherung und – langfristig – nach territorialer Abrundung.
Noch kurz zuvor hatte Preußen einen anderen außenpolitischen Kurs eingeschlagen. Mit dem „Vertrag von Herrenhausen“ von 1725 hatte sich Friedrich Wilhelm I. England (bzw. Hannover) und Frankreich langsam angenähert – ein ungewöhnliches Bündnis, das vor allem gegen die habsburgisch-spanische Allianz gerichtet war. Doch diese Konstellation erwies sich rasch als instabil.
England verfolgte primär eigene dynastische Interessen. Frankreich hingegen schwankte zwischen seinen Bündnissen, und Preußen erhielt aus dieser Allianz kaum greifbare Vorteile. Vor allem aber blieb ein zentrales Ziel unerfüllt: die Anerkennung preußischer Ansprüche auf die „Herzogtümer Jülich und Berg“, strategisch und wirtschaftlich bedeutende Territorien am Niederrhein. Somit begann der Soldatenkönig umzudenken.
Ein Vertrag mit neuen Perspektiven
Am 12. Oktober 1726 wurde in Wusterhausen ein Vertrag geschlossen, der bewusst im Verborgenen blieb. Es war eine Art Geheimvertrag zwischen Preußen und dem römisch-deutschen Kaiser Karl VI. Der sollte den bedeutendsten außenpolitischen Schritt Preußens in diesem Jahr darstellen.
Der Kern dieses Abkommens lag in einem Tausch politischer Sicherheiten. Preußen verpflichtete sich, die „Pragmatische Sanktion“ des Kaisers anzuerkennen und zu garantieren. Diese Regelung war für Karl VI. von existenzieller Bedeutung: Da er keinen männlichen Erben hatte, sollte sie sicherstellen, dass seine Tochter Maria Theresia die habsburgischen Erblande auch wirklich erben konnte – ein Vorhaben, das innerhalb Europas keineswegs unumstritten war.
Im Gegenzug versprach der Kaiser Preußen Unterstützung bei seinen territorialen Ambitionen am Niederrhein. Die Herzogtümer Jülich und Berg waren zwar formal reichsunmittelbar, doch ihr Erbe war umstritten, und Preußen erhob seit Langem Anspruch auf diese Gebiete. Die Zusage aus Wien war daher ein bedeutender diplomatischer Erfolg – auch wenn sie zunächst nur auf dem Papier bestand.
Ein Bruch mit alten Partnern
Mit dem Vertrag von Wusterhausen vollzog Preußen somit ganz bewusst einen Kurswechsel. Die erst ein Jahr zuvor geschlossene Allianz mit England und Frankreich wurde dabei faktisch aufgegeben. Stattdessen band sich Berlin fortan enger an Wien – ausgerechnet an jenes Kaiserhaus, das lange als Rivale wahrgenommen worden war.
Dieser Schritt war zwar überaus riskant, aber strategisch umso klüger. Denn Friedrich Wilhelm I. erkannte sehr schnell, dass die Anerkennung der Pragmatischen Sanktion ein wertvolles politisches Gut war. Indem Preußen sie unterstützte, machte es sich für den Kaiser parallel unentbehrlich – und gewann somit diplomatisches Gewicht, das weit über seine tatsächliche Größe hinausging. Ein extrem kluger Schachzug des schlauen Monarchen.
Gleichzeitig vermied der Soldatenkönig eine vollständige Unterordnung unter habsburgische Interessen. Das Bündnis war kein Akt der Loyalität, sondern ein kalkulierter Austausch von Garantien.
Ein zweiter Pfeiler: Das Bündnis mit Russland
Kurz zuvor, im August 1726, hatte Preußen wiederum einen Defensivvertrag mit Russland geschlossen. Ein mehr als raffiniertes und taktisch extrem kluges Unterfangen. Auch dieser Schritt war Teil derselben strategischen Neuorientierung. War Russland nach dem Sieg über Schweden doch zu einer dominierenden Macht im Osten Europas aufgestiegen, und sein Einfluss reichte zunehmend bis nach Polen und ins Baltikum.
Das Bündnis sah gegenseitige Unterstützung im Falle eines Angriffs vor. Für Preußen bedeutete dies primär Sicherheit an seiner Ostflanke. Gleichzeitig signalisierte der Vertrag, dass Preußen nicht bereit war, sich ausschließlich auf Wien zu verlassen. Vielmehr entstand ein Dreiecksverhältnis zwischen Berlin, Wien und St. Petersburg, das Preußen in eine vermittelnde, aber auch selbstbewusste Position brachte. Diese preußisch-russische Annäherung war ein Vorläufer jener engen Zusammenarbeit, die im späteren 18. Jahrhundert – etwa bei den polnischen Teilungen – eine zentrale Rolle spielen sollte.
Oft wird Friedrich Wilhelm I. als ein Herrscher dargestellt, der nur an Soldaten und Drill interessiert war. Doch das Jahr 1726 zeigt eine andere Seite seines Regierens. Während im Inneren die Armee weiter ausgebaut, die Verwaltung gestrafft und der Staat finanziell konsolidiert wurde, agierte Preußen nach außen mit großartiger diplomatischer Feinfühligkeit.
Militärstaat und Diplomatie
Die Militarisierung war kein Selbstzweck, sondern die Grundlage einer Politik, die Glaubwürdigkeit und Verlässlichkeit versprach. Ein Staat, der seine Verpflichtungen erfüllen konnte – militärisch wie finanziell –, wurde als Bündnispartner ernst genommen. Genau dieses Kapital setzte der Regent 1726 erfolgreich ein.
Auf den ersten Blick mag 1726 unspektakulär erscheinen. Kein Krieg, keine großen territorialen Gewinne, keine öffentlichen Triumphe. Doch gerade diese Zurückhaltung macht das Jahr so bedeutsam. Preußen positionierte sich neu, löste sich aus kurzfristigen Bündnissen und band sich an jene Mächte, die das europäische System der kommenden Jahrzehnte prägen sollten.
Das Jahr 1726 lehrt, dass historische Wendepunkte nicht immer auf Schlachtfeldern stattfinden. Manchmal werden sie in Schreibzimmern, bei geheimen Verhandlungen und durch scheinbar nüchterne Vertragsklauseln vorbereitet. Friedrich Wilhelm I. verstand dies besser, als sein Ruf vermuten lässt.
Indem er Preußen enger an das Kaiserhaus band, sich zugleich mit Russland absicherte und alte Allianzen hinter sich ließ, verwandelte er seinen Staat von einem regionalen Akteur in einen ernst zu nehmenden Faktor der europäischen Politik. Es war ein Jahr der stillen Entscheidungen – und gerade deshalb ein Schlüsseljahr der preußischen Geschichte.
unterstützt von ChatGPT