11.06.2026

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Festrede von Bayerns Ministerpräsident Söder
Bild: imago/Andreas GoraFestrede von Bayerns Ministerpräsident Söder

Sudetendeutscher Tag 2026 fand erstmals im mährischen Brünn statt

„Alles Leben ist Begegnung“

W. Freyberg
01.06.2026

Es glich einer großen heimatpolitischen Sensation als bekannt wurde, dass der diesjährige Sudetendeutsche Tag in der Tschechischen Republik stattfindet, und zwar in der mährischen Hauptstadt Brünn. Als manche Kenner der Szene die Meldung noch ungläubig zur Kenntnis nahmen, erklärten führende Köpfe der Sudetendeutschen unisono, dass die Vorbereitungen auf Hochdruck laufen und Hotels und Tagungsstätten schon gebucht seien. Immer mehr Details sickerten durch – auch das Kommen des bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder. Als man schließlich das Festprogramm in den Händen hielt, konnte man seinen Augen kaum trauen, was alles vorgesehen war. Ähnlich den vorherigen Sudetendeutschen Tagen mit den üblichen Ehrungen, stand 2026 auch der „Brünner Versöhnungs- und Friedensmarsch“ von Pohrlitz nach Brünn im Zentrum.

Zum historischen Hintergrund: Am 30. Mai 1945 wurden rund 27.000 deutschsprachige Bewohner (hauptsächlich Frauen, Kinder und ältere Menschen) von tschechischen Milizen aus der Stadt in Richtung österreichische Grenze getrieben. Viele starben auf dem Weg an Entkräftung, Hunger oder Gewalt. Dem hat das tschechische Festival „Meeting Brno“ ein eigenes Konzept entgegengesetzt. Um ein Zeichen der Versöhnung zu setzen, marschieren seit 2015 deutsch- und tschechischsprachige Teilnehmer gemeinsam, jedoch in umgekehrter Richtung des historischen Leidenswegs. Die Route: Die gut 30 Kilometer lange Strecke führt vom Massengrab in Pohrlitz bis zum Mendelplatz in Alt-Brünn.

Die diesjährige Veranstaltung war in einen Gesamtkomplex eingebettet, der an fünf Tagen stattfand. Am Beginn stand eine würdevolle Gedenkveranstaltung an die Opfer der Schoa im Brünner Hauptbahnhof auf dem Gleis, von dem aus die Deportationen von Juden in die Vernichtungslager stattgefunden hatten. Tags darauf trafen sich über 1.000 Teilnehmer auf dem Mährischen Platz zum zwanglosen Austausch an einem „langen Tisch“. Am folgenden festlichen Abend unter dem Motto „Von Brünn in die Welt und zurück“ wurden von der Sudetendeutschen Stiftung und der Sudetendeutschen Landsmannschaft vier Kulturpreise an verdiente Persönlichkeiten verliehen.

Nach dem Grußwort der bayerischen Staatsministerin für Familie, Arbeit und Soziales, Ulrike Scharf, folgte das Grußwort der Brünner Oberbürgermeisterin Markéta Vaňková. Es gehe bei diesem Treffen weder darum, Schuld zu relativieren, noch die Geschichte umzuschreiben. Man könne die Geschichte nicht verändern, aber die Sicht auf sie. Brünn sei die Stadt des offenen Dialogs. Ihre Ausführungen wurden mit stehendem Applaus belohnt.

Am nächsten Tag trafen sich etwa 2.500 Deutsche und Tschechen zum Gedenkakt am Massengrab in Pohrlitz. Nach dem Grußwort durch Bundesinnenminister Alexander Dobrindt gab es noch weitere kurze Reden, welche die hohe Symbolkraft dieses Ortes und die besondere Bedeutung dieses Tages betonten. Dann starteten die Marschteilnehmer, um die Strecke ganz oder in Etappen zu laufen. Nachdem die bisherigen Veranstaltungen nur recht wenige Protestierende angezogen hatten, war es an diesem Tag etwas anders. Am Zielpunkt in Brünn waren nach Polizeiangaben etwa 2.500 Demonstranten mit tschechischen Fahnen und Spruchbändern („Sie sind hier nicht willkommen“, „Finger weg von den Beneš-Dekreten! Keine Versöhnung mit den Nazis!“) versammelt. Die Polizeikräfte hatten alles bestens unter Kontrolle, sodass es zu keinen Zusammenstößen kam. Dass sich ihr Protest auch gegen die eigenen Landsleute richtete, war den Nationalisten und Kommunisten anscheinend egal.

Eine besondere Friedensbotschaft

Besonderer Höhepunkt war die Hauptkundgebung am Sonntag. Mit einer fulminanten Rede begrüßte der stellv. Bundesvorsitzende der Sudetendeutschen Landsmannschaft (SL), Steffen Hörtler, die Gäste. Sein Dank galt besonders allen Organisatoren und Helfern von „Meeting Brno“, ohne die dieser Tag in dieser Form nicht hätte stattfinden können. Stehender Applaus war der Dank. Er betonte, dass man nichts zurückfordere, sondern etwas mitbringe, nämlich die Liebe zur Heimat. Erbe bewahren, den Hass nicht weitergeben lautet die Devise. Besonders hilfreich sei dabei die Brünner Erklärung von 2015, welche die Kollektivschuld zurückgewiesen und den Todesmarsch anerkannt hätte. In ihrem Grußwort wies die Oberbürgermeisterin noch einmal darauf hin, dass die Schrecken des Weltkrieges nicht in Frage gestellt würden. Dieses Treffen sei eines für gegenseitiges Verständnis. Versöhnung sei keine Schwäche, sondern Stärke. Trotz der schmerzhaften Vergangenheit soll der künftige Weg gemeinsam beschritten werden. Anschließend verlieh der Sprecher der Sudetendeutschen Volksgruppe, Bernd Posselt, den Europäischen Karls-Preis der SL an den Brünner Ehrenbürger und Schriftsteller Milan Uhde, einen Unterzeichner der Charta 77, späteren Kulturminister und Parlamentspräsidenten. Die Initiative zur Einladung der Sudentendeutschen nach Brünn sei auch von ihm ausgegangen, dieses Manifest habe den Weg eröffnet. Uhde sei ein Herzensfreund der Sudetendeutschen.

In seiner anschließenden Rede betonte Posselt, dass er eine Botschaft der Liebe aussende, nicht des Hasses. Für ihn ist Versöhnung kein Ziel, sondern ein Weg den alle gemeinsam gehen sollten. Ihm war bei seiner Rede anzumerken, dass der politische Weg nach Brünn ein sehr langer, zeitweise sehr schwieriger war. Dieser 76. Sudetendeutsche Tag dürfte zu den Höhepunkten seines Politikerlebens zählen. Der bayerische Ministerpräsident Söder stellte fest, dass dieser Tag Anlass zur Freude sei. Bayern und Tschechien seien heute Herzstück Europas. Man müsse die europäische Idee voranbringen, gemeinsam für den Frieden, gemeinsam für die Freiheit. Die Sudetendeutschen seien einen anderen Weg gegangen als den des Revanchismus. Sie seien Brückenbauer; dieses europäische Friedenswerk sei in besonderer Weise Posselt zu verdanken. Kritik, wie sie von außen geäußert werde, müsse man aushalten und etwas dagegensetzen. Von Brünn solle eine Friedensbotschaft ausgehen.

Den Abschluss dieses ereignisreichen Tages bildete ein Orgelkonzert in der Jesuitenkirche Mariä Himmelfahrt.

Deutsche und Tschechen trafen sich am Abfahrtstag noch zu einem würdigen Gedenkakt für tschechische Opfer des Nationalsozialismus von 1939 bis 45 beim Kaunitz-Wohnheim. In einem Redebeitrag eines tschechischen Organisators wurde deutlich, dass an diesem Ort von 1945 bis 48 Deutsche und andere Personen interniert wurden und auch starben. Eine entsprechende Gedenktafel fehlt noch, daran müsse man arbeiten.

Dieses außergewöhnliche 76. Pfingsttreffen wird in die Annalen als bisheriger Höhepunkt der Bemühungen um eine deutsch-sudetendeutsch-tschechische Verständigung eingehen.


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Kommentare

sitra achra am 08.06.26, 17:08 Uhr

Es ist ein Unding, daß die Benesdekrete bisher nicht aufgehoben sind. Solange dies nicht geschehen ist, sind die Wunden des Krieges nicht verheilt, es bleibt eine haßerfüllte Grundströmung im tchechischen Volk zurück, die stets wieder ausbrechen kann. Dennoch ist dieser Friedensmarsch ein hoffnungsvolles Ereignis, das Schule machen sollte. Eine Gegeneinladung nach Deutschland
wäre sinnvoll.
Leider wird europaübergreifend wieder einmal gehetzt, als ob man nichts aus dem Grauen zweier europäischer Bruderkriege gelernt hätte.
Diesmal trifft der institutionalisierte Hass das russische Volk. Läßt sich aus der Geschichte denn nichts lernen? Es sieht ganz danach aus.

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