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Alan Weiss stolperte in Breslau über deutsche Grabsteine – Nun sind sie seine Passion geworden
Der Breslauer Literaturwissenschaftler Alan Weiss ist auf der Suche nach deutschen Grabsteinen, die er aber nicht auf Friedhöfen findet, sondern entsorgt in Wäldern, Flüssen oder gar auf Müllhalden. Weiss hat es sich zur Aufgabe gemacht, diese Steine zu sammeln, und geht ihrer Geschichte nach. „Alles begann aus Neugier. Ich wollte wissen, wer im Breslauer Haus wohnte, in dem ich seit gut 20 Jahren lebe“, berichtet Weiss. Er suchte in Vorkriegsadressbüchern und wurde fündig: „In meinem Treppenhaus in der Lohestraße [ul. Ślężna] fand ich typisch schlesische Namen: Himmler, Kasparek, Kusnierz oder Knoblauch.“ Über Herrn Knoblauch freut sich der Vegetarier und Tierfreund ganz besonders.
Alan Weiss ist mit seinen Hunden viel im Freien. In der Nähe seiner Wohnung sind mehrere Parkanlagen mit Baumreihen, wie man sie von Friedhöfen kennt. „Wenn ich durch solche Parks gehe, greife ich nach alten Karten, um zu sehen, was an dieser Stelle mal gewesen sein könnte. In meinem Wohnviertel befanden sich vier Friedhöfe, drei evangelische und ein katholischer. Ich war also gewissermaßen dazu verdammt, mich mit Friedhöfen zu beschäftigen“, lacht Weiss. „Wenn man erst einmal einen Grabstein oder ein Friedhofselement findet, dann sieht man sie später überall.“ Anfangs sammelte Weiss die Grabsteine aus Pietätsgründen, denn, wie er findet, „kann man nicht von ehemaligen Friedhöfen sprechen. Eine Begräbnisstätte, die nie exhumiert wurde, bleibt ein Friedhof, egal, ob er planiert oder zweckentfremdet wurde.“
Alan Weiss war schon als Kind von Friedhöfen fasziniert: „Ich wollte schon immer wissen, wer dort begraben liegt, wer diese Menschen waren, deren Inschriften in einer anderen Sprache verfasst sind. Gräber erzählen die Geschichte, die viele Jahre lang verboten war und die uns später fehlte.“
Kirchenbücher als Fundort
Die jahrzehntelang verborgenen Grabsteinreste fanden Weiss und seine Mitstreiter vom Verein „Breslau schaut aus der Erde hervor“ [Spod ziemi patrzy Breslau] nicht nur in Parks. Andere Fundorte waren Parkteiche, das Oderufer, sogar Sportplatztribünen oder der Breslauer Zoo. „Große Freude gibt es, wenn der Name und die Sterbedaten noch lesbar sind“, sagt Weiss. Dann geht die Archivrecherche los, Adressbücher werden unter die Lupe genommen. „Kirchenbücher sind wahre Fundgruben, sie verraten sogar, wer und wie viel für die Beerdigung bezahlte, ob Musiker dabei waren und aus welchem Grund sie starben“, erklärt er. Oft schon gelang es, Nachkommen von Breslauern ausfindig zu machen. Und manchmal melden sich Nachkommen selbst mit Fragen nach der letzten Ruhestätte ihrer Vorfahren.
Weiss und seine Vereinsfreunde haben viel zu tun, denn „von 70 Vorkriegsfriedhöfen in Breslau wurden 44 absichtlich zerstört. Sie wurden nicht umgestaltet – denn in vielen Publikationen spricht man von Umgestaltung und Exhumierungen – dort wurden keine Exhumierungen durchgeführt. Daher spreche ich nicht von ehemaligen, sondern von unsichtbaren Friedhöfen. Die dort beerdigten Menschen“, betont er, „haben diese Stadt geprägt. Jetzt leben wir hier, und ich bin der Meinung, dass es unsere Pflicht ist, uns um das Andenken an diejenigen zu kümmern, die vor uns diese Stadt geprägt haben.“
So werden die gefundenen Grabsteine in Lapidarien in verschiedenen Teilen der Stadt aufbewahrt. Die Mitstreiter um Weiss suchen nach Spenden, um schwere Grabsteine zu bergen, und führen Gespräche mit der Stadt, um würdevolle Orte für ihre Funde zu bekommen. Ihr aktueller Einsatzort ist der Friedhof in Krietern [Krzyki]. Dieser Breslauer Stadtteil war bis 1928 ein Dorf. „Dieser Friedhof ist wahrscheinlich Anfang des 20. Jahrhunderts für die Gläubigen der evangelischen Gemeinde angelegt worden und wurde von der Erlöser-, Salvator- und Johanneskirche genutzt“, vermutet Weiss, der auch Führungen durch die Grabstätten organisiert. Dort fand Weiss den Grabstein des Friedhofsvorstehers Wilhelm Tietze und die Grabsteinplatte seiner Ehefrau und seiner Tochter.
„Der Friedhof in Krietern wurde 1958 geschlossen, aber nicht aufgehoben – eine Seltenheit in Breslau und ein Glück für uns“, freut sich Weiss. Nun entsteht dort ein Gedächtnisort für deutsche und polnische Einwohner von Krietern. Der Ausgangspunkt seiner Suche sei nicht sein deutscher Familienname gewesen, bekundet Weiss. Eigentlich habe ihn seine Suche nur mittelbar dazu geführt, seine Familiengeschichte zu hinterfragen. Mittlerweile weiß Weiss, dass seine Vorfahren im 18. Jahrhundert als Schäfer nach Großpolen gekommen sind. Nach Niederschlesien kamen die Weisses daher schon lange als Polen.