24.02.2026

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Kunst

Als Hannover bunt wurde

Die Nanas von Niki de Saint Phalle brachten Farbe in die graue Leinestadt – Museum würdigt die Künstlerin mit zwei Pop-Art-Stars

Helga Schnehagen
03.01.2026

Niki de Saint Phalle (1930–2002) und Hannover verbindet eine besondere Beziehung, man könnte sagen, eine Liebesgeschichte! Begonnen hat sie 1969 mit einer gefeierten Retrospektive im Kunstverein. Daraufhin hat die Stadt drei öffentliche Skulpturen bei der franko-amerikanischen Künstlerin bestellt.

Die drei voluminösen Damen am Leibnizufer der Leine waren vielen Bürgern zuerst ein Dorn im Auge. Der Streit endete in einem probaten altmodischen Mittel: dem Tauziehen. Befürworter und Gegner traten in zwei Teams in drei Runden gegeneinander an. Die Befürworter gewannen, die Nanas durften bleiben und zählen heute zu den begehrtesten Fotomotiven der Stadt.

Im Jahr 2000 wurde die Künstlerin Ehrenbürgerin von Hannover. Kurz darauf ließ man nach ihren Plänen die barocke Grotte in den Herrenhäuser Gärten in ein buntes Glas- und Spiegelkabinett umgestalten. Aus Verbundenheit zu der Leinestadt schenkte Niki dem Sprengel-Museum über 400 ihrer Arbeiten, womit das an sich schon bedeutende Zentrum für moderne Kunst nach eigenen Angaben zusätzlich die weltweit größte Sammlung von de Saint Phalle besitzt.

Aus Anlass des 25. Jahrestages der Schenkung zeigt das Museum noch bis zum 14. Februar die aufwendig inszenierte Sonderausstellung „Niki. Kusama. Murakami. Love you for infinity“. Erstmals werden dabei Werke von Niki de Saint Phalle im Kontext gezeigt und gemeinsam mit den japanischen Pop-Kunst-Stars Yayoi Kusama (*1929) und Takashi Murakami (*1962) präsentiert.

Was für Niki die Nanas sind, sind für Kusama Kürbisse, Pumpkins und bunte Punkte, Polka-Dots, und für Murakami Emoji-Blumen. Dass sich das Werk aller drei in diesen immer wiederkehrenden Motiven nicht erschöpft, führt die Schau vor Augen. Denn ihre Arbeiten, die auf den ersten Blick fröhlich und lustig aussehen, Freude machen, beinhalten auch eine gewisse Abgründigkeit.

Auf unterschiedliche Art und Weise beschäftigen sich alle drei Künstler mit den Themen Liebe, Tod und Ewigkeit, mit psychischen Problemen und Sexualität, aber auch Kommerz und Konsum. Die Kommerzialisierung der Kunst oder die Kunst der Kommerzialisierung gehört zum Wesen des Trios. Der Weg in die kommerzielle Warenwelt gelingt ihnen über die ikonischen Merkmale ihrer Kunstwerke, die Polka-Dots, Emoji-Blumen und Nanas.

Niki hat bereits in den 1960er Jahren die Vermarktung einiger von ihr gestalteter Produkte wie Parfum, Textilien, Ballons dafür genutzt, um einen großen Tarot-Garten in der Toskana zu finanzieren. Zwischen 1979 und 1998 schuf sie für dieses Herzens-Projekt die 22 Figuren des Kartenspiels Tarot als große, bunte Skulpturen. Die meisten von Nikis Produkten werden heute als Vintage aus zweiter Hand verkauft oder auch original versteigert. Ein Blick ins Internet offenbart die umfangreiche Palette.

Im 21. Jahrhundert nutzen Kusama und Murakami ihren Status als Kunst-Stars, um in die Welt der Luxuswaren zu wechseln. Für bekannte Marken wie die Kosmetikmarke Lancôme des französischen Konzerns L'Oréal und den französischen Modekonzern Louis Vuitton oder die Champagner-Kellerei Veuve Cliquot geben sie Taschen, Koffern, Schuhen, Regenschirmen, Tuben, Kartons und Flaschen einen neuen Look, der von den Firmen in weltweiten Kampagnen vermarktet wird.

Erst 2023 sorgte die Kooperation zwischen Louis Vuitton und der Künstlerin Kusama – elf Jahre nach ihrer letzten Zusammenarbeit 2012 – für eine der spektakulärsten PR-Kampagnen der jüngeren Mode-Geschichte. Dabei reicht die als Kusama-Manie betitelte globale Inszenierung von Kusamas ikonischen Punkten von überdimensionalen Installationen in Metropolen wie Paris, London und New York bis zu einer 450-teiligen Kollektion, die von Taschen über Parfüm bis hin zu Turnschuhen alles umfasst. Als besonderer PR-Gag malt dazu in New York ein hyperrealistischer Roboter in Gestalt der Künstlerin die modischen Polka-Dots in einem Schaufenster.

Murakami stellte als Grenzgänger zwischen Kunst und Design beziehungsweise Pop Art den Kommerz nie in Frage. Für ihn ist, wie er selbst sagt, „im Business gut zu sein, die faszinierendste Art von Kunst“. 1996 gründet er mit der Hiropon Factory eine erste Firma. 2001 lässt er das Unternehmen in Kaikai Kiki Co., Ltd. umbenennen. Seitdem bedient er mit Filialen in Tokio und New York und einem Team von etwa hundert Mitarbeitern die unterschiedlichsten künstlerischen Formen und Kategorien und deckt die gesamte Wertschöpfungskette um das Handelsgut Kunst ab: von der Produktion über die Vermarktung bis zum Rechtehandel. Daneben fördert er junge Kollegen und vermittelt Kooperationen zwischen Modemarken und der Musikbranche.

Die eigene Zusammenarbeit mit Louis Vuitton hatte den Künstlerunternehmer der Extraklasse 2003 schlagartig zum Superstar gemacht. Seine Blumen-Motive verschmolzen dabei nicht nur mit dem Firmenlogo. Sie wurden kunsttauglich und Gegenstand zahlreicher Leinwandbilder und grafischer Editionen.

Zurück zur Ausstellung. Am Schluss obsiegt die Kunst. Noch einmal stehen sich Lebensfreude und Vergänglichkeit gegenüber. Der verspiegelte Boden reflektiert die Werke und betont ihre Doppeldeutigkeit: Niki de Saint Phalles „Skull“, ein begehbarer Meditations-Raum in Form eines glitzernden Schädels, Kusamas „Infinity Mirrored Room“, ein unendlich bunter Spiegelsaal, sowie Murakamis Blumenbilder, die sich in ein Feld aus Totenköpfen verwandeln.

Sprengel Museum Hannover, Kurt-Schwitters-Platz, 30169 Hannover, geöffnet täglich außer montags, Eintritt: 14 Euro. www.sprengel-museum.de 


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