25.02.2026

Preußische Allgemeine Zeitung Zeitung für Deutschland · Das Ostpreußenblatt · Pommersche Zeitung

Suchen und finden

Leitartikel

Als TV noch Format hatte

Christian Rudnitzki
30.12.2025

Was sehen wir eigentlich, wenn wir den Fernseher anmachen? Denken wir einmal darüber nach. Sehen wir im Fernsehen noch das, was wir erwarten oder gar wünschen? Ich vermute: wohl eher nicht.

Das Fernsehen als Medium hat seine ursprüngliche Aufgabe – Fernes, Neues und Unbekanntes sichtbar zu machen – längst aufgegeben. Das kann man jeden Tag erleben: Man schaltet ein – und landet in einem Raum, der erstaunlich selten ins Weite führt. Das Fernsehen war einst das Fenster zur Welt. Heute wirkt es zunehmend wie eine in sich geschlossene Wirklichkeit – bevölkert von immer denselben Figuren, Themen und Formaten.

Doch das Wort Fernsehen definiert sich von selbst: Es ist nicht einfach „sehen“, sondern fern-sehen: Distanz und Horizont. Das Medium soll heranholen, was weit weg ist; sichtbar machen, was anders, noch unbekannt und vielleicht unerwartet ist. Im Deutschen gibt es das wunderbare Wort: Erscheinen. Es meint: Etwas tritt ins Licht, das vorher nicht da war – ohne sofort erklärt, bewertet oder moralisch sortiert zu werden. So verstanden waren beispielsweise auch die alten TV-Showmaster Erscheinungen: Menschen, die sichtbar etwas konnten – Stimme, Timing, Haltung, Präsenz – was andere so nicht konnten. Und das TV-Gerät selbst war ebenso eine Erscheinung: Der Apparat im Wohnzimmer, der plötzlich eine Erweiterung des eigenen Blicks öffnete.

Wetten, dass..? war zwar eine Unterhaltungssendung. Aber eine, welche die kulturelle Aufgabe des Fernsehens fast lehrbuchhaft erfüllte. Die Wetten waren so konstruiert, dass man sie meist für unmöglich erfüllbar hielt. Da kamen Menschen mit Mitteln, Techniken, Fähigkeiten – und erzeugten Ergebnisse, die überraschten. Es gab keinen moralischen Rahmen, keine vorgebaute Einordnung, keine „Message“, die vor dem Ereignis feststand. Man schaute zu, weil man wissen wollte: Geht das? Funktioniert das? Wie macht der das? Internationale Stars saßen nicht als pädagogische Instanzen auf der Couch, sondern als Wettpaten. Das Format gastierte an wechselnden Orten; die Publikumswette zeigte einen Ausschnitt der jeweiligen Stadt, regionale Eigenheiten, das Typische. Die Welt – im Kleinen wie im Großen – wurde herangeholt. Nicht als Lehrfilm, sondern als Ereignis.

Oder: Der Große Preis mit Wim
Thoelke. Wieder Unterhaltung – und doch ein Format, das eine heute fast exotische Haltung verkörperte: Achtung vor Wissen. Hier wurde Wissen nicht ironisiert, nicht infantilisiert, nicht instrumentalisiert. Es wurde abgefragt, geprüft, ernst genommen. Allgemeinwissen und Fachwissen standen nicht in Konkurrenz, sondern in Beziehung zueinander. Und die Fachleute waren genau das: Fachleute. Keine „Fernsehgesichter“, keine moralischen Persönlichkeiten, keine Selbstvermarktungsmaschinen – sondern Menschen, die etwas konnten und genau darin ihre Autorität hatten. Die Sendung traute dem Publikum zu, Kompetenz und Unterhaltung zusammen auszuhalten.

Es geht nicht um Wahrheit
Nimmt man gegenwärtige Formate beispielsweise aus dem ProSieben-Kosmos, dann sieht man: Die Welt erscheint dort weniger als Ort, der entdeckt werden will, sondern als Material für Ironie. Das kann klug sein, schnell, manchmal lustig – aber es operiert in einem geschlossenen Kreislauf. Hier kommentiert Fernsehen sich selbst. Ähnliches ließe sich über fast alle aktuellen TV-Showformate sagen: Nicht Kompetenz, sondern ironische Überforderung wird zum Prinzip.

An dieser Stelle müsste man zu den politischen Talkshows übergehen: Lanz, Illner, Maischberger und die vielen Variationen. Aber was lernt man dort? Man lernt, dass es Streit gibt – doch selten Klärung, kaum Erkenntnis, und praktisch nie einen Moment, in dem etwas wirklich neu sichtbar wird. Das Setting ist ritualisiert: ähnliche, austauschbare Besetzungen, bekannte Rollen, kalkulierte Empörung. Es geht nicht um Wahrheit, meist um Positionierung. Das ist auf Dauer ermüdend, weil sich die wiederholende Dramaturgie kaum noch trägt.

Ein eigenes Feld, das gesondert behandelt werden müsste, ist der Krimi. Krimis waren einst Events. Das Genre verwies auf Abweichung: Verbrechen ist nicht der Normalzustand, sondern das Hereinbrechende. Eine kulturelle Setzung, die Hollywood in den Satz goss: Verbrechen lohnt sich nicht. Heute erleben wir eine Inflation von Crime-Formaten: True Crime, Doku, Reenactment. Verbrechen wird nicht mehr als Ausnahme erzählt, sondern soziologisch betrachtet, biografisch erklärt, politisch aufgeladen. Statt: Verbrechen lohnt sich nicht, heißt es heute nur noch: Verbrechen passieren halt.

Und schließlich erschien während der Corona-Zeit etwas, das tiefer reicht als einzelne Formate: die Umprägung des Fernsehens selbst. Selbstverständlich hatte das Fernsehen in der Krise eine Informationspflicht – und niemand verlangt, dass es in einer Pandemie „leichtfüßig“ sendet. Problematisch wurde der Übergang von Information zur Dauerrahmung: die Umstellung vom offenen Zeigen auf permanente Einordnung, bis Distanz, Fremdheit und Weltbezug – also das Fern-Sehen – strukturell verschwanden.

Ein fast lehrbuchhaftes Symbol dafür war der ARD-„Brennpunkt“. Als Sondersendung ist er selbst eine Erscheinung: Er unterbricht das Gewöhnliche, wenn etwas wirklich Außergewöhnliches passiert. In der „Corona-Zeit“ wurde dieses Ausnahme-Signal vielerorts zum Alltagsmodus: Wenn ständig „Brennpunkt“ ist, brennt am Ende nichts mehr, sondern es läuft nur noch. Das hat dem Medium und seiner Glaubwürdigkeit bis heute tief geschadet. Nicht mehr: Was geschieht?

Sondern: Wie wird es fortlaufend eingeordnet? Fernsehen hat seine eigene innere Logik aufgegeben. Damit verliert es nicht technisch, sondern kulturell an Bedeutung.

Die entscheidende Frage lautet daher, ob Fernsehen es sich noch zutraut, Fernsehen zu sein – im ursprünglichen, anspruchsvollen Sinn des Wortes. Das Ferne zeigen, ohne es zu vereinnahmen. Ein Medium zu sein, das dem Zuschauer etwas zutraut: Neugier, Geduld, Urteilsfähigkeit. All das wäre auch heute möglich. Nicht als Rückkehr zu alten Formaten, sondern als bewusste Entscheidung gegen permanente Selbstreferenz. Gegen die Vorstellung, alles müsse sofort eingeordnet, gerahmt, bewertet werden. Das wäre kein Verlust an Relevanz, sondern vielmehr ihr (Rück-)Gewinn.


Hat Ihnen dieser Artikel gefallen? Dann unterstützen Sie die PAZ gern mit einer

Anerkennungszahlung


Kommentar hinzufügen

Captcha Image

*Pflichtfelder

Da Kommentare manuell freigeschaltet werden müssen, erscheint Ihr Kommentar möglicherweise erst am folgenden Werktag. Sollte der Kommentar nach längerer Zeit nicht erscheinen, laden Sie bitte in Ihrem Browser diese Seite neu!

powered by webEdition CMS