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Wolkenkratzer statt Berliner Traufhöhe – Die Hauptstadt könnte das Antlitz amerikanischer Städte erhalten
Der frühere Senatsbaudirektor Hans Stimmann hat sich in den 1990er Jahren im Rahmen seiner „Kritischen Rekonstruktion“ für die traditionelle Berliner Traufhöhe von 22 Metern eingesetzt. Der im August vergangenen Jahres im Alter von 84 Jahren verstorbene Berliner Stadtplaner stand damit in der Tradition des preußischen Regierungsbaumeisters und späteren Baustadtrats James Hobrecht. Der am 31. Dezember 1825 im ostpreußischen Memel geborene Baurat hat im
19. Jahrhundert das explosive Wachstum von Berlin und Stettin geordnet in die Fläche gelenkt.
Aktuell stehen in Berlin die Zeichen auf Wachstum in die Höhe. Der Senat hat für 2020 das selbstgesteckte Ziel formuliert, bis zum Jahr 2030 rund 194.000 neue Wohnungen zu schaffen. Große Neubauprojekte am Stadtrand geraten allerdings regelmäßig ins Stocken: mal verzögern Naturschutzauflagen den Baubeginn, ein anderes Mal die fehlende Verkehrsanbindung oder eine Insolvenz des Bauträgers. Angesichts der bislang schwachen Neubauzahlen setzt der Senat nun verstärkt auf Nachverdichtung in der Innenstadt und auf Erleichterungen beim Bau von Hochhäusern.
Das im Dezember aktualisierte Hochhausleitbild verschlankt die Verfahren und soll im Einzelfall auch den Bau reiner Wohnhochhäuser erleichtern. Bisher galt die Regel, dass Hochhäuser über 60 Metern eine Mischnutzung aufweisen müssen. Wohnungsbau in Hochhäusern war damit nur als Mix aus Wohnungen, Büros oder Gewerbe möglich. Von dieser Vorgabe will der Senat künftig abweichen, wenn in einem Wohnhochhaus mehr als 30 Prozent Sozialwohnungen entstehen.
In Hochhäusern müssen öffentlich zugängliche Flächen laut den Senatsplänen künftig auch nicht mehr zwingend auf dem Dach liegen, sondern sie können auch im Sockel der Gebäude untergebracht werden. Zudem verschlankt der Senat die Planungsphase für Hochhäuser. Bislang musste bei Hochhausprojekten mehrmals ein Baukollegium eingebunden werden. Dieses braucht sich nach den neuen Senatsregeln künftig nur noch einmal, in einer frühen Planungsphase, mit dem jeweiligen Projekt zu befassen.
Aufgabe des Baukollegiums ist es, beratend Empfehlungen zu städtebaulichen und architektonischen Fragen zu geben. Erst im Dezember hat das Baukollegium dem Vorhaben eines Hamburger Unternehmens zum Bau zweier Hochhäuser am Rande des Berliner Tiergartens eine klare Absage erteilt. „Das Hochhausleitbild formuliert Kriterien, die dazu führen, dass man das Projekt gar nicht weiter prüfen muss: allen voran der Denkmalschutz“, so das Expertengremium.
„The Berlinian“ am Alex
Auch in den Bezirken treffen neue Hochhausprojekte mitunter auf massiven Widerstand. Brennpunkt ist der Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg. Dort machen im Rudolfkiez Anwohner und Bürgerinitiativen mobil gegen den Bau eines 167-Meter-Wohnturms. Ein Hauptvorwurf hier: Es entsteht ein weiteres Luxusobjekt statt bezahlbaren Wohnraums. An der Warschauer Brücke ist es das grün geführte Bezirksamt, das Hochhauspläne scharf kritisiert. Direkt gegenüber dem 2023 fertiggestellten „Amazon Tower“ – mit 142 Metern derzeit Berlins höchstes Bürogebäude – will die „Anschütz Entertainment Group“ ein 120-Meter-Hochhaus bauen. Entstehen sollen dabei überwiegend Büros. Ein Drittel der Geschossfläche ist für Wohnungen und Gewerbe vorgesehen. Nicht weit entfernt sind auch noch ein großes Wohnhochhaus mit bis zu 150 Metern Höhe und ein weiterer Büroturm geplant.
Friedrichshain-Kreuzbergs Baustadtrat Florian Schmidt (Grüne) erklärte gegenüber der „Tageszeitung“: „Wir können so viele Hochhäuser in dieser Enge und Dichte nicht rechtfertigen.“ Die linksalternative Zeitung sprach angesichts der Pläne rund um die Warschauer Brücke sogar schon von einem „Klein-Manhattan in Friedrichshain“.
Berlins Senat verfügt allerdings über ein sehr wirksames Mittel, den Widerstand in den Bezirken zu brechen: Er kann den Bezirken die Planungshoheit entziehen. Vergangenen Sommer hat der Senat beispielsweise das Genehmigungsverfahren für das Hochhausprojekt „Urbane Mitte“ am Gleisdreieckpark an sich gezogen. Dabei geht es um insgesamt sieben Hochhäuser.
Am Berliner Alexanderplatz sind bereits zwei Hochhäuser, darunter das CommerzReal-Projekt mit 146 Metern, im Bau, auch „The Berlinian“ genannt. Der Monarch Tower und ein Projekt des US-Immobilienentwicklers Hines sollen folgen. Teile Berlins werden vor diesem Hintergrund in den nächsten Jahren vermutlich ihr Aussehen stark ändern und zunehmend ein Gesicht wie das amerikanischer Großstädte erhalten. Vielerorts verschwinden wird dafür die Berlin lange Zeit prägende Traufhöhe von 22 Metern des James Hobrecht.