24.02.2026

Preußische Allgemeine Zeitung Zeitung für Deutschland · Das Ostpreußenblatt · Pommersche Zeitung

Suchen und finden

Feindliche Übernahme

Chinas leise-bedrohlicher Griff nach Nepal

Wie Peking das Himalaja-Königreich klammheimlich wirtschaftlich und kulturell nach seinen kommunistischen Vorstellungen „maßgenau“ umbaut

Christian Rudnitzki
09.12.2025

Noch vor wenigen Wochen stand Nepal im Scheinwerferlicht. Jugendproteste erschütterten das Land, Regierungsgebäude brannten und der Premierminister trat zurück. Heute herrscht beinahe befremdliche Stille. Während die Öffentlichkeit wegsieht, baut China seinen Einfluss aus. Nicht mit Soldaten, sondern mit Krediten, Infrastruktur, digitalen Netzen und politischen Narrativen, die das Himalaja-Königreich langfristig binden. Mit dem formellen Beitritt Nepals zur Belt-and-Road-Initiative (BRI) im Dezember 2024 hat sich Pekings Präsenz rasant ausgeweitet: mit neuen Logistikrouten, Zollabkommen, Stromleitungen über den Himalaja, digitale Infrastruktur sowie einem umfassenden Ausbildungsprogramm für nepalesische Beamte. Besonders brisant ist das Kerung–Kathmandu Railway Project, eine transhimalajische Bahnverbindung von enormer symbolischer Tragweite. Die Kosten liegen zwischen 2,7 und 5,5 Milliarden US-Dollar, größtenteils kreditfinanziert. Allein die Möglichkeit einer direkten Schienenverbindung zwischen Kathmandu und Tibet verschiebt die geopolitische Balance.

Nepal leidet seit Jahren unter mangelnden Investitionen und hoher Abwanderung. Chinesische Projekte wirken vor diesem Hintergrund wie freundliche Entwicklungshilfe – von Krankenhäusern bis zu digitaler Infrastruktur. Doch sie zementieren faktisch Abhängigkeiten. Nepal importiert weit mehr aus China, als es exportiert. Die Schulden gegenüber Peking steigen und beliefen sich Anfang 2024 auf rund 261 Millionen US-Dollar – eine Grundlage, die sich mit neuen BRI-Krediten schnell erhöhen könnte.

Ein Blick nach Sri Lanka zeigt, wie solche Konstellationen kippen. Die Schuldenlast des Hafens von Hambantota zwang Colombo dazu, den Port für 99 Jahre an Peking zu verpachten. Auch Nepal könnte in diese Abhängigkeit geraten. Die nepalesische Opposition warnt inzwischen ausdrücklich davor und fordert Transparenz und mehr parlamentarische Kontrolle. Doch Nepals politische Bindung an China verfestigt sich. Beleg dafür ist ein Statement der nepalesischen Regierung, 2025 auf der Website ihrer Botschaft in Peking veröffentlicht: „Nepal hat sich fest zur Ein-China-Politik bekannt und betrachtet Taiwan als integralen Bestandteil Chinas. Nepal hat niemals zugelassen, dass sein Territorium gegen China genutzt wird“ (Embassy of Nepal in China, 2025). Diese Sätze sind politisch sehr brisant. Denn Nepal hält – trotz Protesten und Regierungswechsel – konsequent an einer pro-chinesischen Linie fest und übernimmt damit auch Pekings Tibet-Position, den Kern der Sinisierung. Zugleich verpflichtet es sich, jede anti-chinesische Aktivität auf seinem Territorium zu unterbinden. Es grenzt direkt an Tibet. „Sinisierung“ ist dort kein ökonomischer, sondern ein erzwungener, schmerzhafter kultureller Prozess. Traditionen, religiöse Praktiken und politische Narrative werden so lange „harmonisiert“, bis sie kompatibel sind. Ökonomie ist für China nicht Ziel, sondern brachiales Instrument.

Wirtschaft schafft Realität
Diese Entwicklung ist für Indien ein strategischer Schock. Delhi betrachtet Tibet und den Himalaja als sicherheitspolitisch lebenswichtige Pufferzone. Wenn Nepal chinesische Interessen schützt, rückt Pekings Einfluss unmittelbar an Indiens Nordgrenze. Und für den Westen ist dies eine nachdrückliche und nachhaltige Mahnung. Fragile Staaten können schnell in Chinas Machtbereich geraten, sobald die wirtschaftlichen Hebel gesetzt sind. Wirtschaft schafft so Realität – und Realität schafft wiederum Loyalität. Eine historisch gut belegbare Tatsache.

Indien fühlt sich deshalb von China nachvollziehbar „eingeschnürt“. Delhi wird reagieren müssen – diplomatisch oder sicherheitspolitisch. Wahrscheinlich wird es auf eine verstärkte Grenz- und Infrastrukturstrategie hinauslaufen sowie den Versuch, Nepal wieder in eine multipolare Position zurückzuführen. Denn jede Verschiebung im Himalaja verändert die Machtbalance in Südasien – und damit globale Allianzen. Die EU spielt in Nepal hingegen kaum eine Rolle. Westliche Programme bleiben fragmentiert und weit entfernt von der strukturellen Tiefe chinesischer Investitionen.

Während Peking viele Milliarden als Lockmittel mobilisiert und zunehmend Verwaltungskooperationen etabliert, beschränkt sich der Westen lediglich auf punktuelle Entwicklungszusammenarbeit. Sein Einfluss schrumpft zwangsläufig – und mit ihm der Raum für freiheitliche Ordnungsvorstellungen.

Die Proteste in Kathmandu sind verstummt. Doch China baut weiterhin seine Macht aus. Nepal zeigt, wie Dominanz im 21. Jahrhundert durchgesetzt wird: nicht durch Kriege, sondern durch perfide Abhängigkeiten. Vielen mag das „Dach der Welt“ weit weg erscheinen. Doch es zeigt eine Welt, in der Stabilität zur Währung wird – und Freiheit zum knappen Gut.


Hat Ihnen dieser Artikel gefallen? Dann unterstützen Sie die PAZ gern mit einer

Anerkennungszahlung


Kommentar hinzufügen

Captcha Image

*Pflichtfelder

Da Kommentare manuell freigeschaltet werden müssen, erscheint Ihr Kommentar möglicherweise erst am folgenden Werktag. Sollte der Kommentar nach längerer Zeit nicht erscheinen, laden Sie bitte in Ihrem Browser diese Seite neu!

powered by webEdition CMS