10.02.2026

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Flaggen der Mercosur-Staaten und der Europäischen Union
Bild: IMAGO/Christian OhdeFlaggen der Mercosur-Staaten und der Europäischen Union

Interview mit Prof. Dr. Heralt Schöne von der Hochschule Neubrandenburg

„Das ist Moralpolitik ohne Haftung“

Das grün-initiierte Drama um das Handelsabkommen Mercosur, CO₂-Grenzausgleich und der Abschied vom Freihandel

Das Gespräch führte Bernhard Knapstein
30.01.2026

Am 21. Januar 2026 hat das Europäische Parlament den Ratifizierungsprozess des lang verhandelten Mercosur‑Freihandelsabkommens mit Argentinien, Brasilien, Paraguay und Uruguay vorerst gestoppt, indem es mehrheitlich beschloss, das Abkommen vom Europäischen Gerichtshof rechtlich prüfen zu lassen – ein Schritt, der die Umsetzung um Monate oder sogar Jahre verzögern könnte. Damit steht die bisher fast 25 Jahre verhandelte Vereinbarung, die den größten gemeinsamen Wirtschaftsraum zwischen der EU und dem südamerikanischen Staatenbund schaffen soll, derzeit auf der Kippe, obwohl sie bereits im Januar in Paraguay unterzeichnet wurde. Befürworter sehen in diesem Abkommen eine große Chance für europäische Exporte und eine Diversifizierung der Lieferketten, während Kritiker im Parlament, darunter viele Grüne, vor negativen Auswirkungen auf Umwelt‑ und Sozialstandards sowie auf die Landwirtschaft warnen. Diese politische Zäsur im EU‑Parlament wirft fundamentale Fragen zur künftigen Handelspolitik Europas auf – und genau darum geht es in diesem Interview mit Prof. Dr. Heralt Schöne, einem ausgewiesenen Experten für internationale Wirtschaft und Technik.

Herr Professor Schöne, das Europäische Parlament hat das Mercosur-Abkommen politisch faktisch blockiert. Teile der Grünen-Fraktion argumentieren dabei, das Parlament sei für das Abkommen eigentlich gar nicht zuständig. Wie bewerten Sie dieses Vorgehen?

Prof. Dr. Heralt Schöne: Das ist eine bemerkenswerte Argumentationsfigur: Man erklärt sich selektiv für unzuständig, greift aber gleichzeitig maximal politisch ein. Das Europäische Parlament ist für wesentliche handelspolitische Teile zuständig – und nutzt diese Zuständigkeit sehr wohl, wenn es politisch opportun erscheint. Die Berufung auf formale Nichtzuständigkeit wirkt da eher wie ein Feigenblatt, um Verantwortung von sich zu weisen.

Sie sprechen von Verantwortung. Wofür genau müsste das Parlament Ihrer Ansicht nach denn Verantwortung übernehmen?

Für die realen Folgen seiner Haltung. Wenn Handelsabkommen scheitern, betrifft das nicht abstrakte Institutionen, sondern konkrete Volkswirtschaften, Arbeitsplätze, Exportindustrien. Nationale Parlamente und Regierungen müssen die ökonomischen Konsequenzen tragen, während das Europäische Parlament moralische Positionen formuliert, ohne für deren Kosten politisch einzustehen. Das ist eine problematische Asymmetrie.

Befürworter der Blockade argumentieren, Mercosur genüge nicht den europäischen Umwelt- und Klimastandards. Ist diese Kritik aus Ihrer Sicht nicht berechtigt?
Sie ist zumindest unvollständig. Natürlich kann man über Umweltstandards diskutieren. Aber wer glaubt, dass man Umweltprobleme durch Abschottung löst, verwechselt Symbolpolitik mit Wirksamkeit. Handel schafft Verflechtung, Einfluss, Verhandlungsmacht. Kein Abkommen heißt: kein Einfluss. Wer Mercosur verhindert, stärkt nicht den Regenwald, sondern überlässt die Region anderen Akteuren – etwa China – völlig ohne ökologische Auflagen.

Das Parlament sieht sich dennoch als moralische Instanz.

Moral ohne Realpolitik ist folgenlos – oder sogar schädlich. Außenhandel ist kein Erziehungsinstrument. Wer glaubt, man könne souveräne Staaten durch Vertragsverweigerung zu besseren Umweltstandards zwingen, überschätzt europäische Macht und unterschätzt geopolitische Dynamiken.

Sie sehen also eine strategische Fehleinschätzung?

Ja, und mehr noch: eine Abkehr von klassischen entwicklungspolitischen Grundsätzen. Jahrzehntelang galt der Konsens, dass Integration in den Welthandel Entwicklung fördert. Nun errichtet die EU neue Markteintrittshürden – ausgerechnet für Schwellen- und Entwicklungsländer. Das ist kein Fortschritt, sondern ein Rückfall in paternalistische Handelspolitik.

Kommen wir zum CO₂-Grenzaus-gleichsmechanismus, CBAM. Die Grünen befürworten ihn ausdrücklich. Sehen Sie darin einen weiteren Widerspruch zur Mercosur-Position?

Einen eklatanten. Während man Freihandelsabkommen blockiert, schafft man mit CBAM neue faktische Zölle. Formal nennt man es Ausgleichsmechanismus, ökonomisch wirkt es wie ein Zoll: Importe werden verteuert, wenn sie nicht den EU-Produktionsbedingungen entsprechen. Das ist klassischer Protektionismus – nur eben klimatisch etikettiert.

Befürworter sagen, CBAM diene der Vermeidung von Carbon Leakage, also der Verlagerung von CO₂-intensiven Produktionen.

Das ist die offizielle Begründung. In der Praxis schützt CBAM vor allem europäische Industrien vor günstiger Konkurrenz. Für das Weltklima ist wenig gewonnen, wenn Produktion lediglich verlagert oder Entwicklung gebremst wird. Klimapolitik wird hier zur industriepolitischen Schutzmaßnahme umfunktioniert. Vor allem besteht der Denkfehler darin, die EU sei im Welthandel noch so bedeutend, dass damit Druck in die gewünschte Richtung ausgelöst werden könnte.

Ist der CO₂-Fußabdruck als handelspolitisches Kriterium grundsätzlich problematisch?

Ja, weil er politisch normativ aufgeladen ist. Er setzt voraus, dass europäische Produktionsstandards globaler Maßstab sein sollen. Das ist wirtschaftlich anmaßend und entwicklungspolitisch kurzsichtig. Viele Länder haben weder die technischen noch die finanziellen Mittel, diese Standards kurzfristig zu erfüllen. Sie werden de facto vom europäischen Markt ausgeschlossen. Und gleichzeitig müssen sich die sogenannten entwickelten Länder vom „globalen Süden“ vorhalten lassen, sie hätten in der Vergangenheit gesündigt und deshalb stünde den jüngeren Volkswirtschaften mehr zu. Ich halte von diesem Argument überhaupt nichts, weil es eine Ausrede und moralische Erpressung ist. Aber wenn wir solche Mechanismen wie den Grenzausgleichsmechanismus etablieren, schaffen wir dem auch noch Vorschub. Es wirkt also hochgradig unaufrichtig.

Die EU setzt also ihre Regeln unilateral durch?

Ja, und das untergräbt die regelbasierte Welthandelsordnung. CBAM steht rechtlich auf wackligem WTO-Fundament. Wenn Europa Gleichbehandlung predigt, aber faktisch neue Diskriminierungsmechanismen etabliert, darf man sich über Gegenmaßnahmen nicht wundern.

Besteht nicht die Gefahr, dass Europa durch Freihandel neue Abhängigkeiten schafft?

Diese Sorge wird häufig geäußert, verkennt aber den Kern des Problems. Abhängigkeiten entstehen nicht durch Handel, sondern durch fehlende Diversifizierung. Heute ist Europa bei seltenen Erden extrem von China abhängig – gerade weil man über Jahre auf Handelsskepsis, Genehmigungshemmnisse und industriepolitische Trägheit gesetzt hat.Freihandelsabkommen wie Mercosur sind kein Risiko, sondern ein Instrument zur Streuung von Bezugsquellen.

Welche Rolle spielt das Europäische Parlament bei dieser Entwicklung?

Das Parlament treibt diese Politisierung aktiv voran. Es versteht Handel zunehmend als Hebel zur Durchsetzung gesellschaftspolitischer Ziele. Das mag innenpolitisch attraktiv sein, ist außenwirtschaftlich aber hochriskant. Jeder zusätzliche moralische Vorbehalt macht Europa als Vertragspartner unzuverlässiger.

Ist Mercosur aus Ihrer Sicht ein Präzedenzfall?

Ja, ein gefährlicher. Wenn jedes Handelsabkommen an wechselnde politische Moralstandards geknüpft wird, werden Verhandlungen unkalkulierbar. Warum sollte ein Drittstaat Jahre investieren, wenn ein Abkommen am Ende an parlamentarischen Stimmungsbildern scheitert? Vertrauen ist die Währung des Welthandels – und das Europäische Parlament verspielt sie gerade.

Sie sprechen sehr deutlich von Fehlentwicklungen im Parlament. Trägt insbesondere die grüne Fraktion Verantwortung für das Scheitern von Mercosur?

Sie gehört zumindest zu den treibenden Kräften. Die Grünen haben sich von einer einst handelsoffenen Partei zur grundsätzlich skeptischen Kraft gegenüber globalem Handel entwickelt. Ständige neue Abgaben, Zertifikate, Sanktionsmechanismen – das ist kein Ordnungsrahmen mehr, sondern ein bürokratisches Strafsystem für internationalen Austausch.
Aber Mercosur-Staaten sind keine klassischen Lieferanten seltener Erden.

Noch nicht. Aber genau hier liegt der Punkt: Ohne stabile Handelsbeziehungen, Investitionssicherheit und Marktzugang entstehen solche Lieferketten gar nicht erst. Wer strategische Autonomie will, muss Handel ermöglichen, nicht blockieren. Abschottung verstärkt Monopole – sie bricht sie nicht auf.

Wie müsste eine konsistente europäische Handelspolitik aussehen?

Weniger moralische Selbstüberhöhung, mehr ökonomische Vernunft. Freihandel ist kein Gegensatz zu Umwelt- oder Klimaschutz, sondern seine Voraussetzung. Wer Wohlstand untergräbt, schwächt auch die Fähigkeit zum Umweltschutz. Europa braucht mehr Abkommen wie Mercosur – und weniger handelspolitische Belehrungen. Vor allem aber braucht es politische Akteure, die bereit sind, Verantwortung für die Folgen ihrer Entscheidungen zu übernehmen.

Haben Sie persönliche Erfahrungen mit Südamerika und dem transatlantischen Handelsverkehr?

Ich durfte Einblicke gewinnen in die grundsätzlichen Herausforderungen des deutschen Maschinen- und Anlagenbaus in Brasilien, weil ich mehrfach eingeladen war, an Wirtschaftsdelegationen teilzunehmen sowie auch verschiedene Hochschulkooperationen mit brasilianischen Hochschulen und unserer Hochschule initiiert habe.

Können Sie die Schwierigkeiten in dem Kontext benennen?

Ich habe gelernt, dass verschiedene Industriegüter in Brasilien bis jetzt etwa
30 Prozent Einfuhrzoll haben und umfängliche Zollformalitäten erledigt werden müssen. Teilweise variieren die Zölle, und dann muss die richtige Zuordnung des Produktes gefunden werden. Wenn es bisher gut lief, führte das zu Investitionen in Brasilien, wobei nur die Vorprodukte eingeführt werden mussten. Das ist ja auch der beabsichtigte Zweck derartiger Zölle: Sie stärken die Industrie im eigenen Land, allerdings schützen sie sie auch vor Wettbewerb, und dies macht träge. Etwas pauschal ausgedrückt sind südamerikanische Industrieprodukte bisher nicht sehr modern. (Embraer ist eine Ausnahme!)

Wie bewerten Sie die denkbaren Effekte von Mercosur auf unsere Industrie?

Es würde der deutschen Exportindustrie des Maschinen- und Anlagenbaus sehr helfen. Komplementär der südamerikanischen Landwirtschaft. Man muss sich überlegen, was man lieber will. Nach dem Gesetz der komparativen Kostenvorteile nach David Ricardo bringt es unter dem Strich für alle beteiligten Volkswirtschaften einen Gewinn.

Prof. Dr. Ing. Heralt Schöne, geboren am 5. Februar 1963 in Köln, ist Professor für Ver- und Entsorgung sowie Anlagen- und Automatisierungstechnik an der Hochschule Neubrandenburg, wo er die Biogas-Arbeitsgruppe und das Biogaslabor leitet. Nach dem Maschinenbaustudium an der TU Braunschweig und der Promotion an der TU Dortmund arbeitete er unter anderem als Unternehmensberater, Projektleiter am Fraunhofer-Institut für Materialfluss und Logistik und Hochschuldozent für Umweltschutz an der TU Dresden. Schöne ist Mitherausgeber des „Journal of Ecological Engineering“ und ist seit 2018 ordentliches Mitglied der Europäischen Akademie der Wissenschaften und Künste. Seine Forschung umfasst rund 70 Publikationen und Patente, insbesondere in den Bereichen Ver- und Entsorgung, Biogastechnologie und industrielle Anlagen. Er ist verheiratet und Vater von vier Kindern.


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