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Immer mehr Orte auf der ganzen Welt ersticken am „Übertourismus“: Verbote, Gebühren und sogar eigens erstellte „Not-to-go“-Listen für überlastete Ziele sollen die Menschenflut eindämmen
Der Tafelberg La Fortaleza de Chipude auf der vergleichsweise wenig besuchten kanarischen Insel La Gomera ist relativ schwer zu ersteigen und daher ein einsames Ziel für Schwindelfreie. Dennoch prangt am Gipfelkreuz die Losung „Tourists go home“, zu Deutsch „Touristen schert euch nach Hause“. Diese unfreundliche und hier nach Lage der Dinge arg deplatzierte Aufforderung kommt davon, dass die Kanaren wie auch das übrige Spanien vom Massentourismus oder – wie es neuerdings heißt – „Overtourism“ überrollt werden: 2025 kamen 97 Millionen Urlauber auf das spanische Festland und die Kanaren beziehungsweise Balearen.
Das entspricht in etwa dem Doppelten der Einwohnerzahl Spaniens. In anderen Teilen der Welt sah es oft ganz ähnlich aus. Die Weltorganisation für Tourismus der Vereinten Nationen (UNWTO) verzeichnete 2025 die Rekordzahl von anderthalb Milliarden Touristen. Und in fünf Jahren soll dann sogar die Zwei-Milliarden-Marke geknackt werden.
Die Gründe für den Tourismusboom sind vielfältig. So ermöglichen die günstigen Tarife der Billigfluglinien auch weniger zahlungskräftigen Menschen weite Reisen. Gleichzeitig wächst die Mittelschicht in den Schwellenländern, sodass heute mehr Menschen als je zuvor Urlaub machen können. Anregungen erhalten sie oft durch die Sozialen Medien, in denen es vor Sehnsuchtsbildern von exotischen Plätzen nur so wimmelt. Besonders starke Wirkung entfaltet das Auftreten von Prominenten: 2015 wurde der kanadische Popstar Justin Bieber in einem Video in Szene gesetzt, das in der Schlucht von Fjadrargljufur auf Island spielte. Anschließend explodierte die Zahl der Besucher dort. Ähnlich verhält es sich im Fall von Ortschaften, die als Kulissen für populäre Filme oder Serien dienten.
Das 40-fache der Einwohnerzahl
Großen Anteil am Übertourismus haben zudem die Kreuzfahrtschiffe. Auf der griechischen Insel Santorin mit ihren rund 15.000 Einwohnern drängen an manchen Tagen bis zu 17.000 Kreuzfahrttouristen an Land, wo sie sich zu den Massen an Hotelgästen gesellen, weshalb die Insel im Jahr 3,5 Millionen Touristen ertragen muss.
Auch werden sogar die Flusskreuzfahrten in Deutschland für Bewohner der besuchten Orte zur Plage. So machen an manchen Sommerwochenenden 20 bis 30 schwimmende Hotels in Passau Station. Infolgedessen kommt die Stadt auf rund zwei Millionen Besucher pro Jahr, was fast dem 40-fachen der Einwohnerzahl entspricht.
Selbstverständlich wird der Massentourismus durch Tourismuskonzerne und kommerzielle Vermietungsportale für Ferienwohnungen angeheizt. Wobei die Situation noch dramatischer geworden ist, seit neben normalen Touristen auch „Digitale Nomaden“ nach Unterkünften suchen – Langzeitreisende, die Urlaub und Arbeit miteinander verbinden wollen.
Durch die Vermietung an Touristen sinkt die Zahl der für Einheimische verfügbaren Wohnungen, was mancherorts zu erheblichen sozialen Spannungen und wütenden Protesten führt. Viele Händler und Dienstleister vor Ort orientieren sich nur noch an den Bedürfnissen der Urlauber. So verschwinden in Passau immer mehr Geschäfte für den täglichen Bedarf, während Souvenirläden wie Pilze aus dem Boden schießen. Fatal ist zudem die Überlastung der Infrastruktur: Fehlende Parkplätze und überfüllte öffentliche Verkehrsmittel, Dauerstaus auf den Straßen oder gar in Fußgängerzonen, Strom- und Wassermangel sowie Kläranlagen jenseits der Kapazitätsgrenze werden zur Herausforderung. Auf der kargen Vulkaninsel Santorin stieg der Wasserverbrauch innerhalb von zehn Jahren um 140 Prozent, und der Bedarf an Elektroenergie verdoppelte sich. Umweltprobleme sind daher ein weiterer Fluch des Massentourismus: Nicht nur, dass vielerorts das Wasser knapp wird und die Stromerzeugung wachsende Schadstoffemissionen erzeugt – Ärger und Schwierigkeiten bereiten auch der Müll und Lärm der Besucher.
Andererseits will und kann kaum jemand auf die Einnahmen aus dem Massentourismus verzichten. So basiert die Wirtschaftsleistung der Balearen zur Hälfte darauf. Ganz Spanien erwirtschaftete im vorigen Jahr 135 Milliarden Euro mit Urlaubern. Im globalen Maßstab trägt der Tourismus inzwischen zu einem Zehntel der Wirtschaftsleistung bei. Daher stellt die Eindämmung des „Overtourism“ eine Gratwanderung dar, für die mehrere Strategien verfolgt werden.
Aufrufe zum Wegbleiben
An erster Stelle steht das Regulieren, Begrenzen und Verbieten. Das geht bis hin zur Verbannung von Rollkoffern aus Innenstädten oder der rigiden Limitierung der Personenzahl auf Wanderwegen. Zudem soll die Digitalisierung für Besserung sorgen: KI ermittelt, wann und wo noch etwas Platz ist, und schickt die Leute dann dorthin. Außerdem kommen allerlei finanzielle Hebel zum Einsatz wie systematische Preiserhöhungen, um einen „Qualitätstourismus“ für Begüterte anzukurbeln, sowie die Erhebung von Touristensteuern und oft willkürliche Gebühren für Selbstverständlichkeiten. Auch werden die Massen psychologisch bearbeitet. Etwa durch sogenannte Not-to-go-Listen wie die des britischen Reiseliteraturverlages Fodor's oder des US-Senders CNN mit der Aufzählung von Zielen, die man wegen des Übertourismus meiden sollte. Ganz weit vorn stehen dabei Santorin, Bali, Koh Samui, Mallorca, die Kanarischen Inseln, Barcelona, Venedig, Lissabon, Amsterdam, die Mount-Everest-Region sowie das Taj Mahal.
Nicht aufgelistet sind Damaskus und die Mittelmeerküste bei Latakia. Wer unbedingt dorthin reisen will, kann dies jetzt sogar auf ausdrückliche Empfehlung des syrischen Islamisten-Regimes tun: „Die Touristen werden sehr gut versorgt. Es wird ihnen an nichts fehlen.“ Na dann.