24.02.2026

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Archäologie

Der geheimnisvolle Verwandte des modernen Menschen

Nach dem Neandertaler ist eine weitere Art des Frühmenschen aufgetaucht, die sich die Welt mit dem Homo sapiens teilte – Die Gene des „Denisova-Menschen“ brachten es von Asien bis nach Amerika

Wolfgang Kaufmann
05.01.2026

Jemanden als „Neandertaler“ zu bezeichnen gilt als Beleidigung. Schließlich wird diesem ausgestorbenen Frühmenschen nur wenig Intelligenz, aber viel Rohheit nachgesagt. Dabei tragen wir heute alle noch Erbgut des Homo neanderthalensis in uns. Dessen Anteil am Genpool des heutigen Homo sapiens liegt bei bis zu drei Prozent. Das rührt daher, dass es jahrtausendelang zu einer Vermischung der beiden Menschenarten kam. Doch das ist nicht das ganze Geheimnis unserer Abstammung, wie sich im Jahre 2010 herausstellte.

Damals erhielt Johannes Krause vom Institut für Naturwissenschaftliche Archäologie der Uni Tübingen 30 Milligramm pulverisierten Materials eines Fingerknochens, den russische Forscher zwei Jahre zuvor in der Denisowa-Höhle ausgegraben hatten. Die Höhle liegt im Altaigebirge unweit der Grenze zur Mongolei und China und trägt den Namen des Einsiedlers Denis, der im 18. Jahrhundert hier hauste.

Lange vor ihm diente die Höhle allerdings über riesige Zeiträume hinweg als Unterschlupf für Steinzeitmenschen. Und da Krause als weltweit anerkannter Experte für die Analyse von altertümlicher DNA galt, wollten die Russen von ihm nun Genaueres über ihren Fund wissen. Der Tübinger verglich also die rund 60.000 Jahre alten Erbgutreste aus dem Fingerknochen mit der DNA von modernen Menschen und Neandertalern. Dabei stellte sich heraus, dass die Abweichungen in beiden Fällen ungewöhnlich groß waren, was auf eine eigenständige Entwicklungslinie der Vorfahren des Toten aus der Denisowa-Höhle seit mehreren hunderttausend Jahren hindeutete. Somit musste es im Altai früher neben dem Homo sapiens und dem Homo neanderthalensis noch eine dritte, parallel zu den beiden anderen Arten existierende Menschenart gegeben haben. Sie erhielt den Namen Denisova-Mensch.

Vor allem im Osten Eurasiens
Zunächst beschränkte sich der Fundus an Überresten der plötzlich aus dem Dunkel der Geschichte aufgetauchten Denisovaner auf einige wenige Backenzähne und Fragmente von Arm-, Bein-, Finger- und Zehenknochen aus der Denisowa-Höhle, die zu insgesamt sechs Individuen gehörten. Dann kamen im Laufe der Zeit jedoch etliche weitere Zähne und Schädelteile aus China, Tibet und Laos hinzu, welche davon zeugen, dass der Denisova-Mensch während der Zeit vor rund 200.000 bis 30.000 Jahren im gesamten Bereich von den Gebirgen Zentralasiens bis zu den Dschungeln Südostasiens präsent gewesen war.

Mittlerweile finden sich die Spuren seines Erbgutes sogar rund um die Welt, was wie im Falle des Neandertalers und des Homo sapiens auch ein Ergebnis sexueller Kontakte zwischen den verschiedenen Menschenarten ist.

Dabei ist die Denisova-DNA aber recht unterschiedlich verteilt. Abkömmlinge der alten westlichen Eurasier haben kaum etwas davon – Wissenschaftler gehen von einer Größenordnung von 0,1 Prozent oder noch weniger aus, wobei dies vor allem für jene Individuen gilt, deren Vorfahren aus dem Kaukasus oder dem Iran stammen. Dahingegen steigt der Denisova-Anteil, je weiter es nach Osten in Richtung China, Tibet und Mongolei geht. Etliche Menschen mit Denisova-Genen müssen zudem über die zeitweise bestehende Landbrücke in der Beringstraße nach Amerika eingewandert sein. Immerhin sind alle Ureinwohner auf dem Doppelkontinent eine Mischung aus dem Homo sapiens, dem Denisova-Menschen und dem Neandertaler. Daher besitzt noch heute jeder dritte Mexikaner ein spezielles Gen, das definitiv von Vertretern der Gruppe der Denisovaner stammt und sich in weiten Teilen Lateinamerikas verbreitet hat, weil es offensichtlich für evolutionär vorteilhafte Eigenschaften sorgte.

Noch mehr „Geisterpopulationen“?
Das meiste Denisova-Genmaterial im Umfang von etwa sechs Prozent findet sich bei den Melanesiern, also den dunkelhäutigen Bewohnern pazifischer Inseln wie Neuguinea oder Neukaledonien. Auch die Aborigines in Australien und die Mamanwas auf den Philippinen sowie die Ureinwohner im Osten von Indonesien tragen verhältnismäßig viele DNA-Spuren des Denisova-Menschen in ihrem Erbgut. Die Gene der Denisovaner bringen dabei sowohl Vorteile als auch Nachteile.

Als ausgesprochen nützlich gilt der DNA-Abschnitt MUC19, der eine wichtige Rolle bei der Schleimhautabwehr und damit dem Schutz der Atemwege und Augen sowie des Verdauungstrakts spielt. Das Gen gelangte auf dem Umweg über den Neandertaler in das Erbgut des Homo sapiens und half diesem auch bei der Anpassung an die neuen Verhältnisse in Amerika. Ebenfalls vorteilhaft ist eine vor allem im Hochland von Tibet präsente Denisova-Genvariante, die ihre Träger wesentlich besser an die dünne Luft in großen Höhen angepasst hat als alle anderen Menschen rund um den Globus.

Darüber hinaus hat das Denisova-Erbgut positive Auswirkungen auf das Immunsystem sowie den Fett- und Blutzuckerspiegel. Es gibt sogar Hinweise dafür, dass Denisova-Gene lange für ein vergleichsweise großes Hirnvolumen sorgten. Andererseits legt eine Studie aus dem Jahre 2013 nahe, dass die von den Denisovanern geerbte DNA das Risiko für seelische Erkrankungen wie Depressionen und Schizophrenie erhöht.

Neuerdings mehren sich die Anzeichen dafür, dass es noch weitere Menschenarten neben dem Neandertaler und den Denisova-Leuten gab, welche Einfluss auf die Entwicklung des Homo sapiens genommen haben. So finden Forscher immer wieder Spuren sogenannter „Geisterpopulationen“, deren Erbgut möglicherweise ebenfalls in das Genom unserer Art sowie der Neandertaler und Denisovaner eingegangen ist.

Die Suche nach diesen mysteriösen Frühmenschen leidet derzeit allerdings unter dem Ukrainekrieg und dem dadurch verursachten Abbruch vieler wissenschaftlicher Beziehungen zwischen russischen und westlichen Forschern. Letztere wollen zugleich auch keine eigenen Ausgrabungen mehr in Russland vornehmen, weil sie Angst vor Problemen mit den dortigen Behörden haben und jeglichen Anschein einer Kollaboration mit dem Putin-Staat vermeiden möchten.


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