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Architektur

Der „Schönheitschirurg“ Königsbergs

Friedrich Lahrs bahnte in Ostpreußen den Weg zu behutsamen Architekturreformen – und zu einer neuen Baukunst

Ingo Sommer
21.02.2026

Königsberg, geschichtsbedeutsame Hauptstadt der Provinz Ostpreußen, zentraler Handels- und Industriestandort sowie geistvolle Universitätsstadt, hätte im Freistaat Preußen, so möchte man annehmen, Zentrum moderner Architektur werden können. Dem war aber nicht so, obwohl der linksliberale Oberbürgermeister Hans Lohmeyer (1919–1933) und sein konservativer Stellvertreter Carl Goerdeler (1920–1930) kommunalpolitisch fortschrittliche Leitlinien verfolgten, obwohl Kunstakademie (gegründet 1845), Kunstgewerbeschule (gegr. 1790) und Baugewerkschule (gegr. 1892) Baukunst lehrten. Immerhin war ja auch Ministerpräsident Otto Braun Königsberger.

Preußens Provinz Ostpreußen war 1920 zur Exklave geworden, vom übrigen Deutschland durch den Polnischen Korridor getrennt und wirtschaftlich geschwächt. Im Handbuch der Kunstdenkmäler von Georg Dehio (1993) finden sich nur wenige Hinweise auf Königsberger Bauten aus der Zeit der Weimarer Republik. Tatsächlich bauten der Freistaat Preußen, das Deutsche Reich, Stadtverwaltung, Provinzialbehörden, Bahn, Post, Kaufhäuser und einige Gewerbebetriebe in der „Metropole des deutschen Ostens“ durchaus hin und wieder im Stile des Neuen Bauens, meist aber „gemäßigt modern“. Die Architektur, beispielsweise der Großsiedlungsbau, der weiter westlich gelegenen preußischen Großstädte Breslau, Magdeburg, Hannover, Köln, Frankfurt und natürlich der Metropole Berlin war deutlich moderner.

Jedoch hatten sich bereits vor dem Ersten Weltkrieg in Königsberg Anzeichen reformerischer Architektur gezeigt: so das Jüdische Waisenhaus (1904), die Siedlung Ratshof (1907–1928) oder die Stadthalle (1911/1912).

Neubau der Kunstakademie
Einer der bedeutsamsten Architekten, die in Ostpreußen den Weg zu Architekturreformen und zu einer neuen Baukunst bahnten, war der einflussreiche Friedrich Lahrs (1880–1964). Der gebürtige Königsberger und Absolvent des Löbenichtschen Realgymnasiums ging 1898 nach Berlin, studierte an der Technischen Universität, absolvierte sein Referendariat und legte 1908 die Prüfung zum Preußischen Baubeamten mit Auszeichnung ab. Schon im Rahmen der Beamtenausbildung wurde er an öffentlichen Bauprojekten beteiligt, wie es damals üblich war: Planung des Kammergerichtes Berlin und der Schleusenanlage Kleinmachnow. Er bekam 1906 den Schinkelpreis des Architekten- und Ingenieur-Vereins zu Berlin. 1908 ging Lahrs nach Königsberg zurück und wurde Architekturlehrer an der Kunstakademie und sogar 1911 dort Professor. Seine Frau und seine Tochter waren Malerinnen.

Lahrs Königsberger Entwürfe sind bis Ende der 1920er Jahre in dekorationslos-reformerischem Zeitgeist geschaffen und neoklassizistisch-streng gestaltet. So etwa der zweigeschossige Neubau der Kunstakademie (1910–1919): ein überlanger, waagerecht gelagerter zehnachsiger Rasterbau, der zwischen Doppelpilastern ein Dutzend großflächige Atelierfenster aufweist, die wie Fensterbänder wirken. Die Kunstakademie ist heute russische Mittelschule und verändert erhalten.

Kunsthalle am Wrangelturm
Ähnlich die funktional und hochmodern konzipierte Kunsthalle am Wrangelturm (1913). Sie war im Äußeren durch schmucklos-strenge Tempelgiebel und gerasterte Pfeiler gegliedert. Die Reformarchitektur von Peter Behrens und Heinrich Tessenow lässt grüßen. Eine damals für Kunsthallen nicht unübliche Verbindung von Tradition und Moderne. Heute wird sie als Lager- und Markthalle genutzt.

Die fortschreitenden 1920er Jahre modernisierten auch die Architekturauffassung von Lahrs. 1924 erbaute er zum 200. Geburtstag von Immanuel Kant dessen Kenotaph an der Nordostecke des Königsberger Domes. Eine klassisch-moderne Botschaft, unerreicht in Strenge und Einfachheit. Er entwarf eine asymmetrische, offene Kolonnade mit 13 schlanken Steinpfeilern, die den Sakralbau umklammern: dünne Kapitelle, ohne Pfeilerbasen, schmucklos umlaufendes Gesims. Die dekorationsarme Flachdacharchitektur des außerordentlich modernen, eckigen Bauwerks vermittelt etwas von Kants Definition vom Schönen und Nützlichen.

War Lahrs 1924 zum kompromisslosen Modernen geworden? Keineswegs. Die Leitlinien für öffentliche Architektur kamen aus Berlin, aus dem Preußischen Finanzministerium. Dort war erst 1928 mit dem Dienstantritt von Bauabteilungsleiter Martin Kießling der Wandel hin zum Neuen Bauen eingeläutet worden.

Genau in diesen Umbruch fällt das von Lahrs 1928 im Auftrag der Reichsbauverwaltung fertiggestellte Landesfinanzamt Königsberg: ein backsteinumhüllter, expressionistisch gemauerter Bürobau mit Satteldächern, wie man ihn ähnlich seit Anfang des 20. Jahrhunderts in norddeutschen Großstädten findet. In Königsberg war Ziegelexpressionismus neu. Der von allen vier Seiten symmetrische, geschwungene Baukörper strahlt als Massivbau Gediegenheit und Tradition aus.

Kenotaph Immanuel Kants
Zur Eingangsfassade hin dominieren zwei Seitenrisalite mit Giebeln und sechs zugespitzten lisenenartigen Strebepfeilern. Zur Rückseite unterteilen drei Risalite die gebogene Lochfassade. Zwei Brüstungsgesimse und das Dachgesims laufen sogar als Kaffgesimse über die senkrechten Strebepfeiler und rund um den weitläufigen Gebäudekomplex. Sprossenfenster, runde und halbrunde Fensteröffnungen und Dachgauben bieten Abwechslung in dem Großbau.

Die äußere Gestaltung des Landesfinanzamtes war alles in allem konservativer und traditioneller gemeint als zeitgleich entstandene Büro- oder Kommunalbauten beispielsweise von Fritz Höger oder Fritz Schumacher in Hamburg oder Karl Elkart in Hannover. Der Grundriss jedoch war funktional hochmodern.

In vier Geschossen um zwei Lichthöfe gestapelt, plausibel geordnet. Hinter den regelmäßig gerasterten Fensterreihungen addieren sich (abgestimmt auf Serienbüromöbel) genormte Büros, deren Fläche sich durch Trennwände unterschiedlich in den Achsen vergrößern oder verkleinern lässt.

Das gewaltig große Volumen des Landesfinanzamtes ist berechtigt: 1919 hatte die Weimarer Republik im Reichsgebiet 26 Landesfinanzämter neu gegründet. Der Name „Landes“finanzamt ist irreführend, denn es handelte sich um „Reichs“behörden in den Ländern beziehungsweise Provinzen. Als Mittelinstanzen waren sie unter anderem für an die 1000 Finanzämter zuständig. Das Landesfinanzamt Königsberg war mit seinen etwa 800 Beamten für die gesamte Provinz Ostpreußen und somit 39 Finanzämter verantwortlich. Ab 1937 hieß es Oberfinanzpräsidium Königsberg. Heute ist der aufsehenerregende Ziegelbau Sitz der russischen Gebietsverwaltung.

Landesfinanzamt Königsberg
Nicht die kompromisslose, sondern die „gemäßigte Moderne“ war Leitlinie der Königsberger Architekturgeschichte der 1920er Jahre. Lahrs war ihr früher und herausragender Vertreter mit reformerischen Ambitionen. Er, der 1880 geborene, war der älteste einer Generation von Königsberger Architekten, die dann doch deutlich moderner bauten: Robert Liebenthal und Kurt Frick (* 1984), Hanns Hopp (* 1890). Auch jüngere Architekten, die nur zeitweise in Ostpreußen Bauaufträge zu erledigen hatten, sind zu nennen: Erich Mendelsohn (* 1987) oder Hans Scharoun (* 1893).

Der vielseitig gebildete, kulturell affine Friedrich Lahrs spielte in Königsberg mehrere Rollen: als beamteter Akademieprofessor, gleichzeitig freier Architekt und Bauhistoriker und irgendwie immer der preußischen Bauverwaltung verpflichtet. 1934 schickte der NS-Staat Lahrs in den einstweiligen Ruhestand. Danach arbeitete er als freier Architekt in Königsberg, baute noch Wohn-, Geschäfts- und Gutshäuser. 1945 floh er nach Stuttgart. Die Königsberger Baugeschichte ließ ihn auch im Westen nie los: Er wurde Mitglied der Historischen Kommission für ost- und westpreußische Landesforschung, und 1956 kam sein großartiges Buch „Das Königsberger Schloß“ heraus.

Prof. Dr. Ingo Sommer ist Autor der Monographie „Preußische Moderne: Vom Ende der Pracht und einer neuen Baukunst 1918–1933“, Quellen und Forschungen zur Brandenburgischen und Preußischen Geschichte, Band 59, Duncker & Humblot, Berlin 2024.


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