22.07.2026

Preußische Allgemeine Zeitung Zeitung für Deutschland · Das Ostpreußenblatt · Pommersche Zeitung

Suchen und finden

Die Frau, die unser Grundgesetz prägte

Wie Elisabeth Selbert gegen viele Widerstände den entscheidenden Satz durchsetzte, der die Bundesrepublik Deutschland maßgeblich verändern sollte

Prof. Stefan Piasecki
07.06.2026

Am 23. Mai 1949 wurde in Bonn das Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland verkündet. 77 Jahre ist dieser wertschöpfende Akt nun her, der die entscheidende Grundlage für unsere heutige freiheitliche, demokratische Gesellschaft darstellt und damit dem Land ein moralisch-juristisches Gerüst verlieh, in dem es wachsen, blühen und gedeihen konnte.

Rückblende: Die junge Republik liegt noch in den schwarzen, rußgefärbten Trümmern des Zweiten Weltkriegs. Die meisten Städte sind schwer zerstört. Millionen Menschen sind entwurzelt, traumatisiert, hoffnungslos, und die Erinnerung an Krieg, Diktatur und Holocaust ist immer noch allgegenwärtig. Westdeutschland besitzt keine Souveränität, sondern steht unter Kontrolle der Siegermächte. Und doch entsteht in diesen Monaten etwas, das später zum Fundament der stabilsten Demokratie auf deutschem Boden werden sollte.

Das Grundgesetz beginnt mit einem Satz, der wie ein moralischer Gegenentwurf zur Barbarei des Nationalsozialismus klingt: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Ein Satz mit Kraft, gefüllt mit Wert, mit Anstand, mit Reue und mit einem Hauch Anspruch.

Ebenso ist das neue Grundgesetz in seiner Formulierung ein Dokument des Neuanfangs – und zugleich eines tiefen Misstrauens gegenüber Macht. Nie wieder sollte ein Staat die Freiheit seiner Bürger so zerstören können wie zwischen 1933 und 1945. Deshalb begrenzen die Väter und die sehr wenigen Mütter des Grundgesetzes die Macht des Staates sehr bewusst, stärken dafür umso mehr die Grundrechte und schaffen eine Ordnung, die den Einzelnen schützt.

Doch inmitten dieser historischen Stunde fällt ein Umstand besonders auf: Unter den 65 Mitgliedern des Parlamentarischen Rates sitzen nur vier Frauen. Damals schon ungewöhnlich, in heutiger Betrachtung sogar noch mehr. Und nur eine von ihnen wird später entscheidend in die Geschichte eingreifen. Ihr Name lautet Elisabeth Selbert.

Der Parlamentarische Rat tagt damals im Bonner Museum Koenig, zwischen zoologischen Präparaten und provisorischen Büroräumen. Die Atmosphäre ist zugleich nüchtern und historisch aufgeladen. Viele Teilnehmer haben Verfolgung, Krieg oder Exil erlebt. Konrad Adenauer führt den Vorsitz, Carlo Schmid formuliert zentrale staatsrechtliche Prinzipien, Theodor Heuss denkt über die demokratische Kultur des neuen Staates nach.

Und mitten unter ihnen sitzt Elisabeth Selbert – oft unterschätzt, manchmal belächelt, aber dabei dennoch unbeirrbar.

Die Sozialdemokratin aus Kassel ist Juristin, alleinerziehende Mutter, eine Frau mit scharfem Verstand und unerschütterlicher Beharrlichkeit. In einer politischen Welt, die noch fast vollständig von Männern dominiert wird, wirkt sie auf viele Kollegen eher unbequem. Manche betrachten die Frauenfrage nach Krieg und Zusammenbruch geradezu als Nebensache. Deutschland müsse jetzt aufgebaut werden, da bleibe keine Zeit, in irgendeiner Weise gesellschaftlich zu experimentieren, heißt es damals.

Doch Selbert sieht etwas anderes. Sie weiß, dass Frauen in Deutschland trotz aller Fortschritte rechtlich noch immer benachteiligt sind. Im Bürgerlichen Gesetzbuch bestimmt der Mann über Ehe und Familie. Ehemänner dürfen Entscheidungen gegen den Willen ihrer Frauen treffen, das Vermögen kontrollieren oder sogar Berufstätigkeit untersagen. Gleichberechtigung existiert nur auf dem Papier – aber ganz sicher nicht im Alltag. Genau das aber will Selbert mit aller Entschlossenheit ändern. Sie weiß, die Zeit ist reif dafür. Im Parlamentarischen Rat schlägt sie deshalb einen kurzen, unscheinbaren Satz vor: „Männer und Frauen sind gleichberechtigt.“

Heute klingt dieser Satz selbstverständlich. 1948 war er revolutionär. Viele männliche Kollegen lehnen ihn zunächst vehement ab. Zu radikal, zu unbestimmt, zu gefährlich für das bestehende Familienrecht. Statt echter Gleichberechtigung wollen einige lediglich eine weichere Formulierung, die traditionelle Rollenbilder unangetastet lässt.

Elisabeth Selbert beginnt einen politischen Kampf, der sie berühmt machen wird. Sie mobilisiert Frauenverbände im ganzen Land. Gewerkschaften, kirchliche Gruppen und Bürgerinnen schreiben Protestbriefe an den Parlamentarischen Rat. Tausende Eingaben treffen ein. Der öffentliche Druck wächst.

Später erinnert sie sich: „Ich habe die Frauen wachgerüttelt.“ Und es gelingt ihr tatsächlich, eine Bewegung außerhalb des Sitzungssaals zu erzeugen. Die Debatte über Gleichberechtigung verlässt die juristischen Kommissionen und wird schließlich zu einer gesellschaftlichen Frage. Am Ende gibt der Parlamentarische Rat nach. Artikel 3 Absatz 2 des Grundgesetzes lautet bis heute: „Männer und Frauen sind gleichberechtigt.“

Ein Gesetz als moralischer Kompass

Kaum ein anderer Satz des Grundgesetzes hat den Alltag der Bundesrepublik langfristig so verändert. Denn aus diesem einen Satz folgen später zahlreiche Reformen, die insbesondere im Zeitalter der sozialliberalen Koalition unter Willy Brandt durchgesetzt werden: Frauen dürfen ohne Zustimmung des Ehemannes arbeiten. Das patriarchale Familienrecht wird schrittweise abgeschafft. Gleichstellung wird immer deutlicher zum Staatsziel. Noch Jahrzehnte später berufen sich Gerichte und Politiker auf Selberts ebenso kluge wie selbstbewusste Formulierung.

Dabei bleibt die Ironie der Geschichte bemerkenswert: Ausgerechnet die wichtigste Gleichstellungsregel der deutschen Nachkriegsgeschichte wird fast ausschließlich gegen den entschlossenen Widerstand von Männern durchgesetzt. Dabei darf man niemals vergessen: Das Grundgesetz war nie nur ein bloßer juristischer Text. Es war auch ein moralisches Versprechen: Und zwar jenes, dass Freiheit, Würde und Gleichheit nie wieder von einer Mehrheit zerstört werden dürfen. Die Erfahrungen der NS-Diktatur hatten gezeigt, wie schnell demokratische Institutionen zerbrechen können, wenn Menschenrechte nicht absolut geschützt werden.

Deshalb erhält das Grundgesetz eine besondere Konstruktion. Die Menschenwürde steht über allem. Grundrechte binden den Staat unmittelbar. Demokratie darf sich gegen ihre Feinde verteidigen. Und bestimmte Prinzipien – etwa Föderalismus, Rechtsstaatlichkeit und Menschenwürde – dürfen niemals abgeschafft werden.

Trotz großer Tat, wenig Bekanntheit

Das Dokument war ursprünglich nur als Übergangslösung gedacht. Deshalb heißt es auch „Grundgesetz“ und nicht „Verfassung“. Denn man hoffte damals schon auf eine spätere Wiedervereinigung Deutschlands – sowohl mit Mitteldeutschland, der damaligen Sowjetischen Besatzungszone (SBZ), als auch mit den Ostgebieten bis zum ostpreußischen Königsberg. Manche Hoffnungen haben sich erfüllt, manche mussten der politischen Realität weichen. Aber dennoch wurde aus einem Provisorium eine der erfolgreichsten demokratischen Ordnungen Europas.

Heute gilt das deutsche Grundgesetz weltweit als Beispiel für eine stabile, liberale, funktionierende Demokratie. Gerade in Zeiten politischer Polarisierung, autoritärer Versuchungen und wachsender gesellschaftlicher Spannungen wirkt seine Sprache erstaunlich modern, aber ebenso moderat, wachsam, mahnend und beruhigend.

Und doch lohnt sich der Blick auf Elisabeth Selbert besonders. Denn ihre Geschichte erinnert daran, dass Demokratie nicht nur von großen Staatsmännern geschaffen wird. Manchmal verändert eine einzelne beharrliche Stimme ein ganzes Land. Als sie 1986 stirbt, kennen viele Deutsche ihren Namen kaum. Straßen oder Schulen werden erst später nach ihr benannt. Historiker sprechen inzwischen jedoch von einer der wichtigsten politischen Frauen der deutschen Nachkriegsgeschichte, denn ohne sie wäre das Grundgesetz zweifellos ein völlig anderes geworden.

Darin zeigt sich auch die Stärke unserer Verfassung: Sie entstand nicht aus nationalem Triumph oder revolutionärer Euphorie, sondern aus Zerstörung, Zweifel und der Erkenntnis menschlicher Abgründe. Und sie wurde auch von Menschen geprägt, die gegen Widerstände kämpfen mussten, um Freiheit und Gleichheit überhaupt denkbar zu machen. Der Satz, den Elisabeth Selbert damals durchsetzte, umfasst nur fünf Wörter – aber er veränderte Deutschland maßgeblich.


Hat Ihnen dieser Artikel gefallen? Dann unterstützen Sie die PAZ gern mit einer

Anerkennungszahlung


Kommentare

Peter Wendt am 15.06.26, 06:40 Uhr

Männer und Frauen sind gleichberechtigt? Ist das wirklich so oder wurden durch diese Worte falsche Erwartungen geweckt?
Grundsätzlich einmal glaube ich nicht das Männer und Frauen „gleich“ sind. Das verbitte ich mir, als Mann! Die heutige Gleichmacherei hat dazu geführt, dass immer mehr Frauen vormals männliche Verhaltensmuster übernommen haben, viele Männer zu Sitzpinklern mutiert sind und am Ende ein ziemliches Durcheinander entstanden ist. Dabei gibt es sicherlich anerzogene Verhaltensmuster, aber eben auch ein wenig mehr. Neuere Forschungen zu diesem Thema belegen ja auch wieder deutlichere Unterschiede, wobei es da kein gut oder schlecht gibt, anders halt. Der in der Presse anhaltende Vergleich zwischen den Geschlechtern nervt nur noch und dient wie so vieles in unserer Zeit politischen Zwecken. Wie aber ist es mit der Gerechtigkeit, die von Feministinnen ja so gern zitiert wird? Ein unvoreingenommener Blick in die Geschichte zeigt, Frauen waren beileibe nicht immer benachteiligt. Bildung gehörte immer zur jeweiligen sozialen Schicht. Der Arbeitersohn bekam wenig oder keine Bildung, die höhere Tochter dagegen sehr viel mehr. Frauen waren auch durchaus in der Wirtschaft vertreten und hatten, meist durch Erbschaft, erheblichen Einfluss in Unternehmen. Vieles was der Feminismus feststellt bezieht sich auf Umgangsformen und Prozeduren weniger auf Strukturelles. Die sog. Gleichberechtigung beinhaltet auch einen gedanklichen Fehler der heutzutage bereits zu grossen Problemen geführt hat. Dieser Gedanke geht davon aus, dass Männer in der Vergangenheit automatisch Karriere gemacht haben, in ihrem Leben nie Schmerzen erfahren mussten ( im Gegensatz zur Frau die jede Menge Kinder bekommen, äh bekam)und überhaupt überall bevorteilt werden.
Nun in der Vergangenheit gab es das sog. Leistungsprinzip. Befördert wurde nur wer etwas geleistet hatte, Männer waren aufgrund beruflicher Exposition zudem einem wesentlichen höheren Verletzungs und Sterberisiko ausgesetzt. Dazu kamen Dienst/ Frondienste etc.
Die sog. Gleichberechtigung der Frau führte zur konkreten Benachteiligung der Männer. Dank Quoten, nicht aufgrund von persönlicher Leistung wurden Frauen in Führungspositionen gebracht in denen sie völlig überfordert sind. Beispiele hierzu gibt es in der Politik und der Gesellschaft überreichlich. Leider kommen aber auch keine starken Frauen nach, eher noch schwächere Frauen.
Der im Artikel zitierte Satz hat also eine fatale Fehlentwicklung losgetreten. Statt gleicher und fairer Startbedingungen für alle wurden Quoten erfunden, die zu Dekadenz und wirtschaftlichem Niedergang geführt haben. Ein vermutlich gut gemeinter Satz hat also im Nachhinein zu schlimmen Fehlentwicklungen geführt.

Vati 5672 am 15.06.26, 00:23 Uhr

Guten Morgen,

habe mich im Schnelldurchlauf informiert.

a. Sie war nicht alleinerziehend.

b. Eine Verfassung ist lange
überfällig. (nach der Wiedervereinigung
muahaa...). Mit Volxabstimmungen wenn ich bitten darf. Vllt. hätten wir keinen Euro und müßten Schuldenstaaten nicht mit versorgen.

c. Die Gleichberechtigung mag nett sein. Leider verschwindet das Volk der Deutschen aus der Geschichte weil
jede Generation über 1/3 kleiner ist.
In 30 Jahren sind Deutsche Minderheit im eigenen Land
und (habe es nicht mehr ganz im Gedächtnis) 120 Jahren (4 Gen.) sind wir
weniger als Juden und richtig "bunt".
Meine Vorhersage: Ein nördlicher Libanon.
Vorrechnen?
Aktuell: 60
2056 : 40 Millionen
2086: 27
2116: 18
2146: 12 Millionen

Kommentar hinzufügen

Captcha Image

*Pflichtfelder

Da Kommentare manuell freigeschaltet werden müssen, erscheint Ihr Kommentar möglicherweise erst am folgenden Werktag. Sollte der Kommentar nach längerer Zeit nicht erscheinen, laden Sie bitte in Ihrem Browser diese Seite neu!

powered by webEdition CMS