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Vor 200 Jahren erfolgte die Grundsteinlegung zu Münchens Alter Pinakothek
Am 7. April 1826 legte Graf von Armannsberg, der bayerische Staatsminister des Inneren und der Finanzen, den Grundstein zu Münchens Alter Pinakothek. Ihr Bauherr war König Ludwig I. Sie sollte die von den Wittelsbachern seit dem 16. Jahrhundert gesammelten Gemälde öffentlich zugänglich machen.
Bereits 1816 hatte der damalige Kronprinz Ludwig den Architekten Leo von Klenze mit ihrem Entwurf beauftragt. Sie war die überhaupt erste, eigens für die Präsentation von Gemälden bestimmten Galerie. Das 1836 eröffnete Haus wurde Vorbild für viele spätere Gemäldegalerien. Der 150 Meter lange Bau weist an beiden Enden ein kürzeres Querhaus auf. Die wie bereits vor 190 Jahren mit grüner oder roter Wandbespannung aus Seide ausgestatteten Säle im Obergeschoss haben Oberlicht, die an sie anschließenden Kabinette an der Nordseite bekommen Seitenlicht. Das Obergeschoss beherbergt eine Sammlung von Weltrang.
Das Äußere der Alten Pinakothek macht einen eigentümlichen Eindruck. Sie sieht zusammengeflickt aus. An der Südseite weist das aus Naturstein und Ziegeln in Beige errichtete Gebäude eine 40 Meter lange Mauerzone aus rötlichem Ziegelstein auf, der von im Zweiten Weltkrieg zerstörten Häusern stammt. Diesen Eingriff nennen die Münchener „Plombe“. Davor stehen sieben Stahlrohre von 19 Metern Länge als Ersatz für einstige Wandpfeiler. An den Querhäusern sind viele Fenster mit Trümmerziegeln zugemauert. Diese „schöpferische Wiederherstellung“ der im Zweiten Weltkrieg durch Bombentreffer schwer zerstörten Alten Pinakothek verwirklichte der Architekt Hans Döllgast in den 1950er Jahren.
Das stärkste Argument für diesen eigenwilligen Wiederaufbau war, dass er einfacher, billiger und schneller auszuführen war als ein Neubau oder die originalgetreue Rekonstruktion. Döllgast erklärte: „Warum etwas vertuschen! Die Leute sollen sehen, dass die Pinakothek ihre Geschichte hat und dass auch ihr der Krieg nicht erspart geblieben ist.“ Den Museumseingang hat Döllgast auf die Nordseite verlegt. Die Loggia an der Südseite ersetzte er durch eine monumentale zweiläufige Treppenanlage. Und auch die Ausschmückung des Inneren mit Fresken und Stuck wurde bis auf die Rekonstruktion des Prunkportals, das vom Rubenssaal in die mit silberner Seidentapete ausgestatteten Kabinette führt, nicht wieder ausgeführt.
Derzeit gastiert im Erdgeschoss die wegen ihrer Generalsanierung geschlossene Neue Pinakothek mit der Ausstellung „Von Turner bis van Gogh“. Zu sehen sind Hauptwerke der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen aus dem 19. Jahrhundert. Im Obergeschoss präsentiert sie Bilder vom Mittelalter bis ins 18. Jahrhundert aus Deutschland, Belgien und den Niederlanden, Italien, Frankreich und Spanien. Das erste Gemälde, das man beim Eintritt in Saal I erblickt, ist Albrecht Dürers äußerst sorgfältig ausgeführtes „Selbstbildnis im Pelzrock“ (1500). In Saal II begrüßen einen die beiden Gemälde Dürers von 1526, die den Evangelisten Markus und den Apostel Paulus sowie die Apostel Johannes und Petrus zeigen. Die Durchgänge von Saal zu Saal liegen auf einer Achse, an dessen Stirnwand diese beiden Meisterwerke hängen, so dass man sie noch viele Säle entfernt sehen kann.
Deutschlands einziger da Vinci
Die normale Gliederung der Sammlung nach Schulen und Entstehungszeit ist noch bis Jahresende unter dem Motto „Alte Meister in Bewegung“ durch eine stellenweise abgeänderte Hängung ersetzt. Die neu gehängten Werke weisen ein dunkelblaues Titelschild auf, die in ihren angestammten Räumen verbliebenen je nach Wandbespannung ein grünes oder rotes Schild. So gesellt sich nun in dem der italienischen Renaissance gewidmeten Saal IV Dürers „Paumgartner-Altar“ (um 1498/1504) zu den angestammten Gemälden, etwa zu Leonardo da Vincis „Madonna mit der Nelke“ (um 1475), dessen einziges Gemälde in einem deutschen Museum. Für Raffael, an dessen Geburtstag die Grundsteinlegung der Alten Pinakothek erfolgte, hegte König Ludwig I. eine besondere Vorliebe. Nach zähen Verhandlungen kaufte er dem Marchese Tempi Raffaels nun in Saal IV hängende „Madonna Tempi“ (um 1507/08) ab.
Gast in Saal VI ist Tizians „Maria mit Kind in einer Abendlandschaft“ (um 1560). An ihren Stammplätzen daneben hängen mehrere Gemälde Antonis van Dycks, etwa „Die Heilige Familie in einer Landschaft“ (um 1630). Sie erweisen, dass letzterer hinsichtlich der warmen Farbgebung in gebrochenen Rottönen Anregungen von Tizian bezogen hat.
Zum größten Star in dem an Berühmtheiten reichen Haus haben die Wittelsbacher durch ihr Sammeltätigkeit Peter Paul Rubens erhoben. Ihm ist der längste Saal vorbehalten. Er trägt die Ordnungsnummer VII. Da gibt es dramatische Szenen wie die „Jagd auf Nilpferd und Krokodil“ (um 1616). Als fein herausgeputztes Liebespaar präsentiert sich der Meister mit seiner Gattin im Gemälde „Rubens und Isabella Brant in der Geisblattlaube“ (um 1609/10). In aller Seelenruhe lässt sich auf Befehl Kaiser Neros der „Sterbende Seneca“ (um 1612/13) die Pulsader öffnen. Der Stoiker diktiert dabei einem seiner Schüler letzte philosophische Einsichten.
Das spektakulärste Gemälde aber hängt wie schon zur Eröffnung der Alten Pinakothek vor 190 Jahren in der Mitte des Obergeschosses. Es heißt „Das Große Jüngste Gericht“ (um 1617) und ist über sechs Meter hoch. Im größten Gemälde, das Rubens je schuf, thront oben Christus. Rechts stürzen die nackten Leiber der verzweifelten Verdammten der Hölle entgegen. Christus aber wendet sich nach links dem beglückt zu ihm auffahrenden Strom der Erlösten zu.