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Wie unterwürfig und obrigkeitshörig ist der Deutsche per se? Links oder rechts – er ist es laut Poschardt je nach Vorteil
ChatGPTWie unterwürfig und obrigkeitshörig ist der Deutsche per se? Links oder rechts – er ist es laut Poschardt je nach Vorteil

Die Verteidigung des Konformismus

Nach seinem Bestseller „Shitbürgertum“ hat Ulf Poschardt nun das „Bückbürgertum“ aufs Korn genommen: Eine Philippika gegen mutlose Konservative, die sich von linksgrünen Eliten auf der Nase herumtanzen lassen

Holger Fuß
28.06.2026

Zwei Bückbürger zu Besuch bei Ulf Poschardt. So liest sich ein Porträt, dass der „Stern“ auf sechs Magazinseiten brachte, und bei dem es zwei Autoren benötigte, um der Frage nachzugehen, weshalb der ehemalige „Welt“-Herausgeber „seit Jahren gegen den Mainstream schießt“. Auf den famosen Gedanken, dass genau dies zu den genuinen Aufgaben eines Journalisten gehören könnte, sind die beiden Redakteure offenkundig nicht gekommen. Stattdessen nahmen die zwei Journalisten das Erscheinen des Buches „Bückbürgertum“ von Kollege Poschardt zum Anlass, die eigenen, linksgrün durchtönten Leser bereits in ihrem Vorspann mit dem Hinweis zu verstören: „Der Staat, so sagt er, sei der Feind.“

Früher hörten wir derlei Kampfansagen von anarchistisch parfümierten Linksrebellen, heute haben sich die Progressiven zu Strukturkonservativen entwickelt, und wer den freien Bürger gegen die Zudringlichkeit der Obrigkeit immunisieren will, gilt als rechter Spalter der Gesellschaft. Ohne jeden argumentativen Aufwand fädeln die beiden Autoren eine Anekdote nach der anderen aus Poschards öffentlichem Leben der jüngsten Vergangenheit auf. Sie schildern seine Rede bei den Wiener Festwochen, die er vor linkem Publikum ankündigte: „Ich stehe für alles, das euch kaputt macht.“ Seinen Auftritt selbst widmete er den israelischen Streitkräften, „weil die IDF den Antisemitismus mit Waffengewalt bekämpfen muss, der auch im deutschen Kulturbetrieb sein Unwesen treibt“. Darauf erreichten ihn aus dem Plenum bösartige Zwischenrufe wie: „Genozidales Schwein!“

Die „Stern“-Autoren vermieden listig und ebenso vorsätzlich jede Distanzierung vom judenverächtlichen Furor in dem Wiener Theatersaal, sondern banden die Szene mit der Frage ab: „War all das womöglich selbst dem hartgesottenen Springer-Verlag zu krass geworden?“ Diesen verdruckst wirkenden und doch offensiv insinuierenden Stil kennen wir üblicherweise aus der Berichterstattung der Öffentlich-Rechtlichen. Auch dort wird nicht selten mit geschmeidigen Unterstellungen gearbeitet, eine subtile Täter-Opfer-Umkehr betrieben und hernach so getan, als wäre nichts gewesen. Über Poschardts Behauptung, der Kulturbetrieb sei von Judenfeindlichkeit durchseucht, wurde in dem Text hinweggegangen, ebenso wurde ignoriert, dass das Wiener Publikum Poschardts These umgehend verifiziert hatte. Stattdessen wurde Poschardts Performance zur vermeintlich unbotmäßigen Provokation verdreht und der Anschein erweckt, hier sei ein wildgewordener Maulheld nicht weiter ernst zu nehmen.

Zurückführung zur Stunde Null

Diese Art der Realitätsklitterung und Wahrnehmungsverleugnung erleben wir seit Jahren. Bei Poschardt erreichte der Verdruss über diese Entwicklungen seine kritische Masse, und er veröffentlichte 2025 eine Polemik über das „Shitbürgertum“. Ein einprägsamer Begriff für linke Moralapostel, die mit ihrer wachsenden gesellschaftlichen Vorherrschaft das ganze Land in den Schwitzkasten nehmen. Nun hat er seinen Essay über das „Bückbürgertum“ folgen lassen – ebenfalls eine Wortschöpfung von lautmalerisch geflügelter Güte, mit der Poschardt die deutsche Untertanenseele markiert. Das Projekt will er im kommenden Jahr mit „Fightbürgertum“ als Trilogie vollenden.

In gewisser Weise ist „Bückbürgertum“ ein Erklärbuch zu „Shitbürgertum“. Angelegt als „eine Ideen- oder Mentalitätsgeschichte des Bürgerlichen“ führt uns „Bückbürgertum“ zurück zur Stunde Null anno 1945, die den Zusammenbruch alles Bürgerlichen kennzeichnet. Damals geschah etwas, was im Rückblick als der Urknall des Shitbürgertums anmutet. Poschardt erzählt, mit welch „verlogenem Hochmut“ sich die literarische Gruppe 47, „die sich trotz der Nazikarrieren vieler ihrer Mitglieder 1947 wieder selbst ermächtigte – stolz emporgereckt, das Blut an den eigenen Händen abgewaschen und verdrängt“ hat. Im Maschinenraum der frühen Nachkriegsliteratur probierten Intellektuelle, sich die Hitlerjahre aus den Klamotten zu klopfen, um fortan als linksliberale Mahner und das moralische Gewissen der Nation Karriere zu machen.

Während sie ihr Geschäftsmodell ausbauten, verschwiegen sie, was sie in der Nazi-Zeit angestellt hatten. Erst viel später wurde ruchbar, dass Günter Grass in der Waffen-SS diente, Henri Nannen für die SS Propaganda betrieb, dass Siegfried Unseld, Walter Jens und Siegfried Lenz Mitglieder der NSDAP waren und Jürgen Habermas wie auch Hans Magnus Enzensberger als Pimpfe in der Hitler-Jugend marschierten.

Ihre Mitgliedschaften allein machten sie nicht zu Nazi-Verbrechern, aber diese fliegenden Wechsel weisen ein Kontinuum auf: Diese Leute wollten vor 1945 wie auch danach umstandslos auf der richtigen Seite stehen. Das brachte es mit sich, dass ein vormaliger Angehöriger der Waffen-SS wie Grass für die SPD Wahlkampf machte und Pfeife schmauchend vor neonazistischen Umtrieben warnte, um sich schließlich mit dem Literatur-Nobelpreis adeln zu lassen. Öffentlich bekannt hatte sich Grass zu seiner SS-Vergangenheit gegen Lebensende mit einer knappen Mitteilung in seinen Memoiren. Ob dieser lebenslange Besserwisser es sich zwischendurch einmal ausgemalt hatte, wie seine Laufbahn wohl ausgesehen hätte, wenn Hitler den Krieg gewonnen hätte?

Eine Art strukturelle Unterwürfigkeit

Denn das ist die eigentliche Qualität von Poschardts 350-Seiten-Essay: Mit einem Mal geht dem Leser auf, dass solche Entwicklungen auch in entgegengesetzter Richtung möglich wären. Wenn einstige NS-Begeisterte nach Kriegsende und demokratischer Umerziehung zu Weltbelehrern am entgegengesetzten Ende des politischen Spektrums umschulen können – funktioniert so etwas nicht auch umgekehrt? Erinnert nicht das blinde Eiferertum derer, die heute unterm Pride-Banner marschieren, sich fürs Klima auf die Straße kleben oder sich unterm Antifa-Segel im Kampf gegen Rechts hysterisieren an jene selig-hitzigen Massen auf den Reichsparteitagsgelände, die ihrem Führer huldigten? Haben wir es damals wie heute mit einem verführbaren Menschentypus zu tun, der sein inneres Fähnchen vom jeweiligen Zeitgeist zum Flattern bringen lässt – Hauptsache, die Aufstiegschancen stimmen? Gut möglich also, dass der sich progressiv wähnende Shitbürger bei der nächsten Diktatur wieder ganz vorne mit dabei ist.

Eine Art von struktureller Unterwürfigkeit scheint also im deutschen Nationalwesen zu nisten. Lakonisch weist Poschardt daraufhin: „Für die Untertanen waren die Alliierten die neue Obrigkeit.“ Davor hatten sich die Deutschen zwölf Jahre lang von dem „kaputten Psychopathen Adolf Hitler“ verhexen lassen, „der in seinen letzten Tagen im Frühjahr 1945 einen regelrechten Hass auf die Deutschen entwickelte“. Poschardt weiter: „Thomas Mann erklärte aus dem amerikanischen Exil heraus, wie traurig dieses Ende der Nazis trotz aller Freude sei, weil die Deutschen es nicht aus eigener Kraft herbeigeführt hatten.“ Aus dem Hass Hitlers auf sein Volk und dem Empfinden der Menschen ob ihrer eigenen Feigheit scheint sich in der Folge die deutsche Selbstverachtung geformt zu haben, die bis heute unverwüstlich ist. Ganz so, als wollten die Nachfahren der Nazi-Zeitgenossen auch im Schuld-Ritus dem Führer nicht untreu werden.

Deshalb wirken die irrlichternden Bemühungen im sogenannten Kampf gegen Rechts immer auch wie das Schattenspiel einer verfehlten Traumaverarbeitung: Einerseits wollen die gratismutigen Antifaschisten die Nazis endlich persönlich bezwingen, andererseits ginge dem linken Selbstverständnis ohne äußeren rechten Feind jegliche Sinnstiftung verloren.

Aber auch das eigene Lager rechts der Mitte lässt Poschardt nicht ungeschoren. Das kleinmütige, eben bückbürgerliche Versagen von Union und FDP, bürgerliche und konservative Werte zu verteidigen, hat wesentlich dazu beigetragen, dass die demokratische Mitte nach links gerutscht ist und eine rechtspopulistische Partei wie die AfD überhaupt entstehen konnte. Die FDP hat sich in der Ampel-Regierung vollends blamiert, die Union tut es derzeit unter Kanzler Merz.

„Die Übergänge zwischen Shitbürgertum und Bückbürgertum sind fließend“, schreibt Poschardt – einfach, weil in jedem Aktivisten auch ein Opportunist steckt, der sich die eigene Aufsässigkeit einredet, wo er bloß auf die Toleranz einer Mehrheit zählt. Shitbürger und Bückbürger sind Zwillingswesen. Sie können nicht ohne einander. Beide bewegen sich in einer Art Möbius-Schleife, einem endlos verschlungenen Band, das nur die Wiederholung des Immergleichen zulässt.

Sichtbar wird dieses trostlose intellektuelle Einerlei in manchen Rezensionen zu Poschardts Buch, etwa in der „Zeit“ und im „Spiegel“, die zu den Zentralorganen von Shit- und Bückbürgertum zählen. In der „Zeit“ fühlt sich der Autor angesichts von nichtlinken Bestsellern wie „Bückbürgertum“ erinnert an einen „Mechanismus aus der Weimarer Republik“. Und weiter: „Damals waren die Zeiten extrem, heute sprechen wir von Polykrisen, das ist nicht vergleichbar.“ Der „Zeit“-Mann beklagt den „gegenwärtigen Mangel an frischen liberalen oder progressiven Ideen mit Bestsellerpotenzial“ – „und so breiten sich die antilinken Mahner und Warner ziemlich ungehindert aus“. Anders gesagt: Der Geist weht schon lange nicht mehr links. Im progressiven Lager hat sich Bürokratismus und Glanzlosigkeit ausgebreitet. Der „Zeit“-Artikel macht diese intellektuelle Windstille offensichtlich.

„Wir können so nicht weitermachen“

Im „Spiegel“ geht es noch ulkiger zu. Bei Poschardts Buch verspürt der Rezensent: „Alles ist düster, Deutschland am Abgrund.“ Über ein Gespräch mit Poschardt schreibt er: „Ihm zuzuhören, heißt, sich auf den Umsturz vorzubereiten.“ Noch eine Generation zuvor hätte die Aussicht auf Umsturz die politische und kulturelle Avantgarde befeuert. Heute sind „Spiegel“-Redakteure mit ihren Fettpolstern aus Mitarbeiterbeteiligung, Eigenheim-Abzahlung und Börsenausflügen dermaßen saturiert, dass sie jede Veränderung in Panik versetzen kann. Der Spiegel, den Poschardt ihm vorhält, erbittert den bückbürgernden Rezensenten: „Das ist das Bückbürgertum: der neue Untertan, für den stellvertretend die Ex-Kanzlerin steht. Poschardt beschreibt sie tatsächlich als ,in sich unfreien Menschen' ...“

Auch seinen Besuchern vom „Stern“ hat Poschardt gehörig einen eingeschenkt. In einem Wilmersdorfer Lokal poltert er ob der vielen Faulpelze im Lande, „Drückeberger, die nichts riskieren, denen geht es zu gut“. Die beiden „Stern“-Journalisten seien mit daran schuld, „als Teil jener Berichterstatter, die aus seiner Sicht den Status quo verteidigen“, so heißt es im Text. Poschardt weiter: „Ihr sorgt für ein System, das dazu führt, dass es kaputtgeht. Und ich sage einfach: Wir können so nicht weitermachen.“

Dass die beiden Autoren diese Anwürfe unkommentiert überliefern, kann daran liegen, dass sie Poschardt auf diese Weise entlarven wollen, indem sie annehmen, ihre Leser halten seine Aussagen für genauso haltlos wie sie selber. Die zweite Möglichkeit könnte sein, dass die beiden sehr wohl wissen, dass Poschardt recht hat.

- Bückbürgertum, von Ulf Poschardt: erschienen im Westend-Verlag, Neu-Isenburg 2026, 350 Seiten, 27 Euro


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