Preußische Allgemeine Zeitung Zeitung für Deutschland · Das Ostpreußenblatt · Pommersche Zeitung
Was als Drohnenschmiede für die Bundeswehr und in Kooperation mit der Ukraine begann, wird zunehmend ein KI-Spezialist allererster Güte
Es tut sich etwas im Hause HelsingAI. Das Münchner Unternehmen entwickelt nach eigener Darstellung „Künstliche Intelligenz zum Schutz unserer Demokratien“. Gegründet 2021, gilt es inzwischen als eines der wertvollsten KI-Unternehmen Europas. Zugleich liefert es von Deutschland aus Drohnen in die Ukraine.
Zur Erinnerung: Im November 2024 gingen 4.000 HF-1-Kamikaze-Drohnen in das Kriegsgebiet – finanziert aus der Ertüchtigungsinitiative der Bundesregierung. Im Februar 2025 kündigte das Unternehmen die Lieferung von 6.000 HX-2-Drohnen an. Nun folgt der nächste Schritt: 269 Millionen Euro soll die Bundeswehr zunächst für Drohnen des Unternehmens ausgeben. Der Vertrag enthält Optionen, die das Volumen auf bis zu 1,46 Milliarden Euro erhöhen könnten. Der Haushaltsausschuss des Bundestages muss noch zustimmen, doch politisch gilt die Entscheidung als wahrscheinlich.
Deutschland beschleunigt seine Rüstungsbeschaffung – und setzt dabei bewusst auf ein junges, softwarezentriertes Unternehmen. Das ist bemerkenswert, weil zeitgleich eine Debatte über die tatsächliche Leistungsfähigkeit genau jener Systeme läuft. Die Drohnen sind vor allem für die neue deutsche Brigade in Litauen vorgesehen, ein zentrales Projekt zur Stärkung der NATO-Ostflanke.
Seit dem russischen Überfall auf die Ukraine hat sich das sicherheitspolitische Tempo in Europa deutlich erhöht. Beschaffungszyklen, die früher Jahre dauerten, sollen nun innerhalb weniger Monate abgeschlossen werden. Auffällig ist eine vertragliche Besonderheit: die sogenannte Innovationsklausel. Sie verpflichtet das Unternehmen, während der Laufzeit jeweils den aktuellen Stand der Technik zu liefern. Das bedeutet, dass die Bundeswehr nicht nur ein fest definiertes Produkt erwirbt, sondern einen fortlaufenden Entwicklungsprozess einkauft.
Ebenso bemerkenswert ist, wer in dieser Beschaffungsrunde nicht zum Zug kam: Rheinmetall. Der etablierte Rüstungskonzern hatte ebenfalls ein System angeboten. Die Entscheidung zugunsten eines Start-ups signalisiert eine strategische Richtungswahl. Die Bundesregierung scheint bereit, neue Akteure in zentrale Verteidigungsprogramme einzubinden – auch wenn diese sich noch in dynamischen Innovationszyklen befinden.
Mehr als „nur“ Drohnen
Die HX-2 ist eine sogenannte Loitering-Munition: also eine Drohne, die über einem Zielgebiet kreist und nach Freigabe einschlägt. Laut Hersteller wiegt sie rund zwölf Kilogramm, reicht bis zu 100 Kilometer und soll unter massiver elektronischer Störung einsatzfähig bleiben. Helsing betont insbesondere die KI-gestützte Zielerkennung sowie die Widerstandsfähigkeit gegen elektronische Kriegsführung. Genau hier setzt die aktuelle Debatte an. Im Januar berichtete Bloomberg, die Ukraine halte neue Bestellungen von Helsing-Drohnen nach Problemen bei Fronttests zurück. Das Unternehmen widersprach öffentlich. Mehr als sechs ukrainische Einheiten nutzten das System; nach Tests seien über 1.000 zusätzliche Drohnen angefordert worden. Das System sei für den Fronteinsatz freigegeben.
Es stehen somit unterschiedliche Darstellungen nebeneinander. Primärdaten sind öffentlich nicht zugänglich. Weder detaillierte Trefferquoten noch vollständige Einsatzberichte liegen vor.
Nur wenige Tage nach dieser Kontroverse veröffentlichte Helsing eine strategische Partnerschaft mit HENSOLDT. Ziel ist die Entwicklung eines autonomen Luftkampfsystems namens CA-1 Europa, eines sogenannten Collaborative Combat Aircraft. HENSOLDT bringt Radar- und Optroniksysteme ein, Helsing integriert seinen KI-Agenten „Centaur“. Damit erweitert das Unternehmen seinen Anspruch deutlich. Es positioniert sich nicht mehr nur als Drohnenhersteller, sondern als Anbieter einer KI-Schicht über Sensorik, Plattform und Waffensystem. Die HX-2 erscheint so als Baustein einer größeren Systemarchitektur. Tatsächlich hat sich das Unternehmen in einem Jahr stark ausgedehnt: 600 Millionen Euro frisches Kapital (Series D), Vorstellung des CA-1 Europa, eine Kooperation im Weltraumsegment mit Kongsberg, ein KI-Upgrade für den Eurofighter, der Aufbau einer weiteren „Resilience Factory“ in Großbritannien sowie die Übernahme eines maritimen Technologieunternehmens.
Das Portfolio entwickelt sich von Loitering-Munition hin zu einem Multidomain-Ansatz: Luft, See, Weltraum – verbunden durch KI. Helsing baut damit erkennbar eine operative Architektur auf. Diese Beschleunigung wirft neue Fragen auf: Wie werden Software-Updates geprüft? Wie transparent sind KI-Entscheidungsprozesse? Wer trägt Verantwortung bei Fehlfunktionen oder Fehlentscheidungen? Solche Fragen betreffen nicht nur Technik, sondern auch Recht und Ethik. Politisch gilt Helsing als Symbol europäischer Souveränität – belastbare, öffentlich zugängliche Leistungsdaten fehlen jedoch bislang. Zugleich basieren moderne Systemeheutzutage auf globalen Lieferketten. Souveränität bedeutet daher Kontrolle über kritische Schnittstellen. Wie diese konkret aber gesichert werden soll, bleibt öffentlich noch weitgehend unbeantwortet.