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Die Bewahrer deutscher Friedhöfe Niederschlesiens vernetzen sich im Kulturlabor
In der Woiwodschaft Niederschlesien gibt es etwa 1.680 vergessene, meist verfallene deutsche Friedhöfe. Doch immer wieder finden sich Menschen, die sich in den Städten und Dörfern der Region um deutsche Nekropolen kümmern. Ein Film, der Anfang Dezember Premiere im Riesengebirge, in Schreiberhau [Szklarska Poręba], und in Breslau hatte, widmet sich nun Menschen, die den deutschen Friedhöfen ihre Würde zurückgeben. Er heißt „Betreuer der (Un-)Vergessenheit“ [Opiekunowie (Nie-)Pamięci].
„Wir haben fast 1.700 vernachlässigte Friedhöfe in Niederschlesien verzeichnet, doch es gibt bestimmt noch mehr davon. Etwa 150 sind im Denkmalregister eingetragen und stehen somit unter Denkmalschutz. Trotzdem werden auch diese oft vergessen, vernachlässigt und gemieden“, sagt Marek Sztark, der Initiator des bemerkenswerten Filmprojekts bei „Radio Rodzina“ (Familienradio).
Seit 2022 vernetzen sich Menschen in Breslau auch informell, um die deutschen Friedhöfe vor dem Vergessen zu bewahren. „Diese Freiwilligen, die die Friedhöfe vor einer gänzlichen Zerstörung retten, unternehmen Anstrengungen und gehen gewisse Risiken ein“, sagt Sztark, der auch Leiter des Kulturlabors in Berslau ist und diesen Austausch überhaupt erst ins Leben rief. Für ihn sei jeder einzelne Freiwillige wichtig, der wie er sagt „das Bedürfnis verspürt, einen verlassenen Friedhof wieder in Ordnung zu bringen“. Doch sei dies nicht immer einfach. „Man geht dabei nicht nur körperliche Anstrengungen ein, sondern auch einige formale Risiken. Man muss das nämlich anmelden, und muss wissen wie“, betont Sztark, der damit den Hauptgrund umreißt, wieso er das Kulturlabor ins Leben rief.
Mutter und Tochter als Initiatoren
Der Film zeigt Beispiele, wie Polen und Deutsche alten Friedhöfen in Niederschlesien wieder Würde verleihen. In Schreiberhau hatten Freiwillige den einstigen evangelischen Friedhof in der heutigen ul. Waryńskiego zum „Pantheon des Riesengebirges“ gemacht. Dort wurden Künstler, Literaten und andere wichtige Persönlichkeiten des Riesengebirges begraben. Der Film zeigt auch, wie der deutsche Friedhof in Giesmannsdorf [Gostków] bei Waldenburg [Wałbrzych] vor der Zerstörung bewahrt wurde. „Es ist ein Friedhof mit einer großen Geschichte, wunderschönen Grabstellen und schönen Platten aus schwarzem Glas, die jemand mit einem Hammer oder Stein zerschlagen hat. Dieser Friedhof wurde zu einer Müllhalde. 2015 wurde er zusammen mit den Ruinen der alten evangelischen Kirche zum Verkauf angeboten“, berichtet Sztark.
Gekauft haben das Gelände Angelika Nolberczak und ihre Mutter Halina Bryk. Die Frauen befürchteten, dass der Friedhof sonst eingeebnet oder bebaut würde. Doch die Käuferinnen hatten keine Idee, was mit dem Grundstück geschehen sollte. „Eins stand fest, sie wollten dem Ort wieder Respekt verschaffen“, berichtet Sztark.
Ein Jahr brauchten Nolberczak und Bryk, um den Friedhof Schritt für Schritt zu säubern. Damit ihre Aktion einen geordneten Rahmen bekommt, aber auch um Gelder zu akquirieren, gründeten sie 2016 die Stiftung [Fundacja] Anna. Der Name leitet sich von Anna Renner ab, deren Grab sie als erstes im Gestrüpp entdeckten. Mit Unterstützung konnten sie inzwischen weitere 70 Gräber sanieren.
Zurück ins Bewusstsein
Der evangelische Friedhof in Giesmannsdorf wurde 1856 angelegt. Nach der Vertreibung der Deutschen ab 1945 verfiel er nach und nach. Das gleiche Schicksal erlitt auch die evangelische Kirche von 1785, die den Zweiten Weltkrieg in unversehrtem Zustand überdauerte, jedoch in den 60er Jahren einem Brand zu Opfer fiel und heute nur noch eine Ruine ist.
„Im Film ist die Geschichte von Giesmannsdorf ein roter Faden, der zeigt, dass ein Friedhof, der einst wichtig war, kein Tabu mehr sein muss, sondern zu einem Ort wurde, an dem man über die Vergangenheit nachdenken oder ihn wie einen Park besuchen kann“, sagt Sztark, der damit anderen Freiwilligen Mut machen will, Orte und ihre Geschichte ins Bewusstsein zurückzubringen und sie so unvergessen zu machen.