03.11.2026

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Tanzte nie nach der Pfeife der DDR: Günter de Bruyn 2007 in seinem Garten im brandenburgischen Görsdorf (Oder-Spree-Kreis)
Bild: picture alliance/ ZB | Patrick PleulTanzte nie nach der Pfeife der DDR: Günter de Bruyn 2007 in seinem Garten im brandenburgischen Görsdorf (Oder-Spree-Kreis)

Ein Preuße im modernsten Sinn

Zwischen Ost und West zerrieben, aber seiner Brandenburger Heimat treu geblieben – Vor 100 Jahren kam Günter de Bruyn zur Welt

Bernd Gerwanski
03.11.2026

Seiner brandenburgisch-preußischen Heimatregion rund um Berlin fühlte sich der Schriftsteller Günter de Bruyn stets eng verbunden. In einer anderen Region zu leben, kam für ihn nicht in Frage. So führte ihn sein Lebensweg nach dem Weltkriegsende geradewegs in die neugegründete Deutsche Demokratische Republik, in der er bis zu deren Ende im Jahr 1990 und darüber hinaus lebte. Aus Anlass seines 100. Geburtstags am 1. November soll an den Schriftsteller, der nicht nur im Osten, sondern ebenso im Westen bekannt wurde, erinnert werden.

Über sein Leben in der DDR plagten den Autor allerdings Zweifel. So schreibt de Bruyn in seinem Buch „40 Jahre – Ein Lebensbericht“: „Ich machte mir Vorwürfe, weil ich Fluchtmöglichkeiten versäumt hatte, träumte vom zensurlosen Schreiben in West-Berlin oder Hamburg und fand es gleichzeitig widersinnig, ohne Lebensbedrohung aus einer Gegend, die die meine war, wegzugehen. Ich war stolz darauf, aller Bedrückung zum Trotz auszuhalten.“

Der 1926 in Berlin geborene de Bruyn entstammte einem katholisch orientierten Elternhaus. Seine Jugend endete abrupt mit dem Ruf an die Front: Zwischen 1943 und 1945 diente er als Flakhelfer und Wehrmachtssoldat auf den Schlachtfeldern des Zweiten Weltkriegs. Für kurze Zeit geriet er in US-Kriegsgefangenschaft und erreichte nach seiner Freilassung im Sommer 1945 den brandenburgischen Ort Zernsdorf bei Berlin.

Unsicher, welcher beruflichen Laufbahn er folgen sollte, ließ er sich erst zum Lehrer, dann zum Bibliothekar ausbilden. Im Berliner Zentralinstitut für Bibliothekswesen fand er eine Anstellung, ehe er 1961 den sicheren Posten aufgab und den Schritt in die Selbstständigkeit als freischaffender Autor wagte.

Bislang prägten Autoren wie Willi Bredel, ein Dreher aus Hamburg, Hans Marchwitza, ein Bergmann aus Oberschlesien, oder Anna Seghers die DDR-Literatur. Diese waren bereits in der Weimarer Republik im Umfeld der KPD aktiv. Nun machten sie und andere Schriftsteller es sich zur Aufgabe, von den erfolgreichen Taten und Errungenschaften des jungen DDR-Staates zu berichten.

Aber jetzt stand da ein junger Mensch wie de Bruyn, bürgerlicher Herkunft und kein gestandener Kämpfer im Sinne der SED wie die vorherige Schriftstellergeneration. Sein erster Roman hieß „Der Hohlweg“, den der Autor später selbst als „Holzweg“ bezeichnete. Der Roman war ein Versuch, sich an die Verhältnisse in der jungen DDR anzupassen und das zu schreiben, was die Kulturverantwortlichen lesen wollten.

„Mein Ehrgeiz, gedruckt zu werden, war größer als die Verpflichtung zur eignen Wahrheit gewesen“, erinnerte sich de Bruyn, „um den Erwartungen des Verlages entgegenzukommen, hatte ich meinen Erlebnissen und Erfahrungen einen anderen Sinn untergeschoben und die Verbote dabei immer im Kopf gehabt. Mein Blick war beim Schreiben starr auf die Zensur gerichtet gewesen, und diese erwies sich dankbar dafür.“

Migration? Preußen schaffte das!

Spätere Versuche der Staatssicherheit, de Bruyn als Informanten anzuwerben, wehrte der Autor mutig ab. Als Schriftsteller ging er seinen eigenen Weg und wurde auch in der Bundesrepublik gedruckt und gelesen. Sogar Reisen in den westlichen Staat hatte man ihm genehmigt. In der DDR war er sogar im Vorstand des Schriftstellerverbandes.

De Bruyn merkte, dass er von staatlicher Seite durchaus in eine „Privilegiertenstellung befördert“ worden war. „Ich ahnte, dass man mich für mein Abseitsstehen belohnte und vielleicht auch dafür, dass ich im Lande blieb“, berichtete er, „man nahm an, dass einer, den man in Ruhe ließ, auch keine Neigung hatte, die Ruhe zu stören.“

Nach seinem bekanntesten Roman „Buridans Esel“ von 1963 widmete sich de Bruyn zunehmend seiner Heimatregion. 1978 erschienen seine „Märkischen Forschungen“ erst in der DDR und im Jahr darauf auch in der Bundesrepublik. „Im Spreeland“ und „Mein Brandenburg“ folgten. In den 2000er Jahren veröffentlichte er die umfangreichen Werke seiner Preußischen Trilogie: „Die Finckensteins“, „Preußens Luise“ und „Unter den Linden“. Diese geschichtlichen Sachbücher kamen weitgehend in Romanform daher.

In seinem schmalen Band „Unzeitgemäßes“ blickte de Bruyn im Jahr 2001 auf Vergangenheit und Gegenwart Deutschlands. Unter anderem erinnerte er an die Einwanderungspolitik im Preußen des 18. Jahrhunderts, die sich doch von der heutigen deutlich unterschieden hat.

Er schrieb dazu: „Da viele Flüchtlinge aus wirtschaftlich besser entwickelten Ländern kamen und häufig Kenntnisse und Fertigkeiten mitbrachten, die in Preußen benötigt wurden, waren die Leistungen, die sie für ihre neue Heimat erbrachten, enorm. Sie gründeten oder modernisierten viele Produktionsstätten. Sie verfeinerten die gärtnerischen Methoden. Gelehrte bereicherten die Akademien mit ihrem Wissen. Adlige dienten als Offiziere, oder sie kamen bei Hofe unter. Andere bewährten sich als Festungsbaumeister oder bei Wasserbauten. Und fast alle von ihnen wurden in kurzer Zeit zu patriotischen Preußen, weil das Land ihnen so viel bot, wie sie ihm.“

De Bruyn blickte auf seine eigene Generation, die „pauschal verdächtigte Generation“, der heutzutage in Generationskonflikten oftmals große Verbrechen angelastet würden. Doch wie hätten diese Menschen es nach dem Krieg fertiggebracht, fragte er, „die Millionen Heimatvertriebener zu integrieren, das zerstörte Land wieder aufzubauen, die soliden Fundamente der Demokratie zu legen, und, als Krönung ihres Lebenswerkes, die deutsche Teilung auf friedlichem Wege wieder rückgängig zu machen?“

Zahlreiche Ehrungen würdigten das Werk des Autors. Zu DDR-Zeiten erhielt er den Heinrich-Mann- und den Lion-Feuchtwanger-Preis. Die Annahme des Nationalpreises der DDR lehnte er 1989 jedoch ab. Im vereinigten Deutschland hat man de Bruyn unter anderem mit dem Literaturpreis der Konrad-Adenauer-Stiftung, dem Brandenburgischen Literaturpreis, dem Deutschen Nationalpreis, dem Eichendorff-Literaturpreis und weiteren Preisen wie auch dem Großen Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet.

De Bruyn starb am 4. Oktober 2020 in Bad Saarow. Heute erinnert eine Gedenktafel an seinem Geburtshaus in Berlin-Britz an den Schriftsteller.


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