14.07.2026

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Früher Avantgarde, heute ein Klassiker des Impressionismus: Édouard Manet, „Le Déjeuner“, 1868
Bayerische Staatsgemäldesammlungen – Neue Pinakothek München/Sibylle ForsterFrüher Avantgarde, heute ein Klassiker des Impressionismus: Édouard Manet, „Le Déjeuner“, 1868

Ein Visionär als Glücksfall für Berlin

Für den Kaiser war es „Rinnstein-Kunst“ – Alte Nationalgalerie präsentiert Impressionisten, die Paul Cassirer nach Deutschland brachte

Dirk Klose
14.07.2026

Der Kaiser grollte und schimpfte. Was da aus Frankreich an Kunst in die deutschen Museen komme, sei nichts anderes als „Rinnstein-Kunst“ und habe mit echter Kunst nichts mehr zu tun. Aber die Freunde dieser neuen Kunstrichtung des von Manet, Degas, Cézanne oder Monet geprägten Impressionismus ließen sich nicht beirren. Selbst in das Allerheiligste von Berlin, die Nationalgalerie, „sickerten“ sie dank ihres Direktors Hugo von Tschudi nach und nach ein.

Einer der rührigsten Verfechter dieser neuen Kunstrichtung war der Kunsthändler und Verleger Paul Cassirer, dessen Eifer bis heute Spuren hinterlassen hat. Aus Anlass seines 100. Todestages und auch in Erinnerung an ihr eigenes 150. Jubiläum widmet ihm die Alte Nationalgalerie auf der Berliner Museumsinsel jetzt die Ausstellung „Cassirer und der Durchbruch des Impressionismus“. 

Sie zeigt etwa 120 größtenteils längst zum Kanon der klassischen Moderne gehörende Werke des französischen und deutschen Impressionismus und weiter auch Arbeiten aus dem Expressionismus, dazu Plastiken und Beispiele der Neuen Sachlichkeit.

Aus der Cassirer-Familie sind Künstler und Wissenschaftler hervorgegangen. Paul war neben seinem Bruder Alfred, einem Kunstsammler, am stärksten in Sachen Kunstförderung und -verbreitung tätig. 1871 in Breslau geboren, kam er 1898 nach Berlin, wo er mitten im Tiergartenviertel sein Auktionshaus und später seinen Kunstverlag gründete. Seine Villa baute er zu einem größeren Ausstellungshaus mit Oberlicht um, in dem er bereits in seinen ersten zehn Berliner Jahren rund 130 Ausstellungen zeigte. Das noble Tiergartenviertel ist im Krieg völlig zerstört worden, heute befindet sich hier das Kulturforum mit Gemäldegalerie, Philharmonie und Neuer Nationalgalerie.

Cassirer wurde bald der wichtigste Verfechter der damals in Deutschland völlig ungewohnten Kunst. Fast alle großen Namen aus Frankreich und mehr und mehr auch aus Deutschland hat er vertreten. Die Ausstellung zeigt annähernd die Reihenfolge der Bilder, die durch Cassirers Hände gingen. Es sind berückend schöne Bilder darunter, gleichsam en miniature ein Überblick über die moderne Kunst um 1900: etwa zwei Landschaften und der „Hafen von Zaandam“ von
Claude Monet, der allein achtmal vertreten ist; ein zauberhaftes Bild einer jungen Frau („Im Sommer“) von Auguste Renoir und dessen berühmte „Junge Dame in Schwarz“; von Edouard Manet vier ähnlich eindrucksvolle Landschaften und Gartenbilder; von Paul Cézanne Stillleben und die bei ihm so häufigen verschachtelten Dörfer; von Edgar Degas seine typischen Tänzerinnen. Höhepunkt ist vielleicht ein Selbstbildnis Vincent van Goghs, der über Cassirer nach Deutschland kam. Die meisten Bilder sind in der damals ungewohnten Pinselstrich-Technik und oft im Freien gemalt, nicht von ungefähr sind es viele Garten- und Landschaftsbilder.

Was französische Künstler vormachten, griffen deutsche Maler auf – auch hier viel flirrendes Licht und freie Natur. Von Max Liebermann, der mit Cassirer befreundet war, zeigt die Ausstellung zwei Frühwerke und ein Beispiel für seine Wannsee-Malerei. Max Slevogts schönes Bild von Cassirers dreijähriger Tochter ist ebenso vertreten wie Oskar Kokoschkas Porträt des Musikpädagogen Leo Kestenberg und Max Beckmanns fast journalistisch anmutendes Bild einer Ballonwettfahrt in Paris im Jahr 1908. Die deutsche Plastik ist mit eindrucksvollen Arbeiten von Georg Kolbe, Ernst Barlach und Wilhelm Lehmbruck präsent.

Cassirer hatte eng mit Hugo von Tschudi von der Nationalgalerie zusammengearbeitet. Da es für diesen angesichts der massiven kaiserlichen Einwände immer schwieriger wurde, Impressionisten aus dem offiziellen Ankaufsetat zu erwerben, organisierte er mit Cassirer einen Kreis vermögender Kunstfreunde, größtenteils unmittelbare Nachbarn aus dem Tiergartenviertel, die das Geld vorstreckten. Am Ende gab Tschudi allerdings doch entnervt auf und ging nach München, das ihm bis heute eine großartige Impressionisten-Sammlung verdankt.

Die Berliner Ausstellung setzt bewusst auf Cassirers Engagement für die damals moderne Kunst. Etwas zu kurz kommen dabei seine weiteren Aktivitäten. Er habe, so die Direktorin der Nationalgalerie, Anette Hüsch, einen untrüglichen Sinn für künstlerische Qualität gehabt und dabei auch auf die Lernfähigkeit des Publikums bei dieser völlig neuen Kunst vertraut. Dem hatte Cassirer dadurch nachgeholfen, dass er 1908 einen eigenen Verlag gründete, der zahlreiche erfolgreiche Kunstbücher (Lichtwark, van der Velde) und Drucke (Liebermann, Barlach) veröffentlichte. Als das NS-Regime 1933 das Auktionshaus schloss, war der Impressionismus gleichwohl in Deutschland etabliert. Andere Künstler wie Liebermann, Kokoschka, Slevogt oder Lehmbruck galten allerdings schon bald als „entartet“ und wurden aus den Museen entfernt.

Cassirers Leben endete tragisch. Er war seit 1910 mit der Schauspielerin Tilla Durieux verheiratet, einer damals gefeierten und umschwärmten Diva. Sie hat später geschrieben, ihm verdanke sie die „schönsten und bittersten Stunden“ ihres Lebens. Am 5. Januar 1926 wurde das Paar in Berlin geschieden. Noch im Anwaltsbüro unternahm Cassirer einen Suizidversuch, dem er zwei Tage später erlag. 1938 wurden die Reste des Kunsthandels nach Amsterdam transferiert. Dort und in New York bestand das Geschäft bis Anfang der 2000er Jahre, heute arbeiten seine Nachfahren in Zürich.

0 Bis zum 27. September, täglich außer montags von 10 bis 18 Uhr geöffnet,
Eintritt: 16 Euro. www.smb.museum


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