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Deutsches Historisches Museum

Eine Beziehung der besonderen Art

Sonderausstellung widmet sich dem Verhältnis der Deutschen zur Natur

Dirk Klose
13.12.2025

Was im Verlauf der deutschen Geschichte unter „Natur“ verstanden wurde, war durch die Jahrhunderte einem ständigen Wandel unterworfen. Im Mittelalter gab es Natur als erklärenden Begriff gar nicht, alles war eine Schöpfung Gottes. In der Neuzeit wurde dann Natur mehr und mehr zu einem Sehnsuchtsort, den man zunächst erleben, dann glaubte schützen zu müssen, was sich heute in „Naturschutz“ und „Umweltschutz“ ausdrückt.

Das Deutsche Historische Museum Berlin (DHM) thematisiert jetzt die Wechselbeziehung zwischen Mensch und Natur in einer ambitiösen Ausstellung mit dem Titel „Natur und deutsche Geschichte“, deren Untertitel „Glaube – Biologie – Macht“ schon zeigt, welch unterschiedliche Fragestellungen denkbar sind. Denn Natur kann ganz unterschiedlich interpretiert werden: für Gläubige als göttliche Schöpfung, aus naturwissenschaftlicher Sicht als das Zusammenspiel von Flora und Fauna, als politischer Kampfbegriff zur Überhöhung des eigenen Volkes und Abwertung „minderer“ Völker. Die im 1. Obergeschoss des Pei-Baus des DHM gezeigte Ausstellung ist abgesehen von dem „Prolog“ in die fünf Abschnitte „Mittelalter“, „Frühe Neuzeit“, „Industrialisierung“, „Nationalsozialismus“ und „Geteiltes Deutschland“ bis etwa 1970 gegliedert, denen jeweils ein Raum gewidmet ist.

Mittelalter und Frühe Neuzeit
Die also weitgehend chronologisch aufgebaute Schau beginnt mit der großen mittelalterlichen Äbtissin Hildegard von Bingen. Sie prägte den Begriff der „viriditas“, der Grünkraft, und aus einem ihrer berühmten Codices zeigt die Ausstellung in Kopie zwei großartige Miniaturen. Zwei ausgestellte Bodenseefelchen erinnern daran, dass sich im Spätmittelalter, als im Bodensee durch Überfischung die Bestände extrem zurückgingen, alle Anrainer zusammentaten und vertraglich bestimmte Kontingente festlegten, eine Regelung, die durch Jahrhunderte Bestand hatte. Der Besucher sieht einen entsprechenden Vertrag von 1536 zwischen Konstanz und Überlingen sowie einen illustrierten Fischverkauf aus der Zeit des Konstanzer Konzils.

Wesentlich breiter ist die Frühe Neuzeit dargestellt. Der in einer Kopie gezeigte Weltglobus des Martin Behaim von 1492 enthielt noch nicht Amerika, dafür aber schon Japan. Flugschriften und Stiche zeigen das weltumspannende Handelsimperium der Fugger und Welser. Ein ausgestellter ausgestopfter Wolf, dessen Kopf auch das Ausstellungsplakat ziert, symbolisiert die Wüstungen des Dreißigjährigen Krieges. Die Naturforscherin Maria Sibylla Merian hat die Metamorphose des Seidenspinners und anderer Insekten nachgezeichnet, wie ungewöhnliche Leihgaben aus Amsterdam zeigen.

Ein ganzer Unterpunkt in diesem Abschnitt ist einem „neuen Grundnahrungsmittel“ gewidmet: der Kartoffel. Sie war im 16. Jahrhundert aus Peru nach Europa gebracht und spätestens im 18. Jahrhundert Volksnahrungsmittel geworden. So durfte jetzt das bekannte Bild über Friedrich den Großen bei Kartoffeln anbauenden Bauern nicht fehlen. Sein „Kartoffelbefehl“ vom 18. Juli 1748 ist ebenso zu bewundern wie eine Kartoffelfibel aus dem Jahr 1819. Ein Zeitgenosse Friedrichs resümierte: „Wenn man den Werth der Dinge nach ihrem wirklichen Nutzen schätzen will, so muss man gestehen, dass die Entdeckung von Amerika, durch die Verbreitung dieser Frucht, der Nachwelt wichtiger geworden ist als durch reiche Gold-Minen.“

Industrialisierung
Der dritte Abschnitt „Industrialisierung“ ist fast schon Gegenwart. Ab 1817 wurde im Verlauf von 50 Jahren der Rhein begradigt. Der Fluss war nun schiffbar von Basel bis Amsterdam. Die Kehrseite waren das Absinken des Grundwassers und die Austrocknung der Auenwälder. Politisch wurde Natur mehr und mehr ein Kampfbegriff. Ernst Haeckel, mit seinem Zeiss-Mikroskop präsent, prägte den Begriff Kampf ums Dasein, dessen sozialdarwinistische Auswüchse im 20. Jahrhundert furchtbare Folgen zeitigten.

Die anschaulich dokumentierte Cholera-Epidemie in Hamburg von 1892 zeigt erschreckende Bilder aus dem Elendsquartieren der Gängeviertel. In sogenannten Warderschen Kästen, von denen das DHM ein bestens erhaltenes Exemplar zeigen kann, wurden aus den Kolonien Samen und Pflanzen, beispielsweise das Usambaraveilchen, transportiert. Der Abschnitt endet mit Fritz Haber, dessen Versuchsaufbau für die Ammoniak-Synthese an den Zwiespalt dieser Erfindung erinnert: Gewinnung von Kunstdünger zur Steigerung der Ernten, zugleich Basis für Munition und Giftgas im Ersten Weltkrieg.

1933 bis etwa 1970
Die beiden letzten Abschnitte widmen sich der NS- und der anschließenden von der deutschen Teilung geprägten Nachkriegszeit bis etwa 1970. Das NS-Regime überhöhte die Natur. Große Bilder zeigen die sich der Landschaft anpassenden Reichsautobahnen und die Granitbrüche nahe dem KZ Flossenbürg. Natur und Landschaften wurden zu Kampfbegriffen.

„Immer ist die Landschaft eine Gestalt, ein Ausdruck und Kennzeichen des in ihr lebenden Volkes. Sie kann das edel Antlitz seines Geistes und seiner Seele ebenso wie auch die Fratze des Ungeistes, menschlicher und seelischer Verkommenheit sein ... So unterscheiden sich die Landschaften der Deutschen in allen ihren Wesensarten von denen der Polen und der Russen – wie die Völker selbst ... Die Morde und Grausamkeiten der ostischen Völker sind messerscharf eingefurcht in die Fratzen ihrer Herkunftslandschaften“, heißt es in der vom deutschen Landschaftsarchitekten und Hochschullehrer Heinrich Friedrich Wiepking-Jürgensmann 1942 in Berlin herausgegebenen „Landschaftsfibel“.

Die DDR wird mit dem Braunkohletagebau dokumentiert. Das vielleicht spektakulärste Stück der Ausstellung ist ein Modell der riesigen Eimerketten-Raupen-Schwenkbagger, die in der Lausitz Braunkohle abbauten und die Region in wahre Mondlandschaften verwandelten. Zur Bundesrepublik werden die Bemühungen um den „blauen Himmel über der Ruhr“ dokumentiert und, besonders anschaulich, die Kämpfe gegen das geplante Kernkraftwerk Wyhl. 1971 richtete der damalige Innenminister Hans-Dietrich Genscher die „Abteilung U“ – Umweltschutz – ein. Es war der politische Beginn der Umweltpolitik.

Es ist ein großer Anspruch, mit dem die Ausstellung antritt. Naturgemäß können bei der immensen Themenbreite nur kleine Beispiele daraus gezeigt werden. Gleichwohl bleibt dem DHM das Verdienst, dieses in der Museumsdidaktik bislang wenig beachtete Thema aufbereitet zu haben. Der Besucher erlebt, wie Natur immer wieder für politische Ziele eingesetzt, ja auch missbraucht wurde. Er sieht aber auch, dass es ebenso Fürsprecher gab, die vor einem Raubbau an der Natur warnten und sie als bewahrenswerten Lebensraum erhalten wollten.

Die Ausstellung Natur und deutsche Geschichte. Glaube – Biologie – Macht ist noch bis zum 7. Juni im 1. Obergeschoss des Pei-Baus des Deutschen Historischen Museums, Unter den Linden 2, 10117 Berlin, Telefon (030) 203040, E-Mail: info@dhm, zu sehen


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