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Vom Preußen- zum Niederrheinmuseum – Neue Dauerausstellung im Körnermagazin von Wesels ehemaliger Zitadelle
Über 300 Jahre regierte Preußen am Niederrhein. Nach dem Aussterben des Herzogshauses Kleve-Jülich-Berg in der männlichen Linie wurde das Land zweigeteilt. Den nördlichen Teil, das klevische Gebiet, erbte 1614 Kurbrandenburg, womit Preußen an den Rhein gelangte. Nach dem Wiener Kongress fiel das gesamte nördliche Rheinland – zusammen mit Westfalen – an Preußen.
Im Zuge dieser Neuordnung ließ der Große Kurfürst die Stadt Wesel Ende des 17. Jahrhunderts zur stärksten Festung Preußens im Westen ausbauen. Erst ab 1890 begann man, sie zu schleifen. Nur wenige Reste sind erhalten: das unter König Friedrich Wilhelm I. erbaute prächtige Berliner Tor (zurzeit in restauro) und Teile der Zitadelle.
In den Kasematten von dessen Haupttor waren 1809 elf preußische Offiziere eingekerkert und kurze Zeit darauf von den napoleonischen Besatzern hingerichtet worden. Sie hatten zum Freikorps des in seiner Zeit sehr bekannten preußischen Majors Ferdinand von Schill (1776–1809) gehört, der sich eigenmächtig gegen die Besetzung durch, und die Zusammenarbeit mit Napoleons Truppen gewehrt hatte. Eine kleine Ausstellung erinnert als Schill-Museum an authentischem Ort an die Widerständler.
Bis heute ist die ehemalige Festung das Herzstück der Weseler Geschichte. In das Körnermagazin der Zitadelle war Ende 1998 das Preußen-Museum NRW gezogen, das 2018 zum Niederrheinmuseum wurde und jetzt mit seiner Neukonzeption als Regionalmuseum neuen Typs Maßstäbe setzen will. Zum Einstieg stellt der GeoPark Ruhrgebiet im Untergeschoss in Graphiken und Objekten die Erdgeschichte, die Eiszeiten und die Landschaftsräume der Niederrheinregion dar. Die preußische Geschichte Wesels spielt dabei nur noch eine Nebenrolle.
Die neue Schau ist als Familienmuseum konzipiert, wobei Familie nicht wörtlich zu nehmen ist, sondern hierin jede (Alters-)Gruppe „spannende Dinge entdecken“ soll. Das Konzept entspricht damit der jüngsten Definition des Internationalen Museumsrats, die unter anderem Inklusion, Partizipation und vielfältige Erlebnisse für Bildung, Vergnügen, Reflexion und Wissensaustausch von den Museen fordert. Wesel liefert dazu ein ganzes Kaleidoskop.
Geographisch beansprucht die Ausstellung das Rheinland von Arnheim bis Düsseldorf, zeitlich die letzten 800 Jahre. Thematisch reicht das Spektrum schlaglichtartig von Religion und Geschichte über Wirtschaft und Politik bis zu Sprache und Brauchtum. Vom interaktiven Spiel eines Handelsreisenden mit Startpunkt in der Hansestadt Wesel bis zu Kochrezepten mit regionalen und saisonalen Zutaten, Ökobilanz inklusive. Auf den knapp 1400 Quadratmetern Fläche regiert die Vielfalt. Zur Vertiefung dient der 224 Seiten starke Begleitband „Leben mit dem Wasser“.
Eine Socke Friedrichs des Großen
Auch in der Gestaltung dominiert die Abwechslung: vom Rheinschiffmodell aus Holz über traditionelle Schaukästen bis zu Medienstationen. Im Erdgeschoss folgt der Lauf der Geschichte den Wellen des Rheins, die den Raum als Erzähl- und Architekturelement durchziehen. Im Obergeschoss geben Farben Orientierung. Im Zentrum steht hier Europa mit kupferfarbener, metallischer Optik für Zeiten von Kriegen, Krisen und Konfrontationen und blauen Konstruktionen für die Zusammenarbeit. Noch bunter wird es beim St.-Martins-Umzug, den Festivals oder anderen Brauchtums-Themen.
Viel Platz nehmen die Biographien des „Who is Who“ am Niederrhein ein. Etwa die des Paul de Rapin de Thoyras (1661–1725), der wie viele andere Hugenotten nach Wesel zog. Dort schrieb er sein wichtigstes Buch, die „Geschichte Englands“. Oder die des in Honnef (Sieg) geborenen Freiherrn Walther von Loë (1828–1908), einer der fähigsten Heerführer seiner Zeit, den Wilhelm II. schließlich zum Generalfeldmarschall ernannt hatte. Oder die des in Wesel geborenen bundesweit bekannten Kabarettisten Dieter Nuhr und der Rheinbergerin Isabell Werth, der erfolgreichsten Dressurreiterin aller Zeiten. Übrigens auch Konrad Duden (1829–1911), der Papst der deutschen Rechtschreibung, kam in Lackhausen, heute ein Stadtteil von Wesel, zur Welt.
Ein Kuriosum unter den Exponaten ist der arg strapazierte, durchlöcherte und geflickte Strumpf Friedrichs des Großen. Der Überlieferung nach ließ der König ihn als Muster für die Anfertigung neuer Seidenstrümpfe an die Manufaktur Franz Heinrich Heydweiller in Krefeld schicken. Noch heute wirbt Krefeld mit der Marke „Samt- und Seidenstadt“.
Ein seltenes Tuchsiegel aus der Zeit um 1600 zeugt von der einst hochwertigen Stoffproduktion in Wesel. Nach der Fertigung wurden Weseler Tuche kontrolliert und mit einem Bleisiegel verplombt, um Sorte, Herkunft und Qualität zu bescheinigen. Tuch war ein wichtiges Gut im hansischen Netzwerk. Heute erstreckt sich der Warenaustausch über die Neue Seidenstraße per Güterzug vom Duisburger Hafen bis nach China. Leider wird diese Entwicklung nicht thematisiert.
Drei tiefe Einschnitte unterbrechen den Fluss der Geschichte und Geschichten: der Achtzigjährige oder Spanisch-Niederländische Krieg von 1568 bis 1648, bei dem sich die nördlichen Niederlande ihre Unabhängigkeit erkämpften, die Franzosenzeit unter Napoleon und die Schlacht am Niederrhein im März 1945.
Zur Vorbereitung der Offensive hatten die Alliierten zahlreiche Städte auf beiden Seiten des Rheins angegriffen und in großem Ausmaß zerstört. Auch der Innenstadtbereich von Wesel wurde weitgehend ausgelöscht. Die heutige Stadt (zirka 60.000 Einwohner) ist geprägt durch den rasch erfolgten Wiederaufbau und lässt kaum noch etwas von ihrer einstigen Bedeutung ahnen.
Einzig der Willibrordi-Dom vermittelt davon einen Eindruck. Schon das preußische Herrscherhaus hatte ihn dem Zeitgeist entsprechend neugotisch renoviert. Der Wiederaufbau nach dem Krieg lehnte sich an die spätgotische Fassung an. Von den Ergänzungen im 19. Jahrhundert wurde nur der Chorumgang beibehalten.
LVR-Niederrheinmuseum, An der Zitadelle 14–20 in Wesel, geöffnet täglich außer montags von 11 bis 17 Uhr, Eintritt: 6 Euro. www.niederrheinmuseum-wesel.lvr.de