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Mekka und Medina sind Orte, an denen das Blutvergießen religiös strikt untersagt ist. Was aber sagt es über die islamische Welt aus, wenn der Angriff auf Heiligtümer keinen Aufstand der Empörung auslöst?
Die heiligsten Orte des Islam, Mekka und Medina, gelten als unantastbare Schutzräume. Ihr religiöser Status verbietet nichtmuslimischen Besuchern sogar den Zutritt. In ihren Grenzen gelten besondere Gebote, die insbesondere das Töten von Lebewesen und selbst Eingriffe in die Natur untersagen. Das Vergießen von Blut ist streng verboten. Diese Stätten sind mehr als geografische Orte. Sie sind das spirituelle Zentrum einer expandierenden Weltreligion und zudem gemeinsame Bezugspunkte von Sunniten und Schiiten, von Salafisten und Sufis.
Und dennoch sind sie verwundbar. Denn die immer öfter vorkommenden Drohnenangriffe auf Mekka und Angriffe auf die Energieversorgung der Großen Moschee von Medina haben die Frage aufgeworfen, wie sicher diese Heiligtümer tatsächlich noch sind.
Die Verantwortlichen für die Angriffe sind umstritten; die islamische Huthi-Miliz hat die Vorwürfe zwar entschieden zurückgewiesen und im gleichen Atemzug von saudischer Manipulation gesprochen. Doch viele Beweise sprechen für sich. Doch was geschieht, wenn selbst die heiligsten Schutzräume des Islam ins Visier der Fanatiker und damit in die Reichweite moderner Waffensysteme geraten?
Die erste Reaktion der islamischen Welt war deutlich. Regierungen, internationale Organisationen und religiöse Autoritäten verurteilten die mutmaßlichen Angriffe. Für einen Moment traten die üblichen konfessionellen und geopolitischen Rivalitäten zurück. Denn Mekka und Medina gehören zwar territorial zu Saudi-Arabien, religiös aber der gesamten islamischen Welt.
Freunde Gottes sind keine Freunde
Doch genau hier beginnt bereits der Widerspruch. Wenn die heiligsten Orte des Islam bedroht sind, wird ihre Unverletzlichkeit beschworen. Wenn sie tatsächlich – aus den eigenen Reihen – angegriffen werden, bleibt es bei faden Erklärungen, Verurteilungen und diplomatischen Gesten. Wo ist die gemeinsame Strategie, die sicherstellt, dass diese Heiligtümer niemals zum Spielball regionaler Machtkämpfe werden?
Allerdings spielen im jetzigen Krieg der Huthis im Jemen gegen die Saudis auch religiöse Diskurse eine wichtige Rolle. So werden die Huthis in den sunnitischen Ländern eher als ein eindeutig krimineller schiitischer Stamm bezeichnet. Beim iranfreundlichen Sender Al Jazeera hingegen erhalten sie den Beinamen „Ansarullah“, was „Freunde Gottes“ heißt.
Ein Krieg der Huthis gegen die „Hüter der beiden Heiligen Stätten“ (Saudi-Arabien) dürfte kein Aufstand der Waffen sein. Er müsste ein Aufstand des politischen Willens sein: eine gemeinsame, über konfessionelle Grenzen hinweg getragene Garantie für den Schutz der Heiligtümer, verbunden mit klaren Konsequenzen für jeden, der sie angreift. Gerade weil Mekka und Medina allen Muslimen heilig sind, darf ihre Sicherheit nicht allein von den strategischen Interessen eines Staates abhängen.
Für Saudi-Arabien steht dabei mehr auf dem Spiel als internationales Ansehen. Die Kontrolle über die beiden heiligsten Städte des Islam verleiht dem Königreich enormes religiöses Prestige und politische Autorität. Die Pilgerfahrt nach Mekka einmal im Leben gehört sogar zu den fünf Pflichten jedes Muslims, wie das tägliche Beten und Almosengeben. Daraus erwächst eine Verantwortung, die größer ist als jede andere territoriale Zuständigkeit: die Verantwortung, die Unverletzlichkeit der Heiligtümer zu gewährleisten. Wer diesen Schutz nicht sicherstellen kann, riskiert, dass aus religiösem Prestige ein Legitimationsproblem wird.
Im Jahr 930 plünderten die Qarmaten Mekka, töteten Pilger und raubten den heiligen Stein aus der Kaaba. Das Ereignis offenbarte nicht nur die Brutalität der Angreifer, sondern auch die Ohnmacht des Abbasidenkalifats, das den Schutz des Heiligtums damals nicht gewährleisten und die geraubten Heiligtümer nicht zurückholen konnte. Die Schwäche der Schutzmacht wurde selbst zum politischen Ereignis.
Ein Zeichen der Schwäche des Islam
Heute ist die Lage anders, aber die Frage bleibt dieselbe: Was ist die religiöse Autorität einer Ordnung wert, wenn sie die Orte nicht schützen kann, aus denen sie einen wesentlichen Teil ihrer Legitimität bezieht? Mekka und Medina sind keine gewöhnlichen Ziele in einem regionalen Konflikt. Wer sie bedroht, greift nicht nur Saudi-Arabien an, sondern berührt das religiöse Selbstverständnis von fast zwei Milliarden Muslimen. Dass sie nicht in der Lage sind, eine verbindliche gemeinsame Schutzordnung zu erstellen, ist ein Zeichen ihrer Schwäche.
Die eigentliche Verwundbarkeit Mekkas und Medinas liegt deshalb nicht allein in der Reichweite von Raketen und Drohnen. Sie liegt auch in der Möglichkeit, dass die islamische Welt ihre heiligsten Stätten zwar gemeinsam betrauert, ihren Schutz aber nicht gemeinsam durchsetzt.
Wenn selbst dort, wo Blutvergießen religiös verboten und der Zutritt für Nichtmuslime untersagt ist, moderne Waffen die Grenzen des Heiligen überwinden können, dann steht mehr infrage als die Sicherheit zweier Städte: Es steht die Glaubwürdigkeit einer Religion auf dem Spiel.