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Ein massiver Sonnensturm könnte unserer Zivilisation buchstäblich den Saft abdrehen. Und er ist wahrscheinlicher, als wir ahnen. Vor allem Deutschland ist ziemlich schlecht vorbereitet
In der Nacht vom 1. zum 2. September 1859 geschahen in den Telegrafenstationen Nordamerikas und Europas verstörende Dinge. Durch die Leitungen der erst unlängst aufgebauten Netze schossen plötzlich so hohe Spannungen, dass die Papierstreifen der Empfangsgeräte in Brand gerieten. Daraufhin schalteten die Angestellten den Strom ab, trotzdem aber konnten wie von Geisterhand weiter Nachrichten gesendet oder entgegengenommen werden.
Parallel dazu flackerten Polarlichter über den Himmel – und zwar sogar über solchen weit südlich gelegenen Städten wie Rom, Athen, Caracas und Havanna. Manche waren derart hell, dass die Vögel in der Annahme, es werde Tag, zu singen begannen. Eine wissenschaftliche Erklärung für die geisterhaften Erscheinungen lieferte der britische Astronom Richard Carrington, nach dem das Ereignis dann auch benannt wurde.
In seinem privaten Observatorium in Surrey hatte Carrington am Mittag des 1. September eine gewaltige Eruption auf der Sonne beobachten können. Daher vermutete er, dass der durch den Ausbruch ausgelöste „Sonnensturm“ eine Wolke von hochenergetischen Teilchen in das Magnetfeld beziehungsweise die Atmosphäre unseres Planeten katapultiert hatte, was für die schaurig-schönen Effekte sorgte.
Und tatsächlich löste der mit der Eruption verbundene Koronare Massenauswurf (CME) die starken Induktionsströme in den Telegrafennetzen und das Polarlichtgewitter aus: Infolge gigantischer magnetischer Kurzschlüsse auf der Sonne waren Milliarden Tonnen von Plasma ins All gelangt und mit mehreren tausend Kilometern pro Sekunde auf die Erde zugerast.
Als die Telegrafen brannten
Es blieb nicht bei diesem einen Carrington-Ereignis: Neuauflagen des Geschehens von 1859 verzeichnete man unter anderem im Februar 1872, Mai 1921, August 1972, März 1989, Juli 2000, Oktober 2003 und Mai 2024. Wieder kam es zu Störungen der Telegrafen- und später auch Telefonverbindungen, lokalen Zusammenbrüchen der Energieversorgung aufgrund durchgebrannter Transformatoren, zu Störungen des GPS-Navigationssystems und zu Schäden an Kommunikationssatelliten.
Allerdings verliefen die Ereignisse am Ende doch jedes Mal relativ glimpflich, weil die „Sonnenstürme“ entweder weniger stark als 1859 waren oder die Erde diesmal nicht voll trafen. Später konnten die Netz- und Satellitenbetreiber aufgrund der Vorwarnzeit von ein bis zwei Tagen zudem noch einige Schutzmaßnahmen ergreifen.
Die Wahrscheinlichkeit, dass sich das Ereignis von 1859 innerhalb der nächsten Zeit wiederholt oder noch stärkere CME als damals auftreten, ist schwer abzuschätzen. Manche Forscher meinen, derart gewaltige Ausbrüche kämen nur alle fünfhundert Jahre vor, während andere das Risiko binnen der nächsten zehn Jahre auf immerhin zwölf Prozent beziffern. Auf jeden Fall zählen „Sonnenstürme“ heute zu den insgesamt 89 Ereignissen, welche theoretisch das Potenzial besitzen, zu einer sogenannten Globalen Katastrophalen Gefahr zu werden – in diesem Fall wegen der möglichen Zerstörung lebenswichtiger Infrastrukturen, die einem mehr oder weniger großen Teil der Menschheit das Leben kosten könnte.
Man stelle sich die Folgen des massenhaften Durchbrennens von Transformatoren vor: Solche meist recht großen und schweren Umformer liegen nicht auf Vorrat bereit, weswegen monatelange Stromausfälle in den betroffenen Regionen mit allen entsprechenden Konsequenzen unter anderem für die Lebensmittel- und Wasserversorgung drohen. Aber selbst wenn es Strom gäbe, würde eine Zerstörung vieler unserer empfindlichen elektronischen Geräte sowie der Ausfall der satellitengestützten Kommunikations- und Navigationssysteme nachgerade verheerende Auswirkungen auf die heutige Zivilisation haben. Insgesamt könnten die in diesem Zusammenhang auftretenden materiellen Schäden alleine in den USA bei zwei bis drei Billionen Dollar liegen.
Natürlich wurden inzwischen Vorkehrungen getroffen. So kreisen drei „Wächtersatelliten“ in 1,5 Millionen Kilometer Entfernung von der Erde. Sie sollen die Sonnenstürme frühzeitig ankündigen, sodass den Strom- und Datennetzbetreibern etwas mehr Zeit für vorsorgliche Abschaltungen bleibt. Darüber hinaus versucht man, wichtige Leitungen oder Infrastrukturen entsprechend abzuschirmen, was aber immense Kosten verursacht.
Nur 48 Stunden Vorwarnzeit
Die Bundesrepublik ist hier alles andere als ein Vorreiter – das gilt ebenso für die Abwehrbereitschaft gegen andere Globale Katastrophale Gefahren. Daher rangiert Deutschland auch nicht unter den ersten Zehn auf der im August vom Fachmagazin „Global Challenges“ vorgelegten Liste der Länder, die gegen Ereignisse wie Sonnenstürme zumindest im Ansatz gewappnet sind.
Und noch etwas ist beunruhigend. Zwischen 2012 und 2022 fanden Forscher um die japanische Astronomin Fusa Miyake bei Untersuchungen an uralten Hölzern heraus, dass es vor 1859 zu noch sehr viel gewaltigeren Strahlungsausbrüchen der Sonne, genannt Superflares, gekommen sein muss. Konkret passierte dies in den Jahren 12.350, 7.176, 5.410, 5.259 und 663 vor Chr. sowie 774 und 993 nach Chr.
Die Sonnenstürme dürften dabei mindestens die zehnfache Stärke von 1859 erreicht haben. Zunächst hieß es, die schweren Teilchenbombardements wären wohl aus den Tiefen des Alls gekommen, weil die Sonne wegen ihres vergleichsweise fortgeschrittenen Alters im Gegensatz zu jüngeren Sternen keine Superflares mehr erzeugen könne.
Doch dann bewiesen Beobachtungen des NASA-Weltraumteleskops „Kepler“ an sonnenähnlichen Sternen das Gegenteil. Damit steht auch die Frage, wann das nächste Miyake-Ereignis kommt, vor dem jedes Carrington-Ereignis verblasst. In den letzten gut 14.000 Jahren lag der Abstand zwischen den Superflares im Bereich von etwa 5.200 bis 150 Jahren. Da das letzte Miyake-Ereignis vor gut tausend Jahren auftrat, heißt das im Klartext: Alles ist möglich – und zwar jederzeit. Und keine Technik der Welt kann uns heute früher als 48 Stunden vor dem Eintritt der Katastrophe warnen.