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Sie werden beschmiert, besudelt und geschändet und erdulden diese Schmach dennoch wehrlos und schweigend
Nicht nur Bücher haben ihre Schicksale – ein Sprichwort, dass auf Latein gängig „habent sua fata libelli“ heißt –, sondern auch viele Denkmale. Denn auf dem Weg von der Zeichnung auf dem Reißbrett bis zur feierlichen Einweihung mit Blaskapelle kann einiges geschehen. Immerhin ist die Zahl der unvollendeten Projekte Legion.
Von dem beispielsweise 1937 geplanten „Palast der Sowjetunion“, einem 415 Meter hohen und von einer 70 Meter emporragenden Leninstatue gekrönten Gebäude, wurde – zum Leidwesen des auch international berühmten Architekten Boris Michailowitsch Iofan (1892–1976) – wegen des Zweiten Weltkriegs und weiterer Schwierigkeiten nur das Fundament fertiggestellt. Abgeschlossene Projekte können beschädigt oder gar zerstört werden, sei es durch Naturkatastrophen oder vor allem durch Kriegseinwirkungen.
Das beim Luftangriff auf Dresden am 13./14. Februar 1945 von seinem Sockel gerissene Lutherdenkmal vor der Frauenkirche bietet dafür ein eindrucksvolles Beispiel, für die Putins Angriffskrieg auf die Ukraine noch viele weitere Fälle präsentiert: Nach Angaben des ukrainischen Kulturministeriums waren bereits im Herbst 2023 mehr als 170 historische Denkmäler kriegsbedingt beschädigt. Dies obgleich ungezählte freiwillige Helfer Tausende von Sandsäcken zum Schutz wertvoller Denkmäler aufgeschichtet hatten, wobei leider unsicher ist, ob solche Schutzmaßnahmen gegen russische Flieger-, Raketen- und Drohnen-Angriffe überhaupt helfen.
Ernüchternd wirkt in diesem Zusammenhang die Information: „Der Komponist Dmitri Schostakowitsch vertonte Jewtuschenkos episches Gedicht ,Über Babi Jar, da steht keinerlei Denkmal'... in seiner 13. Sinfonie. Als auf dem Gelände dann tatsächlich ein Gebäude stand, das Teil eines künftigen Museums werden sollte, wurde dieses nach einem russischen Raketenangriff Anfang März 2022 durch einen Brand zerstört“ (Joachim Gauck/Helga Hirsch). Immerhin ist die Jewtuschenko-Aussage, „Über Babi Jar, da steht kein Denkmal“ spätestens seit dem Bau des jüdischen Menora-Museums (1991) in Babi Jar überholt.
Medien weisen auf Attacken hin
Außerhalb von Naturkatastrophen und außerhalb von Kriegseinwirkungen stehen ungleich weniger schadenstiftende, aber doch weithin kritisierte Attacken auf Denkmäler und andere Kunstwerke: Angegriffen werden Denkmäler in diesen Fällen nicht mit Bomben und Raketen, sondern mit Farbe. Je nach Grad der Empörung wechselt die Beschreibung von „bemalt“, „bespritzt“, „besprüht“, „beschmiert“, „besudelt“ bis zu „geschändet“ (Letzteres meist in Bezug auf Gedenkstätten oder Mahnmale). Auffallend oft wird für solche Aktivitäten die Signalfarbe Rot verwendet, vielleicht wegen ihrer besonders intensiven Sichtbarkeit, vielleicht aber auch wegen ihrer symbolischen Bedeutung („blutige Hände“). Oder es wird Schwarz verwendet, als Ausdruck einer morbiden Düsternis.
Erklärungen für diesen Aktivismus sind zumeist grassierender Antisemitismus – vor allem seit dem 7. Oktober 2023 nach dem Überfall der Hamas-Terroristen auf Israel, bei dem mehr als 1.200 Israelis getötet und mehr als 200 Geiseln in den Gaza-Streifen verschleppt wurden. Dürftige Gründe für die „bunten Anschläge“ sind ferner Aufarbeitung des Kolonialismus, Kritik an unzureichendem Klimaschutz oder eine Verurteilung des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine. Beispiele für so begründete Farbattacken gegen Denkmäler finden sich in häufigen Presseberichten aus den verschiedensten Städten der Welt. Hier ein paar überaus prägnante Beispiele:
• „Eine Woche nachdem das Memorial de la Shoah in Paris mit roten Handabdrücken geschändet wurde, verfügt die französische Polizei offenbar über Hinweise darauf, dass die Farbattacke von Russland aus gesteuert sein könnte“
• „Aktivisten besudelten Statuen des Königs Leopold II., unter dessen Regime Millionen von Kongolesen verstümmelt worden waren, mit roter Farbe“
• „In einer Nacht-und-Nebel-Aktion wurde das Monument (des Sklavenhändlers David de Pury in Neuenburg/Schweiz, d. Autor) mit roter Farbe, die das Blut von Sklaven symbolisieren sollte, beschmiert“
• „Das Marinedenkmal (in Swakopmund/Namibia, d. Autor), das gleich hinter der Strandpromenade den im Kampf gegen die „aufständischen Herero“ Gefallenen gedenkt, ist mit roter Farbe bespritzt“
• „Unbekannte haben das Ehrenmal zur Erinnerung an die im Zweiten Weltkrieg gefallenen Soldaten der Roten Armee in Potsdam mit roter Farbe beschmiert“
• „Die seit Jahren immer wieder vorkommenden Farbanschläge auf das Denkmal für die sowjetische Armee in Sofia –von manchen als Vandalismus verurteilt, von anderen als Aktionismus gefeiert – deutet den Wandel an, der sich vollzogen hat“
• „Weltkulturerbe besprüht. Zwei Mitglieder der Gruppe Just Stop Oil sitzen vor dem berühmten Steinmonument Stonehenge im Südwesten Englands. Klimaaktivisten hatten die Steine am Mittwoch mit orangefarbenem Pulver besprüht ... Nach Aussagen der Protestgruppe besteht die Farbe aus Maisstärke und ist damit wasserlöslich.“
Der Hinweis auf „wasserlöslich“ soll den Schaden mindern, der durch das Besprayen der Stonehenge-Steinmonumente eingetreten ist. Tatsächlich führen Farbattacken nicht nur zu Aufmerksamkeit, sondern auch zu finanziellen Kosten für die Beseitigung von deren Folgen. Im Fall der spektakulären Besprayung des Brandenburger Tors mit rosa und gelber Farbe durch Aktivisten der „Letzten Generation“ wird über diesen Aspekt wie folgt berichtet: „Die Reinigung des Brandenburger Tors in Berlin nach einer Farbattacke von Klimaaktivisten wird deutlich länger dauern und mehr kosten als gedacht. Das Farbgemisch ist wegen seines Wasseranteils tiefer in den Sandstein eingedrungen als angenommen“, sagte eine Sprecherin des Berliner Immobilienmanagements (BIM). Das BIM geht davon aus, dass die Arbeiten mehrere Wochen dauern und das Tor dafür eingerüstet werden muss. Es sei noch nicht möglich, die konkreten Kosten zu benennen; es sei von einer sechsstelligen Summe auszugehen.
Nicht minder teuer wird wohl die Restaurierung des mit grüner und orangegelber Farbe übergossenen Porträtkopfes des römischen Kaisers Augustus im Schlosshof des Museums „Alte Kulturen“ in Tübingen werden. Der Kustos des Museums hat auf die Frage: „Wie hat man den Farbanschlag auf den Tübinger Augustuskopf zu verstehen“ ausführlich geantwortet und kurz geseufzt: Die Restaurierung des aus Carraramarmor gefertigten rund 1,80 Meter hohen und mehr als fünf Tonnen schweren Augustuskopfes „wird noch viel Zeit und Geld in Anspruch nehmen'“.
Bunte Straftaten
Politisch motivierte Farbangriffe auf Denkmäler, Statuen und Porträtbüsten haben aber nicht „nur“ einen finanziellen Aspekt, sondern solche Attacken führen als strafbare „gemeinschädliche Sachbeschädigungen“ (§ 304 Strafgesetzbuch) auch zu grundsätzlichen Fragen zur Legitimität von sogenanntem zivilen Ungehorsam im demokratischen Rechtsstaat. Jürgen Kaube hat in seiner Abhandlung „Im Gefängnis der Erwartungen. Rätselhafte Kausalität: Wer die Sachbeschädigungen der Letzten Generation für legitim hält, stellt den demokratischen Diskurs infrage“ zutreffend und überzeugend Kritik an der Attacke auf das Brandenburger Tor geübt. Breite Kritik erfuhr auch die von Aktivisten der „Letzten Generation“ verübte Ausschüttung einer schwarzen Flüssigkeit auf die gläsernen Wände des Kunstwerks „Grundgesetz 49“ des israelischen Künstlers Dani Karavan im Berliner Regierungsviertel. Die Klimaaktivisten hatten dazu erklärt, man habe die Glasskulptur „in Erdöl getränkt“; Eine Untersuchung der Berliner Polizei ergab allerdings, dass die schwarze Farbflüssigkeit nicht aus Erdöl, sondern aus Tapetenleim und Dispersionsfarbe bestand.
Denkmäler sind geduldig, Statuen schweigen: Sie erdulden nicht nur Farbanschläge in Rot, Schwarz, Orange, Gelb, Grün oder – wenn von LGTB-Aktivisten begangen – in den Farben der Diversität, sondern auch aufgemalte kritische Sprüche: statt Farben als Worte (oder Worte und Farben). So wurde das vor dem britischen Parlament stehende Denkmal von Winston Churchill schon vor einigen Jahren mit dem Schimpfwort „Rassist“ versehen. Ob diese Bezeichnung stimmt, mag man in der voluminösen Churchill-Biographie von Franziska Augstein nachlesen und dann für sich individuell entscheiden.
Seltene kreative Wertschätzung
Im Verlauf der Protestaktionen gegen die von der Regierung Netanjahu gewünschte Justizreform in Israel wurde eine Statue des Zionisten Theodor Herzl in der Stadt Herzlia mit einem Tuch umhüllt mit dem Slogan: „Das ist NICHT, was ich meinte.“ Selbst in der Belletristik werden vom Schöpfer eines Denkmals nicht vorgesehene Inschriften erwähnt, so in dem in der Ukraine spielenden Roman „Hundepark“ der finnischen Autorin Sofi Oksanen in deutscher Übersetzung: „Am Petrowski-Denkmal und an dessen Sockel machten sich zwei Männer mit Putzgeräten zu schaffen. Wieder hatte jemand das Monument beschmiert und mit blutroten triefenden Buchstaben das Wort „Schlächter“ daraufgemalt“ (Grigori Iwanowitsch Petrowski, 1878–1958, war ein ukrainisch-russischer Politiker, der für das Massensterben im sog. Holomodor mitverantwortlich war).
Einfärbungen von Denkmälern oder anderen Kunstwerken müssen jedoch nicht immer nur kritisch motiviert sein. Die Leuchtkette, die Studenten der Humboldt-Universität zu Berlin der Statue des Namensgebers nach der Aufnahme der HU in die Exzellenzinitiative 2021 umhingen, war eine kreative Manifestation der Wertschätzung jener Entscheidung, und kreativ, wenn auch nicht immer rechtmäßig, war das Wirken des „Sprayers von Zürich“ – Oskar Naegeli, das ihn zu guter Letzt zum Pionier der Urban Art machte. Hier hat Farbe mal ein Denkmal gesetzt, statt es zu attackieren. Wie wohltuend.
sitra achra am 16.04.26, 16:21 Uhr
Und welches Fazit soll man ziehen? Die Sprayer verkünden auf diese Weise ihre Einstellung zum Weltgeschehen, risikolos und steuerfrei. Glücklicherweise hat uns unser ehemaliger Kunstlehrer am Gymnasium den Wert und die Bedeutung von Denkmälern anhand eines konkreten Mals aus der wilhelminischen Zeit erläutert, einschließlich intensiver Ortsbegehung. Aus diesem Grund halte ich dafür, auch Lenin-, Stalindenkmäler und andere kontroverse Objekte dieser Art zur historischen Schulung und den Geschichtssinn fördernden Anschauung intakt zu lassen.