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Le Pen oder Bardella

Frankreichs politisch rechte Kräfte sortieren sich neu

Die bisherige Brandmauer verschiebt sich nach links, um sich endlich deutlich gegen alles, was politisch links tickt, abzugrenzen

Peter Entinger
19.12.2025

In Frankreich erlebt die politische Rechte derzeit eine bemerkenswerte Neuorientierung. Jahrzehntelang galt eine strikte Abgrenzung der bürgerlichen Parteien vom „rechtsextremen“ Lager als Pflicht – die in Deutschland viel beschworene „Brandmauer“ gegen rechts hat also französische Vorbilder. „Republikanische Front“ nannte man das, wenn in Stichwahlen die angeblich „demokratischen Kräften“ Absprachen trafen, um einen Sieg der Rechten zu verhindern. Doch nun gerät dieser alte Wall ins Wanken. Ausgerechnet Ex-Präsident Nicolas Sarkozy, einst ein entschiedener Gegner des Front National, schlägt versöhnliche Töne gegenüber Marine Le Pen und ihrem Rassemblement National (RN) an. In seinen neuen Gefängnismemoiren lobt Sarkozy Le Pens Partei sogar als „keine Gefahr für die Republik“ und betont, der RN repräsentiere „sehr viele Franzosen“. Er habe Le Pen am Telefon versichert, er werde nicht länger an diesem alten Abgrenzungsritual festhalten, sondern „zu gegebener Zeit öffentlich vertreten“, dass ein Schulterschluss der Rechten notwendig sei.

Gemeinsamer rechter Kandidat
Eine Zusammenarbeit von Gaullisten und Le-Pen-Lager war in Frankreich jahrzehntelang tabu. Doch dieses Tabu bröckelt. Immer mehr Konservative stellen die alte Boykotthaltung in Frage, zumal ihre eigene Partei, die traditionsreiche Les Républicains (LR), an Bedeutung zunehmend verliert. 2024 schlug der damalige LR-Chef Éric Ciotti ein Bündnis mit Le Pen vor und spaltete damit seine Partei. Sein Nachfolger Bruno Retailleau spricht inzwischen sogar ganz offen von einer Annäherung: „Ich wende mich ausdrücklich an die Wähler des RN, damit wir eine Union der Rechten durch die Wahlurnen erreichen.“ Sogar die Bezeichnung des RN als Teil des „republikanischen Spektrums“ nimmt Retailleau in den Mund – ein Ritterschlag der Respektabilität. Und Laurent Wauquiez, Fraktionschef der verbliebenen LR-Abgeordneten, regte an, in einer gemeinsamen Vorwahl mit RN und dem deutlich weiter rechts stehenden Éric Zemmour (Reconquête) einen gemeinsamen Präsidentschaftskandidaten zu küren. Eine Brandmauer schiebt sich – von bisher rechts und Mitte recht nach links, um sich rechts gegen links klar abzugrenzen.

Im Lager Le Pen deutet man all diese Entwicklungen als späten Erfolg der eigenen Strategie der „Entteufelung“. Marine Le Pen bemüht sich seit Jahren, ihre Partei als gemäßigte, patriotische Kraft darzustellen, die auch für konservative Wähler anschlussfähig ist. Ihr kluger Verzicht auf extreme Forderungen wie den EU-Austritt und die Übergabe des Parteivorsitzes an den jungen Jordan Bardella dienten dazu, bürgerliche Wähler zu gewinnen. Und tatsächlich hat der RN Zulauf: In Umfragen zur Präsidentenwahl 2027 liegt Le Pen weit vorn und hätte – Stand jetzt – sehr realistische Chancen, den Élysée-Palast zu erobern. Manche Beobachter sprechen angesichts der politischen Spannungen bereits von der schwersten Krise der Republik seit dem Algerienkrieg. Die Mitte bröckelt, die Linke ist zerstritten, und die rechte Seite des Parteienspektrums rückt enger zusammen.

Justiz grätscht dazwischen
Doch just in dem Moment, da Le Pens greifbarer Machtanspruch die französische Rechte eint, steht ihre eigene politische Zukunft auf der Kippe. Im März dieses Jahres wurde die 57-Jährige vom Pariser Strafgericht wegen Veruntreuung von EU-Parlamentsgeldern schuldig gesprochen. Das Urteil fiel drastisch aus: vier Jahre Haft (zwei davon auf Bewährung) sowie eine Geldstrafe – und vor allem der Entzug ihres passiven Wahlrechts für fünf Jahre. Damit wäre Le Pen von der Kandidatur 2027 ausgeschlossen.

Die RN-Chefin selbst spricht von einem „politisch motivierten“ Richterspruch, der allein dazu diene, ihre Präsidentschaftsambitionen zu blockieren. Sie legte umgehend Berufung ein und beteuert ihre Unschuld. „Viele Millionen Franzosen sind fassungslos – in Frankreich, dem Land der Menschenrechte, haben Richter Methoden angewandt, die wir bisher nur aus autoritären Regimen kannten“, empörte sich Le Pen. Und damit schließt sich der Kreis zu Ex-Präsident Sarkozy. Der war wegen illegaler Wahlkampf-Finanzierung zu einer fünfjährigen Haftstrafe verurteilt worden. Das Urteil war zunächst rechtskräftig, der Christdemokrat rückte für 20 Tage ein. Mittlerweile ist er wieder draußen und hat prompt ein Buch geschrieben. Die Feindbilder von Le Pen und Sarkozy sind mittlerweile die gleichen. Dazu gehört eine vermeintlich links gesteuerte Justiz.

Im Januar steht nun der Berufungsprozess an, der darüber entscheiden wird, ob Le Pen doch noch bei den für sie wichtigen Wahlen antreten darf. Sollte das Urteil bestätigt werden, müsste der RN einen Ersatz für sie ins Rennen schicken. Bereits jetzt steht Bardella als möglicher Spitzenkandidat bereit. Oder es schlägt die Stunde eines Republikaners. Möglich, dass auch Sarkozy darauf spekuliert.


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