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In der Diaspora arbeiten deutsche Nachbarn in Polen und Tschechien zusammen
Der oberschlesische Kurort Ziegenhals [Głuchołazy] liegt unmittelbar an der Grenze zu Tschechien, am Fuß des Altvatergebirges. Nur einen Katzensprung entfernt, bereits in Tschechisch-Schlesien liegt Niklasdorf [Mikulovice] im Kreis Freiwaldau. Auf beiden Seiten der heutigen Grenze leben nur noch wenige Deutsche, die jedoch Kontakt zueinander pflegen und sich mit der Geschichte der Region beschäftigen.
Am 11. September war es wieder so weit. Deutsche aus Ziegenhals, dem tschechischen Kreis Freiwaldau und Vertreter von Heimatverbänden aus Bayern kamen zusammen. Anlass war der 80. Jahrestag der organisierten Vertreibungsmaßnahmen aus Niklasdorf, einem Ort, der bei der Volkszählung von 1930 einschließlich Buchberg 3.338 Einwohner zählte – davon waren 3.145 Deutsche.
Nach dem Krieg wurden die Deutschen wegen der Beneš-Dekrete enteignet und fast ganz vertrieben. An ihr Schicksal erinnern der im letzten Jahr errichtete „Stein der Versöhnung“ in Schwarzwasser [Černá Voda] und ein Gedenkort in Niklasdorf. In den dortigen Baracken der einstigen Heeresmunitionsanstalt wurden nach dem Krieg 51.000 Deutsche des Kreises Freiwaldau vor ihrer Ausweisung zusammengeführt. Von hier gingen die Transporte in die Besatzungszonen.
Die Erinnerung daran war Ausgangspunkt für die Begegnung in Ziegenhals. Eingeladen hatte Prof. Alina Dittmann, Wissenschaftlerin an der Hochschule in Neisse [Nysa] und Mitglied der deutschen Gesellschaft in Ziegenhals. Dittmann habe schon mehrmals zum Austausch eingeladen, sagt Erika Vosáhlo (64) aus Mährisch Schönberg [Šumperk]. „Wir kennen uns schon viele Jahre, Alina besucht unsere Veranstaltungen mit den Deutschen aus Ziegenhals. Die Gäste aus Bayern sind ebenfalls unsere guten Bekannten“, so die Leiterin des Begegnungszentrums in Mährisch Schönberg und Präsidiumsmitglied der Landesversammlung der deutschen Vereine in der Tschechischen Republik. „Wir wollen uns hauptsächlich begegnen. Wir sprechen über die Geschichte, und wir wollen unseren Besuchern die deutsche Geschichte unserer Region zeigen und erklären, dass wir auch diese Geschichte leben und weitergeben wollen als Minderheit an die Mehrheit.“
Für Ziegenhals hat die grenzüberschreitende Begegnung auch eine touristische Seite. Bürgermeister Paweł Szymkowicz freut sich: „Wir wollen, dass viele Besucher Ziegenhals besuchen und freuen uns auch über Heimwehtouristen, deshalb werden auch sie von uns bestmöglich empfangen“, so Szymkowicz, der gerne als Fremdenführer seine Stadt zeigt.
Eine solche Reise in die alte Heimat absolviert Dora Gebhardt häufig. Sie wurde am 12. April 1944 in Ziegenhals geboren, ihre Eltern lebten im nahen Niklasdorf. Seit Jahrzehnten kommt sie regelmäßig zurück: „Ich fühle mich mit Ziegenhals so verbunden wie auf der anderen Seite mit Niklasdorf und dem Sudetenland. Ich komme seit 36 Jahren.“
Ebenfalls von deutscher Seite gehören Hermann Baur, Wilhelm und Brunhilde Rubick oder Uwe Straube zu den sudetendeutschen Heimwehtouristen. Für Baur, der selbst aus dem Kreis Freiwaldau stammt, geht es inzwischen um mehr als die Erinnerung an die verlorene Heimat. Er hat in Tschechien Freundschaften geschlossen: „Mir geht es darum, dass die Völker in Frieden zusammenleben können. Ich beobachte, dass das von Jahr zu Jahr besser klappt. Wir haben jetzt Freunde in Tschechien, keine Verwandten, einfach Freunde, die mich lieb gewonnen haben, die uns Vertriebene lieb gewonnen haben.“
Baur sowie die Eheleute Rubick organisieren seit rund 35 Jahren Heimatreisen in das hiesige Altvatergebiet. Die Rubicks sind in der Sudetendeutschen Landsmannschaft aktiv und Ortsbetreuer von Schwarzwasser [Černá Voda], Baur von Domsdorf [Tomíkovice]. Unterstützt werden sie von der Ortsgruppe des Verbandes der Deutschen Nordmähren-Adlergebirge in Freiwaldau. Zum Programm gehören Gottesdienste, Gedenkveranstaltungen, Begegnungen mit den heutigen Bewohnern, Besichtigungen historischer Orte und gemeinsame Veranstaltungen. „Frieden erreicht man nicht mit Reden, Schwätzen, wie es die Politiker oft machen, sondern durch Taten“, so Baur.
Kein leeres Geschwätz, sondern Taten – das ist auch die Devise von Prof. Dittmann. Sie ist Autorin zahlreicher Vorträge, Ausstellungen und Publikationen zur Geschichte ihrer Heimatstadt und des Umlandes – auch grenzüberschreitend. Seit 1992 ist sie über den Verband der deutschen Minderheit mit Heimatvertriebenen auch freundschaftlich verbunden. Es liegt ihr daran, dass die Heimat der Vorfahren allen immer zugänglich sei, da das natürliche Bedürfnis, sich die Geschichte der Vorfahren zu erschließen, elementar sei, sagt sie. „Die Heimatvertriebenen aus Nordmähren und dem Sudetenland, die uns besuchten, gehören historisch auch zum Fürstbistum Neisse und kennen den Zusammenhang zwischen den Orten, die heute in Polen und in der Tschechischen Republik liegen. Sie hatten Interesse an Ziegenhals und ich hatte Interesse an ihren Schicksalen, an den Berichten der Zeugen der Geschichte. Vorrangig war aber der Gedanke der Annäherung über die Grenze hinweg. Und besonders wichtig und wertvoll finde ich auch die Zusammenarbeit mit dem Verband der Deutschen aus Mährisch Schönberg“, begründet die Ziegenhalserin Dittmann ihre Aktivitäten.