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Ein Vermächtnis, das spät gewürdigt wurde: Die 2019 eröffnete James-Simon-Galerie erinnert auf der Museumsinsel an den Mäzen
Bild: ShutterstockEin Vermächtnis, das spät gewürdigt wurde: Die 2019 eröffnete James-Simon-Galerie erinnert auf der Museumsinsel an den Mäzen

Großzügigkeit und späte Dankbarkeit

Ohne James Simon gäbe es die Nofretete nicht in Berlin – Vor 175 Jahren wurde der große Berliner Kunstmäzen geboren

Veit-Mario Thiede
15.09.2026

An der Landesvertretung Baden-Württembergs in der Tiergartenstraße befindet sich eine Gedenktafel mit der Inschrift: „Mäzen, Wohltäter, Patriot und jüdischer Weltbürger.“ Sie ist dem am 17. September 1851 in Berlin geborenen James Simon gewidmet, der an dieser Stelle mit seiner Frau Agnes und den Kindern Helene, Heinrich und Marie-Luise eine im Zweiten Weltkrieg zerstörte Villa bewohnte. Seit den 1890er Jahren leitete er zunächst mit seinem Onkel, dann mit seinem Cousin das Familienunternehmen „Gebrüder Simon, Leinwand-Niederlage und Baumwollwarenfabrik“. Bis zum Ersten Weltkrieg liefen die Geschäfte prächtig. Simon war damals der siebtreichste Mann der Stadt und verfügte über ein Jahreseinkommen von etwa 2,4 Millionen Mark.

Etwa ein Drittel seines Jahreseinkommens wendete Simon für wohltätige Zwecke auf. Es wird geschätzt, dass er 60 bis 70 Vereinigungen gefördert hat. Besonders das Kindeswohl lag ihm am Herzen. So unterstützte er den „Verein zum Schutze der Kinder vor Misshandlung und Ausnutzung“. Gemeinsam mit Franz von Mendelssohn finanzierte er das vom Verein betriebene „Haus Kinderschutz“.

Um die desolaten hygienischen Zustände zu lindern, unter denen viele Berliner litten, stiftete er die erste Volksbadeanstalt der Stadt. Mit Paul Nathan gründete er 1901 den „Hilfsverein der deutschen Juden“. Dessen Ziel war es, „die sittliche, geistige und wirtschaftliche Entwicklung der Glaubensgenossen zu fördern“. Der Hilfsverein, dessen Präsident Simon bis zu seinem Tod 1932 war, verhalf Hunderttausenden von Juden dazu, aus oder über Deutschland auszuwandern.

In der Weimarer Republik geriet das Baumwollunternehmen der Simons in wirtschaftliche Schieflage und ging 1931 in Konkurs. Im Jahr darauf wurde in „Rudolph Lepke's Kunst-Auctions-Haus“ der Nachlass von Simon versteigert. Im Vorwort des Auktionskatalogs schrieb der Kunsthistoriker Max J. Friedländer über den Geschäftsmann: „Was er geschaffen hat, bekunden seine Stiftungen in den Berliner Museen, die mit ihm ihren einzigen Gönner großen Stils verloren haben.“

Simon kam dem Kaiser zuvor

Friedländer war von 1908 bis 1930 Leiter des Berliner Kupferstichkabinetts und von 1929 bis 1933 Direktor der Gemäldegalerie. Wie auch Wilhelm von Bode, Gründungsdirektor der Königlichen Museen auf der Museumsinsel, beriet er Simon bei dessen Kunsterwerbungen. Für die gab er etwa zehn Prozent seines Jahreseinkommens aus.

Mit seinen großzügigen Schenkungen verhalf Simon den Berliner Museen zu Weltgeltung. Seine Stiftungen befinden sich heute in sieben Sammlungen, etwa in der Antikensammlung, dem Münzkabinett oder den Museen für Byzantinische und Islamische Kunst, und umfassen mehr als 10.000 Objekte. Das berühmteste ist die im Neuen Museum ausgestellte Büste der Nofretete, der Hauptfrau des Pharaos Echnaton, die zu den Funden der 1911 bis 1914 von der Deutschen Orientgesellschaft im ägyptischen Tell el-Ar­mana durchgeführten Grabungen gehört.

Simon war 1898 einer der Gründerväter und Hauptfinanzier der Deutschen Orientgesellschaft, die 1901 Kaiser Wilhelm II. zu ihrem Protektor gewinnen konnte. Den 1899 bis 1917 in Babylon erfolgten Grabungen verdanken die Berliner Museen die Prozessionsstraße und das Ischtar-Tor, die zu den Prunkstücken des momentan wegen Sanierung geschlossenen Pergamonmuseums gehören. Die Grabungen in Tell el-Amarna, wo Echnaton um 1340 vor Christus seine neue Hauptstadt errichten ließ, gingen ganz auf Simons Rechnung. Er war der Besitzer der Grabungslizenz, welche die Fundteilung mit dem ägyptischen Staat festlegte. Den ihm so zugefallenen Teil der Funde stiftete er 1920 den Berliner Museen.

Kurz nach Kriegsende 1918 tat Simon etwas, das zu diesem Zeitpunkt keinem anderen Sammler eingefallen wäre: Er macht dem Kaiser-Friedrich-Museum, das heute Bode-Museum heißt, eine Großstiftung. Sie bestand aus 350 Werken. Vor allem handelte es sich um deutsche und niederländische Holzplastik des Spätmittelalters, ergänzt um einige Möbel und Gemälde. Auch zur Eröffnung des Museums 1904 hatte er eine umfangreiche Schenkung gemacht: etwa 500 Skulpturen, Gemälde, Möbel und Medaillen aus der italienischen Renaissance.

An Schenkungsvertrag erinnert

Laut Schenkungsvertrag wurde für einen Teil von ihnen das „James-Simon-Kabinett“ geschaffen. Dieser von ihm persönlich eingerichtete Raum sollte für 100 Jahre erhalten bleiben. Dessen größtes Prunkstück ist Andrea Mantegnas Gemälde „Maria mit dem schlafenden Kind“ (um 1455–1460), zu dessen Erwerb Wilhelm von Bode dem Kunstsammler geraten hatte.

Die Nationalsozialisten wollten die Erinnerung an Simon und andere jüdische Stifter auslöschen, indem sie deren Namen auf den Objektschildern durch den schlichten Hinweis „Geschenk“ ersetzten. Das James-Simon-Kabinett lösten sie 1939 auf. Der Großmäzen geriet danach weitgehend in Vergessenheit. Seit einigen Jahren aber hat man sich wieder auf ihn besonnen. Und so halten sich die Staatlichen Museen zu Berlin inzwischen wieder an den Schenkungsvertrag. Sie eröffneten 2019 im Bode-Museum das rekonstruierte, mit 50 Gemälden, Skulpturen, Reliefs, Medaillen und Möbelstücken ausgestattete James-Simon-Kabinett anlässlich der Einweihung der neu erbauten, als zentrales Empfangsgebäude der Museumsinsel dienenden James-Simon-Galerie.

Das klingt nach später Dankbarkeit, die der große Berliner Mäzen und Wohltäter offenbar grundsätzlich von niemandem erwartet hat. Er äußerte: „Dankbarkeit ist eine Last, die man niemandem aufbürden sollte.“


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