Preußische Allgemeine Zeitung Zeitung für Deutschland · Das Ostpreußenblatt · Pommersche Zeitung
Viele rechneten mit Messerschmitt, stattdessen schaffte ein bis dato verkannter Pionier den technischen Durchbruch
Als der Düsenjäger der deutschen Wehrmacht schlechthin gilt eigentlich die Messerschmitt Me 262. Doch sowohl das erste zweistrahlige Flugzeug als auch der erste Düsenjäger kam hingegen aus dem Hause Heinkel – die He 280.
Verantwortlich für die Überraschung war der im Dreikaiserjahr 1888 im württembergischen Grunbach geborene Ingenieur und Unternehmer Ernst Heinkel, der sich ebenso als Flugzeugkonstrukteur engagierte. Ab 1922 stand er an der Spitze der von ihm gegründeten Flugzeugwerke in Rostock.
Man bedenke: In den 30er Jahren lag die Reisegeschwindigkeit von Verkehrsflugzeugen bei 220 Kilometern in der Stunde. Das Höchsttempo von Jagdflugzeugen betrug in etwa das Doppelte. Das stellte zwar die Land- und Wasserfahrzeuge dieser Zeit in den Schatten, war aber natürlich nichts im Vergleich mit den heutigen Spitzengeschwindigkeiten, die bei zivilen Flugzeugen bei tausend Kilometern in der Stunde liegen und bei militärischen sogar bei dem Dreifachen.
Doch Heinkel hatte bereits damals die Vermutung, dass in einem Flugzeug mehr Potential steckt als in den damals üblichen Propellermaschinen mit Kolbenmotor. Er setzte kurzum auf eine alternative Antriebstechnik. Dafür stellte er den Physiker und Erfinder Hans Joachim Pabst von Ohain ein. Im Auftrag Heinkels entwickelte Pabst von Ohain mit seinem Team ab 1936 das mit Flüssigtreibstoff betriebene Strahltriebwerk Heinkel HeS 3. Für diese Düse wurde auch das Versuchsflugzeug Heinkel He 178 gebaut. Am 27. August 1939 erfolgte der Erstflug dieses weltweit ersten von einem Strahltriebwerk angetriebenen Flugzeugs.
Testpilot Erich Warsitz, der an diesem Spätsommertag hinter dem Steuerknüppel saß, zeigte sich nach nur zwei Platzrunden über dem Werksflugplatz mit 600 Kilometern pro Stunde regelrecht begeistert. Er schwärmte, die Maschine sei „herrlich zu fliegen“ gewesen und er habe „sofort das Gefühle der völligen Sicherheit“ gehabt.
Ermutigender Erfolg der He 178
Nachdem das neue Triebwerk die Bewährungsprobe bestanden hatte, ging es nun darum, ein Produkt für die Serienfertigung zu entwickeln. Der Zeitdruck war umso höher, als nur wenige Tage nach dem Erstflug der Zweite Weltkrieg ausgebrochen war. So ein rasantes Flugzeug musste einfach entwickelt werden. Das Ziel: ein zweidüsiges Jagdflugzeug.
Zum Start war diesmal das Flugzeug bereits vor dem Antriebsaggregat fertig. Um schon einmal die Aerodynamik testen zu können, wurde die erste Maschine, eine He 280 V1, mit Düsen-Attrappen ausgestattet und am 22. September 1940 im Schlepptau einer Heinkel He 111 auf viertausend Meter Höhe gebracht. Der folgende Gleitflug verlief nach dem Ausklinken des Schlepptaus absolut problemlos.
Im darauffolgenden Jahr stand mit dem Heinkel HeS 8 auch das entsprechende Strahltriebwerk endlich zur Verfügung. Mit zwei dieser Antriebe stieg dann am 30. März 1941 die He 280 V2 erstmals aus eigener Kraft in die Luft. Damit war der Heinkel-Düsenjäger der Konkurrenz-Entwicklung von Messerschmitt über ein Jahr voraus.
Triebwerks-Probleme und mehr
Trotzdem zog die He 280 gegenüber der Me 262 den Kürzeren. Das hatte diverse Gründe, die sowohl mit dem Flugzeug als auch mit der Düse zu tun hatten. So fehlte der Heinkel im Gegensatz zur Messerschmitt noch die heute längst übliche Pfeilung der Tragflächen. Auch bewährte sich das eher unkonventionelle Doppelleitwerk nicht. Denn bei höheren Geschwindigkeiten fing es an zu schwingen.
Noch größer waren die Probleme mit der neuen Antriebstechnik, immerhin das Herzstück des Innovationsträgers. Das Strahltriebwerk HeS 8 erreichte daher nie die Serienreife. So wurden bei Heinkel alternative Versuche mit Aggregaten anderer Anbieter unternommen, beispielsweise mit dem ersten serienreifen Strahltriebwerk überhaupt, dem Junkers Jumo 004. Dieses wurde auch für die Me 262 verwendet, war allerdings derart groß, dass sich beim Einbau in die He 280 Probleme mit der Bodenfreiheit ergaben. Versuche mit dem Pulsstrahltriebwerk Argus As 014 zeitigten zudem große Schwingungsprobleme. Auch das Einwellen-Strahltriebwerk BMW 003 wurde getestet. Allerdings ging dieses erst im August 1944 in die Serienfertigung und kam damit für die He 280 zu spät. Da war die Entscheidung schon für die Me 262 gefallen. 1943 entschied sich das Reichsluftfahrtministerium für die Messerschmitt.
Wenn die He 280 auch nie in Serie gegangen ist, so ist sie doch ein Meilenstein. Und das bezieht sich nicht nur auf die Antriebstechnik. Denn das Flugzeug war auch das erste, das einen Schleudersitz besaß und in dem dieser auch vom Piloten zum Notausstieg genutzt wurde. Bei der ersten He 280 überhaupt, der He 280 V1, kam es am 13. Januar 1943 anders als beim reibungslosen Erstflug vom 22. September 1940 zu einem Problem beim Ausklinken des Schleppseils. Pilot Rudolf Schenk wusste sich nicht anders zu helfen, als den Schleudersitz zu betätigen. Die Neuentwicklung bewährte sich. Das Flugzeug war zwar verloren, aber der Flugzeugführer landete unverletzt an einem Fallschirm wie unzählige Benutzer eines Schleudersitzes nach ihm.