21.09.2026

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Vor 125 Jahren starb die deutsche Kaiserin, preußische Königin und britische Prinzessin Victoria

Hoffnungsträgerin der Liberalen ihres Volkes

Durch die kurze Regierungszeit ihres geliebten Mannes blieb der gebildeten Herrschergattin nachhaltiger Einfluss versagt

Heinrich Prinz von Hannover
07.08.2026

Das viktorianische Zeitalter, wie man es in Großbritannien bezeichnet, und die wilhelminische Ära, die in Deutschland etwas später folgte, waren eng durch dynastische Beziehungen verbunden. Das wohl wichtigste Verwandtschaftsverhältnis zwischen den beiden Herrschern, nach denen die jeweilige Epoche benannt wurde, bestand darin, dass Königin Victoria von Großbritannien, die von 1837 bis 1901 regierte, die Großmutter von Kaiser Wilhelm II. war, der von 1888 bis 1918 in Deutschland auf dem Thron saß. Königin Victorias am 21. November 1840 im Buckingham Palace geborene und Vicky genannte älteste Tochter Victoria heiratete 1858 mit 17 Jahren Kronprinz Friedrich Wilhelm von Preußen, den späteren deutschen Kaiser und König von Preußen Friedrich III.

Friedrich regierte im sogenannten Dreikaiserjahr 1888 nur 99 Tage, weil sein Vater fast 91 Jahre alt wurde, er selbst hingegen mit 56 Jahren schon vergleichsweise jung an den Folgen von Kehlkopfkrebs verstarb. Die Ehe war überaus glücklich, und beide schrieben sich gegenseitig während des Getrenntseins viele Briefe, die uns heute tiefe Einblicke in politische und familiäre Gegebenheiten gewähren.

Vicky war nicht nur das älteste, sondern auch das Lieblingskind von Prinz Albert und Königin Victoria. Schon mit acht Jahren sprach sie fließend Deutsch und Französisch. Zusammen mit ihrem Bruder „Bertie“, dem späteren König Edward VII., bekam sie eine sehr moderne Erziehung. Ihre Eltern verfolgten in London mithin eine kluge und weitsichtige Heiratspolitik. Sechs ihrer Kinder heirateten in deutsche Fürstenfamilien ein. Königin Victoria hatte vor allem gegen die Politik des preußischen Ministerpräsidenten Otto von Bismarck eine große Abneigung, und sie sah in der Ehe ihrer ältesten Tochter Vicky mit dem deutschen Kronprinzen Friedrich Wilhelm die besten Chancen, ein stabiles und liberales Deutschland zu schaffen. Allerdings war ihre Vorstellung von einem liberalen Deutschland eher an das britische Modell angelehnt und nicht unbedingt an die liberalen Bewegungen in Deutschland.

Sie liebte Mann und Familienleben

Im Februar 1858 umjubelten die Berliner den Einzug der jungen Kronprinzessin Victoria von Preußen. Als Kronprinzessin brachte sie acht Kinder zur Welt, darunter im Jahr 1859 den späteren Kaiser und König Wilhelm II. Neben ihrem umfangreichen Briefwechsel mit ihrem Ehemann unterhielt Vicky auch eine lebenslange Korrespondenz mit ihrer Mutter. Aus diesen erhaltenen Briefen zwischen Mutter und Tochter geht eindrucksvoll hervor, wie sich die junge Kronprinzessin unter erheblichem Einfluss ihrer Eltern für die Einführung einer konstitutionellen Monarchie nach englischem Vorbild in Preußen einsetzte. Der liberale Kronprinz stimmte ebenfalls dieser Staatsform zu.

Doch Bismarck fing immer wieder Teile dieses umfangreichen Briefwechsels ab und notierte in einem Schreiben an General Leopold von Gerlach: „Gelingt es der Prinzessin, die Engländerin zu Hause zu lassen und Preußin zu werden, so wird dies ein Segen für das Land sein. [...] Bleibt also unsere künftige Königin auf dem preußischen Throne auch nur einigermaßen Engländerin, so sehe ich unseren Hof von englischen Einflussbestrebungen umgeben [...] die unser Land schlecht machen.“

Kronprinzessin Victoria war überaus gebildet und ihre geistigen Interessen pflegte sie zeitlebens. Neben Geschichte und Politik beschäftigte sie sich mit Kunst, Musik, Medizin und Religion. Sie war wie ihre Mutter willensstark und emotional, gepaart mit wenig diplomatischem Geschick – Eigenschaften, die es ihr nicht gerade leicht machten, sich in ihrer neuen Heimat zurechtzufinden. Der preußische Hof war durch strenge Etikette geprägt und sie sprach ganz offen aus, dass „zu Hause“ alles besser sei, zeigte ihre Abneigung gegen das preußische Zeremoniell und zog sie interessierende Menschen den Angehörigen des Hofes vor. Im Berliner Stadtschloss, in dem beide vorübergehend unterkamen, da sich das Kronprinzenpalais noch im Bau befand, gab es keine Badezimmer. Sie störte das mehr als ihren Mann, der sich nach Soldatenmanier mit kaltem Wasser wusch. Umso mehr genoss die Kronprinzessin die wenigen freien Stunden, die sie mit ihrem Mann allein verbringen konnte.

Bei der Geburt des Thronfolgers Prinz Wilhelm schwebten Mutter und Kind mehrere Stunden in Lebensgefahr, und beider Leben konnte nur durch eine Zangengeburt gerettet werden. Dabei erlitt der Säugling Verletzungen, die fatale Folgen nach sich zogen. Sein linker Arm blieb für immer gelähmt. Dies löste bei der Kronprinzessin Minderwertigkeitskomplexe aus. Sie glaubte, als Mutter versagt zu haben. So wurde ihre Beziehung zu ihrem erstgeborenen Sohn, anders als zu ihren weiteren Kindern, sehr problematisch. Wilhelm versuchte stets, die Liebe und Anerkennung seiner Mutter zu gewinnen, die ihn mit unerbittlicher Härte erzog. Vicky liebte dagegen die jüngeren Kinder bedingungslos und verlangte weniger Leistung von ihnen als von den drei älteren: Wilhelm, Charlotte und Heinrich. Sie ging, im Gegensatz zu ihrer Mutter, die sich über die vielen Schwangerschaften beklagte, ganz in ihrer Aufgabe als Mutter auf. Hart traf Vicky der Tod zweier ihrer Kinder. Sigismund starb 1866 an einer Gehirnhautentzündung und Waldemar an Diphtherie.

Trotz aller Frustration, die Vicky am preußischen Hof erlitt, an dem sie zeitlebens die Fremde, die Engländerin blieb, vergötterte sie ihren Ehemann und liebte ihr intaktes Familienleben. Daraus Kraft schöpfend, förderte sie als Kunstliebhaberin die Gründung des Berliner Kunstgewerbemuseums. Sie widmete sich wohltätigen Zwecken und unterstützte die Frauenbildung.

Im Jahr 1866 übernahm die liberale Kronprinzessin das Protektorat für den Lette-Verein, eine Einrichtung zur Förderung der Erwerbstätigkeit der Frau. In der Wirtschaftsschule des Vereins konnten junge Frauen in Kursen Kenntnisse für den Hausfrauenberuf oder den der Hausbeamtin in größeren Haushalten und Sanatorien erwerben. Der Gründer des Lette-Vereins schrieb 1865 zu den Zielen des Vereins: „Was wir nicht wollen und niemals [...] wünschen und bezwecken, ist die politische Emanzipation und Gleichberechtigung der Frauen.“ Ob die Kronprinzessin mit den Zielen des Vereins konform ging, wissen wir nicht. Aber ihr großes soziales Engagement war authentisch und ehrlich, denn sie förderte viele andere karitative Einrichtungen in Berlin, die im weitesten Sinne der Selbstständigkeit der Frauen dienten. In der Victoriaschule für Mädchen, einem Lyzeum unter englischer Leitung, wurde der erste Turnunterricht für Mädchen eingeführt, eine Neuerung, die in Preußen als unweiblich abgetan wurde.

Ihre Pläne wurden vereitelt

Das Jahr 1866 war ein Wendejahr der deutschen Geschichte. Im Sommer wurde der Kampf um die Vorherrschaft in Deutschland zwischen der süddeutschen Großmacht Österreich und der norddeutschen Großmacht Preußen entschieden. Mit dem Sieg Preußens wurde eine wichtige Voraussetzung für die Bildung des um Österreich verkleinerten Deutschland geschaffen, die sogenannte kleindeutsche Lösung der deutschen Frage.

Als Befehlshaber der 2. Armee spielte der Thronfolger eine wichtige, bei der den zweiten Einigungskrieg entscheidenden Schlacht von Königgrätz am 3. Juli sogar eine entscheidende Rolle. In der mit ihrem Mann geführten Korrespondenz brachte Vicky immer wieder ganz unverhüllt zum Ausdruck: „Ich mißtraue [...] was von Bismarck ausgeht“, dessen „ruchlose Politik [...] das Vaterland in solche Gefahr gebracht hat“. Diese Einstellung wurde von Friedrich Wilhelm zwar geteilt und mitgetragen, aber bereits in dieser Zeit ließ Friedrich Wilhelm seine Überzeugung erkennen, dass die „volle Durchführung solcher Entschlüsse“ wie der Krieg gegen Österreich „nun einmal die Dinge so weit getrieben hat“, „eine zwingende Nothwendigkeit“ sei.

Am 4. Juli 1866 ließ die Kronprinzessin keinen Zweifel daran aufkommen, dass sie die politischen Folgen des Krieges dann doch entschlossen mittrug. „Die brillanten u. glorreichen Erfolge unseres edlen Volkes in Waffen kann nie meine Meinung über Bismarck ändern [...] Die Fürsten wieder einzusetzen, wäre ein Unsinn. Wie können sie denn jemals mit uns gehen.“ Sie rechnete auch bereits mit der Möglichkeit eines weiteren Krieges: „[...] wer weiß, ob wir nicht werden einen 3ten Krieg führen müssen, um das zu erhalten, was wir jetzt gewonnen.“

Während des Deutsch-Französischen Krieges von 1870/71 kümmerte sich die Kronprinzessin gemeinsam mit ihrer Schwester Großherzogin Alice von Hessen-Darmstadt aktiv um Verwundete in den Lazaretten. Vicky und Alice reisten von Lazarett zu Lazarett, eine Tätigkeit, die schwierig und belastend war. In ihren Briefen an die gemeinsame Mutter beschreibt Vicky sehr eindringlich die zum Teil katastrophalen Umstände der Verwundetenversorgung.

Ihre politischen Pläne, die Verwandlung Preußens in eine konstitutionelle Monarchie, konnte Vicky nie verwirklichen, da ihr Mann bereits todkrank war, als er auf den Thron kam. Ihr ältester Sohn hatte ihre politischen Ansichten immer zu durchkreuzen versucht. Durch den Tod ihres Mannes eines Großteils ihres Einflusses beraubt, ließ sich die Witwe, die sich nun Kaiserin Friedrich nannte, fernab der Hauptstadt im Westen des Staates, in Kronberg im Taunus, ihren Alterswohnsitz Schloss Friedrichshof erbauen. Dort lebte sie zurückgezogen bis zu ihrem Tod am 5. August vor 125 Jahren.

• Heinrich Prinz von Hannover ist ein Ururenkel von Kaiserin Friedrich.


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